Zeitung Heute : Wer ist Hassan Nasrallah?

Frank Jansen

NASRALLAH IST FÜHRER DER HISBOLLAH IM LIBANON. WIE WURDE ER ZU EINEM FUNDAMENTALISTEN?

Hassan Nasrallah wurde 1960 in Beirut geboren. Sein Vater, ein Schiit, war Gemüsehändler und stammte aus dem südlibanesischen Dorf Bassouriyeh. Als 1975 der Bürgerkrieg ausbrach, floh die Familie mit inzwischen neun Kindern vor den Kämpfen in der Hauptstadt dorthin. Hier schloss sich Nasrallah der schiitischen Amal-Miliz an. Schon der Name „Amal“ symbolisiert den Zustand, in dem sich damals die überwiegende Mehrheit der Schiiten im Libanon befand. „Amal“ ist nicht nur die Abkürzung für „afwaj al-muqawama al-lubnaniya“ (Bataillone des libanesischen Widerstands), das Wort bedeutet im Arabischen auch „Hoffnung“. Die Schiiten fühlten sich im Libanon vernachlässigt und hofften, mit einer Miliz ihren politischen und sozialen Status verbessern zu können.

Nasrallah wuchs also wie die meisten libanesischen Schiiten seiner Generation im Bewusstsein auf, gegen die eigene Benachteiligung kämpfen zu müssen. Parallel dazu erlebte Nasrallah wie alle Libanesen die Traumatisierung durch den Bürgerkrieg. Viele Anhänger der Amal suchten Antworten im Islam. Nasrallah fiel beim Studium in einer Religionsschule in der südlibanesischen Stadt Tyros als besonders eifrig auf – und wurde in die den Schiiten heilige Stadt Nadschaf im Irak geschickt, zu Ajatollah Mohammed Baqir al Sadr. Ein Aufenthalt bei dem engen Verbündeten des iranischen Ajatollahs Chomeini bedeutete fast schon die Weihe für höhere Aufgaben.

Baqir al Sadr interpretierte den Islam als Alternative zu Sozialismus und Kapitalismus. Die den Irak regierende, sozialistisch angehauchte Baath-Partei sah den Kleriker als gefährlichen Gegner und drangsalierte ihn. 1978 zwang das irakische Regime Hassan Nasrallah und weitere libanesische Islamisten, in ihre Heimat zurückzukehren. Nasrallah war dort wieder in der Amal aktiv, trat aber 1982 mit anderen Fundamentalisten aus. In jenem Jahr hatte Israel den Libanon bis in die Hauptstadt Beirut hinein erobert, die Amal blieb passiv. Unter der Führung des Amal-Rebellen und Israelhassers Abbas al Mussawi wurde die Hisbollah, die „Partei Gottes“ gegründet – Geburtshelfer war der damalige iranische Botschafter in Syrien, Ali Akbar Mohtashemi, ein Hardliner und später der Innenminister seines Landes. Die Gottespartei, von iranischen Revolutionsgarden trainiert und gerüstet, griff bald an. Allein die Anschläge auf die Hauptquartiere amerikanischer und französischer Friedenstruppen 1983 in Beirut forderten fast 300 Tote.

WIE GELANG ES NASRALLAH, DIE HISBOLLAH SO EINFLUSSREICH ZU MACHEN?

Der Aufstieg der Amal und dann der rivalisierenden Hisbollah ist eines der Symptome der Strukturkrise des Libanon. Als das Land 1943 der französischen Mandatsmacht die Unabhängigkeit abtrotzte, vereinbarten die Eliten der Christen, Sunniten und Schiiten einen Nationalpakt. Die christliche Gemeinschaft der Maroniten bekam den Posten des Staatspräsidenten, die Sunniten den des Ministerpräsidenten, für die Schiiten blieb das wenig bedeutende Amt des Parlamentspräsidenten. Dieses Proporzsystem gilt im Prinzip noch heute. Obwohl die Schiiten längst mehr als ein Drittel der Bevölkerung stellen, kann keiner von ihnen den Staat oder die Regierung führen. Hinzu kommt, dass die Schiitengebiete – Südlibanon, das Bekaa-Tal, die südlichen Viertel Beiruts – unterentwickelt sind. Die Bevölkerung im Südlibanon hat außerdem unter der Konfrontation zwischen Palästinensern und Israelis gelitten. Palästinensische Kämpfer attackierten bis 1982 vom Süden aus Israel, das hart zurückschlug. Die Leidtragenden waren meist Schiiten. So setzte sich bei vielen die Ansicht durch, nur die Hisbollah als Staat im Staate sei in der Lage, Schutz vor Israel und eine angemessene Machtposition im Libanon zu sichern. Außerdem konnte die Partei Gottes in ihren Regionen dank riesiger Summen aus dem Iran ein effizientes Sozialsystem aufbauen.

