Zeitung Heute : Wer ist Horst Schimanski?

Axel Vornbäumen

SCHIMANSKI ERMITTELT IN DUISBURG – TIEF IM WESTEN. WIE VIEL „ALTE“ BUNDESREPUBLIK STECKT IN IHM?

Exakt 100 Prozent. Wer wissen will, wie die Bundesrepublik war, wie spießig bisweilen selbst in ihren 80ern – der muss „Schimanski“ gucken, was seltsamerweise auch noch für fast alle späten Folgen von 1997 an gilt, als er längst den Dienst bei der Kripo Duisburg quittiert hat.

Das vorweg, so viel biografisches Rahmengeflecht ist zur Beantwortung der Frage schon notwendig: Schimanski ist von seinem ganzen Naturell her kein Gesamtdeutscher, er ist es nie geworden, auch nicht nach dem Mauerfall. Sein fiktiver Geburtsort liegt zwar wahlweise in Breslau oder Stettin. Doch es hat ihn früh ins Ruhrgebiet verschlagen, in den Arbeiterkiez nach Duisburg-Homberg – das reicht in unser aller Hinterkopf für eine typische Ruhrgebietssozialisation der Nachkriegsjahre, mit allem, was idealiter dazugehört, eine frühe Automaten- und Autoknackerkarriere inklusive, bevor ihn dann sein späterer Kriminaloberrat Karl Königsberg auf den richtigen Pfad bringt.

All das erhöht zwar seine Glaubwürdigkeit, entsprechend, nun, bodenbehaftet ist andererseits aber auch sein Blick auf die Welt; der weite Horizont ist Schimmis Sache nicht. Mit Verlaub, ganz sicher ist Horst Schimanski kein Intellektueller.

Mit der Frage, wie viel „alte“ Bundesrepublik in Schimmi steckt, hat das alles zunächst unmittelbar nichts zu tun, es sind aber die entscheidenden Puzzleteile, die viel später dann ein stimmiges Bild ergeben. Ein überzeichnetes, von vielen zunächst kritisch beäugtes Malocheridyll wird sein Biotop, eines, das sich gewissermaßen in soziokultureller Rufweite zu Günter Wallraffs „Ganz unten“ befindet. Es ist ein Milieu, in dem der Proletarier noch nicht allein zu Hause vorm Privatfernsehen verblödet, sondern seine Träume von einer besseren Welt mit Kumpels und Anstand in der verräucherten Kneipe ertränkt. Ein Milieu, wo man noch von unten links nach oben rechts guckt. Ein Präkariat mit Patina. Schimanski wird dieses Biotop so richtig nie mehr verlassen – warum auch, schließlich bezieht er daraus seine komplette Lebenssicherheit. Ein gutes Bauchgefühl. Umso prinzipienfester transportiert er es. Zwar lieferte Herbert Grönemeyer mit seiner Songzeile „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt“ die unter romantischen Gesichtspunkten eingängigste Lyrik auf die glorreiche Kohle- und Stahlzeit – und das auch noch für Bochum. Doch das war bereits 1984. Da hatte Horst Schimanski seinen Dienst bei der Kripo Duisburg schon seit drei Jahren angetreten und neun seiner insgesamt 29 „Tatort“-Fälle gelöst, unter fortwährend verstaubter Sonne sozusagen, inmitten verfallender Zechen und heruntergekommener Industrieanlagen. Anfangs übrigens geschah das sehr zum Verdruss vieler Lokalpatrioten, die den rauen Charme, den die Kulisse ihrer Stadt versprühte, als ungerecht düster empfanden. Noch während der erste Schimanski-„Tatort“ lief, brach ein Proteststurm los, im WDR stand das Telefon nicht mehr still. Die „Neue Ruhr Zeitung“ forderte dazu auf, den Kommissar aus dem Programm zu werfen. Polizisten aus dem „realen Leben“ beschwerten sich.

Es dauerte also seine Zeit, bis das Publikum mit der Kunstfigur zurechtkam, bevor es später begriff, dass es da einen hatte, der die eigene Identität nicht ankratzte, sondern eher stiftete. Zunehmend geschah das mit einer Prise Selbstironie. Es gehört zu dem Paradoxon Horst Schimanski, dass die wachsende Anerkennung dafür, den rauen Ruhrpottcharme zu transportieren, quasi einherging mit dem schleichenden Strukturwandel dieser Region. Fast folgerichtig spielte beispielsweise der Niedergang der Sozialdemokratie in den „Schimanski“-Folgen keine Rolle. Wie auch? Dazu hätte da das Milieu verändert werden müssen.

Dennoch: Horst Schimanski hat auf dem Weg zu großer Beliebtheit viel einstecken müssen. Als er 1991 seinen Job als „Tatort“-Kommissar aufgab und sein Comeback sechs Jahre später nun wirklich nicht abzusehen war, erkannte die „FAZ“ irrtümlicherweise an: „Fast zeitgleich mit der Sowjetunion hat uns in Horst Schimanski der letzte proletarische Held verlassen.“

IST SCHIMANSKI EIGENTLICH EIN SIEGERTYP?

