Zeitung Heute : Wer ist Jean-Claude Juncker?

Thomas Gack[Brüssel]

WAS MACHT JUNCKER ZUM IDEALEN VERMITTLER?

Jean-Claude Juncker steht unter Druck. Er soll den EU-Stabilitätspakt reformieren, ohne ihn in seiner Substanz zu gefährden – und die Wünsche und Nöte der großen Defizitsünder ernst nehmen, ohne sich ihnen einfach nur zu beugen. Viele trauen ihm zu, das Unmögliche möglich machen zu können.

Denn der luxemburgische EU-Ratspräsident ist nicht nur der dienstälteste europäische Regierungschef, sondern auch der erfahrenste Kompromisseschmied in EU-Gipfelrunden. Schon 1991 baute er mit einer Zauberformel die Brücke zwischen den Anhängern der Währungsunion und den Briten. Er erfand das „Opting out“: Großbritannien wurde die Möglichkeit gegeben, in der Währungsunion vorerst nicht mitzumachen. Sein Meisterstück lieferte er fünf Jahre später ab, indem er zwischen Helmut Kohl und Jacques Chirac vermittelte, als die sich 1996 in Dublin nicht über den von ihm entworfenen Euro-Stabilitätspakt einigen konnten – Frankreichs Staatspräsident ernannte ihn dafür zum „Ritter der Ehrenlegion“.

Seither umgibt den „Helden von Dublin“ die Aura des ehrlichen Maklers, der es immer wieder schafft, Gegensätze zu versöhnen. Juncker gilt als Mann fürs Heikle. Stark in der Analyse, pragmatisch in der Umsetzung. Wie kein anderer kultiviert er dabei die Kunst des Schulterklopfens. Im Kreis der EU-Regierungschefs, die sich alle duzen, schafft er mit unkomplizierter Natürlichkeit und trockenem Humor eine Art Clubatmosphäre. Er wirkt entspannt und locker, parliert freundschaftlich mit Gerhard, Jacques und Tony, und fährt vor laufenden Kameras dem Silvio mit der Hand über die Glatze. Hinter den jungenhaften Scherzen – 2004 erhielt er die Auszeichnung „Goldenes Schlitzohr“ – steckt eine Botschaft, die emotional den Boden für Kompromisse bereiten soll: Auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind – wir sind doch unter Freunden.

WELCHE SCHWÄCHEN HAT ER?

Juncker redet Klartext. Als die EU-Regierungschefs im März 2003, am Tag, als der Irak-Krieg begann, keinen Weg aus der innereuropäischen Krise wussten, resümierte Juncker, er habe in 20 Jahren Europapolitik „noch nie so viel Heuchelei und Scheinheiligkeit erlebt“. Die Kehrseite dieses direkten Stils: Juncker fehlt es zuweilen am Sinn für diplomatische Finesse. Dass sein Bekennermut zu Enttäuschungen führen kann, erlebte Juncker, als er sich beim EU-Gipfel 1997 gegen den EU-Kandidatenstatus der Türkei aussprach. Mit seiner Haltung stand er keineswegs allein da. Doch seine EU-Partner übten sich in diplomatischer Zurückhaltung – und ließen ihn am Ende im Stich. Der Luxemburger musste die verbalen Prügel aus Ankara – das bitterböse Wort vom „Christenclub“ war die türkische Antwort – alleine einstecken. Das hat Spuren hinterlassen. Juncker ist vorsichtiger geworden. Er verhält sich taktischer. Vor dem entscheidenden EU-Gipfeltreffen zur Reform des Euro-Stabilitätspakts am Dienstag hat er deshalb seine Karten noch nicht auf den Tisch gelegt.

WIE HAT ES DER SOHN EINES STAHLARBEITERS ZUM „MISTER EURO“ GEBRACHT?

Juncker stammt aus kleinen Verhältnissen. Das hat ihn geprägt. Auch in seiner politischen Ausrichtung: traditionell, aber modern, konservativ, der katholischen Soziallehre verpflichtet und durchaus gewerkschaftsnah. Dass er als Finanzminister und Regierungschef das Großherzogtum zu finanzkapitalistischer Blüte führte, hat ihm zudem den Respekt der Banker eingebracht. Auch deshalb ist Juncker, der im vergangenen September für zwei Jahre zum Vorsitzenden der „Eurogroup“ ernannte „Mister Euro“, ein idealer Vermittler in Sachen Stabilitätspakt: Als dessen Mitautor ist er über jeden Verdacht erhaben, er wolle ihn aufweichen oder gar beerdigen. Gleichzeitig aber hat er als linker Christdemokrat, für den der Kampf gegen Arbeitslosigkeit zum Kern seines politischen Programms gehört, großes Verständnis für die deutschen Forderungen nach einer mehr wachstumsorientierten Anwendung des Regelwerks.

Entscheidend für sein politisches Wirken war zudem die Tatsache, dass der Vater während des Zweiten Weltkriegs von der Wehrmacht zwangsrekrutiert und an der Ostfront schwer verwundet wurde. „Nie wieder Krieg!“ ist die Maxime, die Junckers Europa-Engagement initiierte und seine politische Mission über die Jahre motivierte. An der Nahtstelle zwischen Deutschland und Frankreich wollte er künftig alles tun, damit die Völker in einem geeinten Europa einen gemeinsamen Weg in die Zukunft finden. Ob Währungsunion oder Stabipakt – wie kein anderer hat Juncker seither die entscheidenden europäischen Entscheidungsprozesse gestaltet und beeinflusst.

JUNCKER LAG 1989 NACH EINEM AUTOUNFALL ZWEI WOCHEN IM KOMA – HAT IHN DAS VERÄNDERT?

Schwer zu sagen. Juncker redet nicht darüber. Nach außen hin wirkt es so, als habe der Unfall seinen Sinn fürs Positive noch verstärkt. Er ist charmant und weltoffen, ein einnehmender Typ. Und ein glänzender Formulierer obendrein. Ob auf Deutsch, Französisch, Englisch – wenn Juncker, das personifizierte EU-Gedächtnis, vom staubtrockenen Unions-Alltag erzählt, anekdotengesättigt, ironisch, bilderstark, dann bleibt kein Ohr verschlossen. Und dennoch: Nach 22 Regierungsjahren gibt der einst als „Sunnyboy“ Gefeierte in stillen Stunden zu, auch manchmal amtsmüde zu sein. Er ist nachdenklicher geworden, ruhiger und gelassener. „Mit 28 bin ich in die Regierung gekommen. Seither habe ich weniger Freude an den Dingen des Lebens, an denen sich andere Menschen erfreuen“, sagte er kürzlich in ungewöhnlicher privater Offenheit. Er mache seine Arbeit gerne, doch das „persönliche Glück“ entscheide sich nicht in der Politik. Ans Aufhören denkt er deshalb aber nicht. Weder nach seinem Unfall vor 15 Jahren noch heute. Im Gegenteil.

2004 SCHLUG ER DAS AMT DES PRÄSIDENTEN DER EU-KOMMISSION AUS – WAS KANN, WAS WILL ER NOCH MACHEN?

Auf Jean-Claude Juncker ist Verlass. Was er seinen Wählern versprochen hat, das hält er. Und weil er den Wählern in Luxemburg versprochen hatte, in seinem Amt als Premier und Finanzminister im „Hôtel de Bourgogne“ im Herz der Hauptstadt des Großherzogtums zu bleiben, kam ein Wechsel nach Brüssel, so verlockend das gewesen wäre, nicht in Frage. Seinen Amtskollegen, für die er quer über die Parteien hinweg der Wunschkandidat für den Sessel des EU-Kommissionspräsidenten war, gab er einen Korb. Das heißt aber keineswegs, dass der Luxemburger sich für alle Zeit festgelegt hat. Für einen Politiker ist er noch jung. Europa wächst weiter zusammen. Sein Europa. Und die Europäische Verfassung ist auf dem Weg. Nicht ausgeschlossen also, dass Juncker einst als erster EU-Präsident in die Geschichtsbücher eingeht.

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