Zeitung Heute : Wer ist Hubertus Erlen?

Maren Peters

HUBERTUS ERLEN IST SEIT 2001 SCHERING-CHEF. IST ER DER RICHTIGE MANN FÜR DEN ABWEHRKAMPF, DEN SCHERING JETZT FÜHREN WILL?

Hubertus Erlen hat ein Problem: Er wird oft unterschätzt. Das liegt vielleicht daran, dass er – ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem quirligen, charismatischen Sizilianer Giuseppe Vita – die leisen Töne bevorzugt. Der große, schlanke 62-Jährige mit dem silbergrauen Haar und dem gestutzten Schnauzer kommt zwar aus Sudetendeutschland und ist in Köln aufgewachsen, könnte aber auch als Hanseat durchgehen. Hubertus Erlen wirkt immer kontrolliert, er wahrt gerne die Distanz. Ein fröhlicher Händeschüttler ist an ihm nicht verloren gegangen. Langjährige Weggefährten beschreiben ihn als ruhig und freundlich, höflich und kultiviert. Bei Schering kann sich niemand daran erinnern, dass Erlen jemals die Beherrschung verloren hat.

Wegen dieser manchmal etwas farblosen Art vergisst man leicht, dass Erlen ein erfolgreicher Manager ist, der beharrlich seine Ziele durchsetzt. Es ist vor allem Erlens Verdienst, der lange als Vorstand für die USA zuständig war, dass das im Weltmaßstab kleine Berliner Unternehmen heute rund ein Drittel seines Umsatzes auf dem lukrativen US-Markt macht. Und als Schering sich Anfang der 90er Jahre von seiner Chemiesparte trennte, war es Erlen, der als Personalvorstand den Transfer von 6500 Mitarbeitern in die neuen Gesellschaften erfolgreich bewältigte und dabei ohne betriebsbedingte Kündigungen auskam. Das hat ihm großen Respekt bei den Mitarbeitern eingebracht und ihn bei der Wahl zum Vorstandschef zum Wunschkandidat der Arbeitnehmer gemacht.

Erlen gilt als Mann, der den Konsens sucht, aber auch keine harten Schnitte scheut, wenn es nötig ist. Als 2003 der Schering-Gewinn wegen Rückschlägen in der Forschung, Zulassungsverzögerungen bei neuen Medikamenten und der Dollar-Schwäche massiv zurückging, setzte er ein Sparprogramm durch, das vielen Scheringianern überhaupt nicht gefiel. Verständlich, denn Erlen setzte massiv den Rotstift an, schloss Werke, gliederte die Dermatologie-Sparte aus und strich weltweit 2000 Arbeitsplätze, davon 200 in Berlin. Im vergangenen Monat konnte der Schering-Chef dafür wieder einen Rekordgewinn verkünden.

Eine Sache hat Erlen aber vielleicht selbst unterschätzt: Die Gefahr, dass Schering eines Tages übernommen werden könnte. Spekulationen, nach denen es Konkurrenten auf die Berliner abgesehen haben, hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Doch der Konzernchef hatte entsprechende Fragen stets routinemäßig zurückgewiesen, oft mit den Worten: „Wertsteigerung ist der beste Schutz vor Übernahme“, die er auch jetzt nach dem Übernahmeangebot von Merck wieder gebraucht. Viele Analysten und Aktionärsvertreter werfen ihm vor, er habe sich nicht früh genug um notwendige Veränderungen gekümmert. Die Merck-Offerte hat ihn auf jeden Fall kalt erwischt. Aber die Abwehr wird er mit der gleichen Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit angehen, mit der er Herausforderungen bisher gemeistert hat. Genug Erfahrung hat er. Ob das reicht, um Scherings Unabhängigkeit zu verteidigen, weiß im Moment keiner.

WAS FÜR EIN MANAGERTYP IST ERLEN?

Auf jeden Fall keiner, der Veränderungen mit dem Hammer durchsetzt, kein „Bollerkopp“, wie es in seinem Umfeld heißt. Als „klar sortiert, stringent und konsequent“ wird er von Weggefährten und Mitarbeitern beschrieben, jemand, der hohe Anforderungen an sich und andere stellt. „Das nervt manchmal auch, keine Frage“, sagt einer. Seine unsentimentale Art empfinden manche als kühle Arroganz, ein Mann des Volkes ist Erlen sicher nicht. In der Kantine wird er selten gesehen, er gilt auch nicht der Typ, der ab und an in der Produktion vorbeischaut, um sich nach den Sorgen und Nöten seiner Mitarbeiter zu erkundigen.