Als der Bürgerkrieg 1990 endete, verweigerte die Hisbollah mit dem Hinweis auf die israelische Besetzung des Südlibanon die Entwaffnung ihrer Miliz, zu deren Anführern Nasrallah zählte. Zwei Jahre später wurde er, auf Geheiß des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei, Generalsekretär der Partei Gottes und damit ihr Chef. Den Vorgänger al Mussawi hatten die Israelis mit Raketen getötet. Nasrallah stieg auf, weil er mit einer stärkeren Fraktion in Teheran verbündet war als sein Rivale Scheich Sobhi Tufaili, der später die Hisbollah verließ. Tufaili vertrat ein eindimensionales Programm: Kampf gegen Israel, sonst nichts. Nasrallah stand für eine Doppelstrategie: Antiisraelischer Terror plus Teilnahme am politischen Leben des Libanon. Seit 1992 sitzt die Gottespartei im Parlament. Im selben Jahr ließ die Hisbollah die letzten der in den 80er Jahren im Libanon entführten westlichen Geiseln frei, darunter die Deutschen Heinrich Strübig und Thomas Kemptner. Den Anspruch, das Land in eine islamische Republik umzuwandeln, hat Nasrallah zurückgestellt. Ein Gottesstaat wäre auch nicht im Interesse des antiislamistischen Regimes in Syrien, mit dem die Hisbollah ein taktisch motiviertes Bündnis unterhält.

ISRAEL VERGLEICHT NASRALLAH MIT BIN LADEN. WO SIND SICH DIE BEIDEN ÄHNLICH, WAS UNTERSCHEIDET SIE?

Der Hisbollah-Führer, von seinen Anhängern „Sayid“ (Abkömmling des Propheten Mohammed) und Scheich genannt, sieht sich wie Osama bin Laden als heiliger Krieger in einer globalen Abwehrschlacht des Islam gegen die USA und Israel. Der Schiit Nasrallah und der sunnitische Al-Qaida-Guru träumen von einer panislamischen Front. In einer Rede aus dem Jahr 2002, die im Internet verbreitet wird, stellt Nasrallah seine Schutzmacht Iran als amerikanisches Angriffsziel dar, „wie Afghanistan und Osama bin Laden“. Ein Bündnis zwischen Hisbollah und Al Qaida gibt es allerdings nicht.

Nasrallah ist wie bin Laden bereit, seine Familie zu opfern. 1997 fiel Sohn Hadi, eines von vier Kindern, in einem Gefecht mit Israelis. Der Scheich glorifizierte seinen Sohn als „Märtyrer“ und bezeichnete den Tod als „gottgegeben“. Bin Laden spannt seine Söhne auch für den Terror ein. Und wie Al Qaida hat die Hisbollah ein weltweites Netzwerk aufgezogen, das in Mafiamanier Geld wäscht und „Spenden“ eintreibt – selbst in Westafrika und Südamerika. Es wird auch jenseits des Nahen Ostens gebombt. In Argentinien traf es die israelische Botschaft (1992) und ein jüdisches Kulturzentrum (1994).

Im Unterschied zu bin Laden ist Nasrallah an staatliche Weisungen gebunden. Der Iran und Syrien steuern die Hisbollah. Als im vergangenen Jahr im Libanon hunderttausende Demonstranten den Abzug der syrischen Truppen verlangten, inszenierte die Hisbollah eine gigantische Demonstration für Damaskus. Und es ist der Iran, der die strategischen Ziele definiert. Dominieren in Teheran die Pragmatiker, ist auch die Hisbollah flexibel – wie der Strategiewechsel 1992 und der Gefangenenaustausch mit Israel vor zwei Jahren zeigen, vermittelt durch den damaligen deutschen Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau. Wäre nicht 2005 der fanatische Mahmud Ahmadinedschad iranischer Staatspräsident geworden, hätte Nasrallah womöglich auf die riskante Entführung israelischer Soldaten verzichtet.

WAS WILL NASRALLAH NOCH ERREICHEN?

Einen Erfolg schreibt er sich schon zu: Im Jahr 2000 zog Israel zermürbt aus Südlibanon ab. Was Nasrallah jetzt erreichen will, ist allenfalls auf der taktischen Ebene zu erkennen. Im TV-Sender Al Dschasira forderte er am Donnerstag „indirekte Verhandlungen“ mit Israel über den Austausch der entführten Soldaten gegen gefangene Palästinenser. Strategisch kann Nasrallah als militanter Handlanger Ahmadinedschads derzeit nur zur Ablenkung der Weltöffentlichkeit von Irans Atomprogramm beitragen. Und es ist fraglich, ob er das Manöver lebend übersteht. Die Israelis haben am Mittwoch 23 Tonnen Bomben auf ein vermeintliches Versteck Nasrallahs geworfen. Sie werden es wieder versuchen. Scheich Sayid Hassan Nasrallah ist dem so gepriesenen Märtyrertod ziemlich nahe.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben