Zeitung Heute : Wer ist Jacques Chirac?

Flora Wisdorff

VIELEN GILT JACQUES CHIRAC ALS EIN ZWEITER CHARLES DE GAULLE. WARUM?

Sein Aussehen und sein Auftreten erinnern stark an den General, der Frankreich nach dem Krieg in die Fünfte Republik geführt hat. Chirac ist hochgewachsen und schlank, er hat eine große Nase, und sein ausholender Schritt und die langsame, bedeutungsschwere Aussprache von „la France“ bei jeder Ansprache sind de Gaulle pur.

Vor allem aber war es der Gaullismus, durch den er in die Politik gekommen ist: 1962 übernahm er die Leitung des Privatbüros von Georges Pompidou, der unter Général de Gaulle Premierminister war. Viele Überzeugungen de Gaulles begeisterten Chirac damals – und finden sich bis heute in seiner Politik wieder. De Gaulle predigte die „Größe Frankreichs in der Welt“, hatte eine Vision von Frankreich als starkem Staat, geführt von einem mächtigen, von Vaterlandsliebe getriebenen Präsidenten. Und diese Rolle spielt Chirac, seit er im dritten Anlauf 1995 Präsident wurde, gern und oft.

Und verstört damit zuweilen die Welt: So zum Beispiel, als er, kaum an die Macht gekommen, um Frankreichs Stärke zu demonstrieren, Atomtests im Südpazifik startete. In der Europapolitik achtet er penibel darauf, dass französische Interessen nicht zu kurz kommen. Und ganz auf der gaullistischen Linie war auch sein harter Widerstand gegen George W. Bush in der Irak-Kriegs-Frage. Dabei ist Chirac keinesfalls ein Amerikahasser an sich: Als 20-Jähriger ging er zur Sommeruniversität in Harvard, jobbte in einem Restaurant und hatte eine amerikanische Freundin namens Florence.

Trotz allem fällt es schwer, Chirac auf eine rein gaullistische politische Linie festzulegen: Frankreichs Wiederannäherung an die Nato zum Beispiel, die Chirac seit 1995 betreibt, entspricht ganz und gar nicht de Gaulles Intentionen: Der General hatte Frankreich im Gegenteil aus der Nato herausgeführt. Und auch Chiracs Rede 1995, bei der er die Mitschuld des französischen Staats in der Form des Vichy-Regimes an der Deportation von 14 000 französischen Juden während des Zweiten Weltkriegs feststellte, hätte de Gaulle wohl nicht mitgetragen.

GIBT ES ÜBERHAUPT KONSTANTEN IN SEINEM POLITISCHEN KURS?

Außer seiner strikten Abgrenzung gegenüber Frankreichs Rechtsextremen – kaum. Ihm Wohlgesonnene nennen seine Art der Entscheidungsfindung pragmatisch. Kritiker werfen Chirac einen Hang zu schwindelerregenden Schlingerkursen vor und erinnern daran, dass er, der 1976 die neogaullistische Partei Rassemblement pour la République (RPR) gründete, als Student mit den Kommunisten sympathisierte. Sie verweisen auf sein Wahlversprechen von 1995: Er wollte die soziale Spaltung der von einer Wirtschaftskrise geschüttelten Gesellschaft überwinden. Doch nach seinem Wahlsieg unterschrieb er den Maastricht-Vertrag und verordnete der Republik einen resoluten Sparkurs und die Reform der Sozialversicherung. Heutzutage wiederum verurteilt er gerne einmal den Raubtierkapitalismus. Pflegt seine Passion für Afrika, den Kontinent, auf den die ehemalige Kolonialmacht Frankreich nach wie vor einen starken Einfluss ausübt. Und setzt sich für die Dritte Welt ein, indem er zum Beispiel die Einführung einer Kerosinsteuer zu Gunsten der ärmsten Länder fordert.

WAS ZEICHNET IHN AUS?

Manche sagen, es seien gerade seine Widersprüche, die ihn bei den Franzosen beliebt machten – weil sie sich in ihm selbst wiedererkennen. Aber Chirac stellt sich auch als ein Mann des Volkes dar, er sucht das Bad in der Menge und das Gespräch mit den Bauern in seinem Wahlkreis in der Corrèze. Zwar hat er alle Eliteschulen besucht, die Voraussetzung für eine erfolgreiche politische Karriere in Frankreich sind. Aber sein Habitus ist ein gewinnender, einnehmender: Er wirkt durchaus nicht steif und hölzern wie seine Politiker-Kollegen Alain Juppé und Lionel Jospin. Chirac wirkt zielstrebig, dynamisch. Seine Energie hat ihm von Pompidou den Spitznamen „Bulldozer“ eingebracht. Zu Recht: Politische Gegner räumt Chirac ohne Rücksicht schnell aus dem Weg.

Obwohl er in Paris als Sohn eines Bankdirektors groß geworden ist und schon als Kind die besten Schulen besuchte, beruft er sich immer wieder auf seine ländlichen Wurzeln im Corrèze, westlich des Massif Central. Hier war sein Großvater als Lehrer tätig. Hier wurde Chirac 1967 das erste Mal zum Abgeordneten gewählt. Hier ist seine Frau Bernadette Chirac noch immer als Politikerin tätig. Und hier besitzen die Chiracs auch schon lange ein Schloss.

Chirac will nicht als Intellektueller gesehen werden. Lieber gilt er als einer, der gut und viel isst und mexikanisches Bier einem Rotwein durchaus vorzieht. Er kann schnell derb werden. Während einer langen EU–Verhandlungsnacht soll er einem viel zitierten Ausspruch nach über die britische Premierministerin Margaret Thatcher gesagt haben: „Was will die Hausfrau denn noch von mir – meine Eier auf einem Plateau?“.

Chirac sieht sich gerne Western an – und hat eine Schwäche für Sumokämpfe. Er interessiert sich sehr für Asien, schon 40 Mal ist er in Japan gewesen: Die vom Buddhismus geprägten Kulturen bringen dem Präsidenten „Harmonie“ und „Ruhe“, schreibt einer seiner Autobiographen. In Paris hat Chirac ein Museum für Stammeskunst ins Leben gerufen.

Hinter den beiden Rollen, die Chirac so perfekt beherrscht, dem jovialen Kumpel und dem seriösen Staatsmann, versteckt sich die wahre Persönlichkeit Chiracs, die wohl außer seiner Familie kaum jemand kennt. Denn der Präsident hat kaum private Freunde.

TRITT CHIRAC 2007 NOCH EINMAL ZUR WAHL AN? UND WIE STÜNDEN SEINE CHANCEN?

Chirac hat sich öffentlich noch nicht dazu geäußert. Allerdings hat er dieser Tage gesagt, dass er die Entscheidung nicht vom Ausgang des Referendums über die Europäische Verfassung abhängig machen werde. Nun ja. Nach Chiracs TV-Auftritt am Donnerstag, in dem er für die EU-Verfassung warb, wollen sogar noch mehr Franzosen gegen das neue Vertragswerk stimmen: 56 Prozent. Ob Chirac das will oder nicht – das Referendum wird am Ende doch auch und vor allem eine Abstimmung über Frankreichs Innenpolitik und damit über Chirac selbst sein. Ein Nein, eine Blockade der weiteren europäischen Integration, wäre ein ganz schwerer Schlag für ihn. Kaum anzunehmen, dass er sich dann, wie jetzt noch vollmundig angekündigt, Chancen auf eine dritte Amtszeit ausrechnen dürfte. Zumal ihm, dem 72-Jährigen, in Nicolas Sarkozy, dem Vorsitzenden der UMP-Partei, ein Konkurrent erwachsen ist, der beliebt ist, ehrgeizig, und 22 Jahre jünger. Schon jetzt liefern sich die beiden einen permanenten Kampf, der Chirac im vergangenen Jahr dazu brachte, Sarkozy, damals noch Finanzminister, mit seiner präsidialen Macht in die Schranken zu weisen: „Ich entscheide, und er führt aus.“

Wenn Chirac 2007 aber nicht noch einmal zum Präsidenten gewählt wird, dann könnte ihn seine Vergangenheit einholen. Während seiner 18 Jahre als Pariser Bürgermeister haben sich zum Beispiel Korruptionsvorwürfe en masse angehäuft, gegen seine direkten Mitarbeiter. 2001 ermittelten Untersuchungsrichter auch gegen Chirac wegen illegaler Auftragsvergabemethoden im öffentlichen Wohnungsbau und bar bezahlter, kostspieliger politischer und privater Reisen. Millionen Euro sollen auf illegale Art und Weise in die Kassen mehrerer Parteien geflossen sein. Wegen eines Systems fiktiver Angestellter im Rathaus ist Alain Juppé, damals unter Chirac stellvertretender Bürgermeister, bereits zu 14 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden – Chirac selbst wurde bisher nur wegen seiner Immunität im Amt von den Strafverfolgungsbehörden verschont.

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