Natürlich nicht. Und natürlich wäre er, mit Verlaub, sonst in seinem Duisburg auch fehl am Platz. Das erklärt ja gerade seinen Charme sowie die nach und nach wachsende Indentifikation seines Publikums mit ihm. Denn unter den Verlierern dieser Welt ist er geradezu überlebensgroß. Er ist allemal der mit dem aufrechtesten Gang, Garant dafür, dass die Sehnsucht nach Gerechtigkeit an so manchem Sonntagabend wenigstens einen Etappensieg davonträgt. Und dass das „Unbehagen der verwalteten Welt an sich selbst“, wie die „FAZ“ einst schrieb, zumindest durch konsequentes „Scheiße“-Schreien transparent wird. Ein „Hoffnungsschimmi“.

Auch Schimanski hat diese Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach einer besseren Welt, in der die besten Plätze nicht von vornherein den größten Arschlöchern vorbehalten sind. Nur – sein Kampf ist in seiner Reichweite so begrenzt wie seine Rhetorik, er ist ja kein Revolutionär. Er will nicht, dass oben und unten die Rollen tauschen. Das wäre nix für ihn, so links ist er nicht und so subversiv im Zweifel auch nicht. Er will nur, dass oben und unten bisweilen mit den gleichen Maßstäben gemessen werden.

Taktik ist seine Sache auch nicht. Sie ist ihm so fremd, ja suspekt, wie die Politik. Ausflüge in die Welt der Politik sind daher selten, meist haben sie mit einer aus dem Bauch kommenden, diffusen Ablehnung der Obrigkeit zu tun. Und wenn, dann enden sie bisweilen in Szenen von symbolbeladener Ohnmacht. Einmal, ganz am Schluss einer „Tatort“-Folge, streckt ihn ein aus den USA über den großen Teich gekommener FBI-Agent nieder, Schimanski landet der Länge nach im Matsch. Das tut weh, macht aber letztlich nix. Wenigstens stimmt auf diese Weise die subjektive Weltordnung wieder.

TAUGT SCHIMANSKI ALS IMAGETRÄGER?

Was für eine Frage – er ist da praktisch Avantgarde. Auf der Homepage der Stadt Duisburg hat er einen festen Platz neben Persönlichkeiten aus dem real existierenden Leben wie etwa dem berühmten Kartografen Gerhard Mercator. Das ist anderen seiner „Tatort“-Kollegen nicht gelungen. Und einmal, 1992, also während seines vorübergehenden Ruhestandes, war er sogar Gegenstand eines bizarren Streits, weil er nach einem Vorschlag der örtlichen Juso-Hochschulgruppe als Namenspate für die damals noch namenlose Duisburger Universität-Gesamthochschule herhalten sollte. Der damalige Oberbürgermeister Josef Krings setzte sich, der Werbewirkung Schimanskis durchaus bewusst, durch – und entschied, dass eine Hochschule einen seriöseren Namen tragen müsse.

Ein Jahr zuvor, zu Schimmis Abschied, hatte Krings noch eingestanden: „Jetzt bleibt uns nur noch der MSV, aber der ist auch erstklassig obwohl es niemand glaubte.“ Der MSV übrigens kämpft derzeit gerade mal wieder um seine Erstklassigkeit – nur eben längst nicht mehr im alten Wedau-Stadion, dort, wo Schimanski einmal nackt am Mittelkreis gelegen hatte, nachdem ihn zuvor eine Gruppe Hooligans besoffen gemacht hatte. Auch so ein Bild, das bleibt, das man aber in der Realität vergebens sucht. Die Jungs hatten entdeckt, dass Schimanski bei der Kripo war und nicht, wie behauptet, in seiner Jugend mal für Blau-Weiß Berlin gespielt hatte – eine der ganz seltenen Rückverweise auf Schimanskis Alter Ego Götz George, der gebürtiger Berliner ist.

Der wiederum ist in seinem Unverständnis darüber, dass sich die Welt beständig weiterdreht, bisweilen recht nah bei Duisburgs ewigem Kommissar. George hatte neulich geklagt: „Die Wertigkeit des Künstlers ist nicht mehr gefragt. Die Menschen, die heute populär sind, das sind Friseure, Talkmaster und Frauen mit gefärbten Haaren und aufgepumpten Brüsten und Köche. Köche! Wenn man zu einem Event eingeladen wird, steht man plötzlich neben Friseuren, Köchen, Telenovela-Sternchen und anderen Knalltüten.“

Schimanski hätte das mit den Knalltüten wahrscheinlich auch so gesehen, wäre aber im Unterschied zu George gar nicht erst zu dem „Event“ gegangen.

HAT HORST SCHIMANSKI UNS NOCH WAS ZU SAGEN?

Ja, sicher. Seine Botschaft ist: Es war nicht alles schlecht, früher.

Horst Schimanski ist heute Abend wieder im Dienst. Er ermittelt in der Krimifolge „Tod in der Siedlung“ um 20.15 Uhr in der ARD.

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