Als Erlen das Sparprogramm durchdrückte, wurde ihm vorgeworfen, er kommuniziere zu wenig. Seitdem, sagen langjährige Mitarbeiter, ist es bei Schering auch nicht mehr so gemütlich wie früher. Das einstige „Familiengefühl“ schwinde, seit Mitarbeiter an ihrer „Performance“ gemessen würden und die „Profitabilität“ in den Vordergrund gerückt ist. „Der Druck ist enorm“, heißt es. Das empfinden manche als sehr amerikanisch. Doch der Erfolg gibt Erlen Recht, das räumen auch die Kritiker respektvoll ein. Es habe nie außer Frage gestanden, dass es ihm um das Wohl des Unternehmens geht. Erlen selbst, der aus seiner Zeit als Arbeitsdirektor noch den Ruf eines großen Vermittlers genießt und sich als „Teamplayer“ versteht, mag entgegnen, dass ihm schlicht die Zeit fehlt.

Der Vorstandschef ist viel unterwegs, um Investoren in London, Tokio und New York den Berliner Pillenproduzenten schmackhaft zu machen. Er kennt das Unternehmen wie kaum ein anderer: Der studierte Verfahrenstechniker und Betriebswirt, der nur Einsen im Abitur hatte, kam 1972 zu Schering. Er fing in der Pharma-Produktion an, stieg schnell auf und leitete schon sieben Jahre später das zentrale Vorstandssekretariat. 1986 rückte er in den Vorstand auf, wo er neben der Personalpolitik für die USA – den wichtigsten Pharmamarkt der Welt – zuständig war. Obwohl er schon seit mehr als drei Jahrzehnten bei Schering ist und damit selbst Tradition und Kontinuität verkörpert, ist er offen für Veränderungen. Der Hobby-Segler hat flexible Arbeitszeitmodelle und Aktien-Optionsprogramme für Mitarbeiter eingeführt. Als einer der ersten Dax-Vorstände legte Erlen sein Gehalt offen. Und auch für eine andere kleine Revolution ist er verantwortlich: Erlen hat vor zwei Jahren mit der Holländerin Karin Dorrepaal die erste Frau in den Vorstand eines Dax-Konzerns geholt. „Darüber hat er sich richtig gefreut“, sagt jemand, der das damals aus der Nähe beobachtet hat.

WAS BEDEUTET IHM BERLIN?

Viel. Das liegt nicht nur daran, dass Erlen – von Arbeitseinsätzen in den USA abgesehen – seit seinem TU-Studium in den 60er Jahren in Berlin wohnt. Der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder setzt sich nicht nur als Arbeitgeber von 6000 Berlinern für die Stadt ein. Er hat nie Zweifel daran gelassen, dass das Unternehmen zu Berlin steht. Für die Forschungs- und Wissenschaftslandschaft, die direkt oder indirekt mit dem großen Pharmakonzern verflochten ist, ist das enorm wichtig. Der Schering-Chef ist ein engagierter Förderer von Wissenschaft und Kultur. Anderthalb Jahre nach seinem Amtsantritt gründete Erlen eine Stiftung für Kultur und Wissenschaft mit einem Startkapital von 20 Millionen Euro. Mäzene loben ihn, weil er sich nicht nur in seiner Funktion als Konzernlenker auftragsgemäß für Kunst interessiere, sondern auch „ein eigenes Gefühl dafür“ habe. Auch privat engagiert sich die Familie Erlen für Kunst und Kultur: Seine Ehefrau gehört zum Vorstand des Kaiser-Friedrich-Museumsvereins, Erlen selbst sammelt zeitgenössische Kunst. Seine Bürowände in der 14. Etage des Schering-Gebäudes zieren Werke des Berliner Malers Frank Rödel und des verstorbenen Berliner Kunstprofessors Walter Stöhrer. Und wenn ihm gerade nicht nach Kunst ist, kann Erlen sich in der Staatsoper, im Deutschen Theater oder im Zoologischen Garten entspannen. Er sitzt jeweils in den Kuratorien.

OB SCHERING ÜBERNOMMEN WIRD, WIRD SICH BALD ENTSCHEIDEN. WAS KÖNNTE IN ZUKUNFT AUS ERLEN WERDEN?

Erlens Vertrag bei Schering läuft noch bis 2008, dann wird er 65. Wenn Schering tatsächlich von Merck übernommen werden sollte, wäre der Vertrag wahrscheinlich hinfällig. Das Merck-Management betont, dass Berlin auch nach einer Fusion ein wichtiger Standort bleiben soll. Vielleicht könnte Erlen dann Chef in Berlin werden. Vielleicht will er das nach einer Niederlage aber gar nicht mehr, kassiert lieber eine Abfindung – und geht segeln.

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