Zeitung Heute : Wer ist Joachim Hunold?

Flora Wisdorff

JOACHIM HUNOLD KAUFTE AIR BERLIN NACH DER WENDE UND MACHTE AUS DEM FERIENFLIEGER DEUTSCHLANDS ZWEITGRÖSSTE AIRLINE. WIE VIEL VON JOACHIM HUNOLD STECKT IN AIR BERLIN?

Als einige Boeing-Vertreter vor ein paar Monaten im Hause Air Berlin zu Besuch waren, hatten sie eine dringende Frage: Seid ihr hier eigentlich eine Sekte? Ihnen war aufgefallen, dass in dem Unternehmen alle ähnlich ticken. Das sagt zumindest der Pressesprecher Peter Hauptvogel. Der ist selbst seit 14 Jahren dabei und sieht sich als „Alter Ego“ von Unternehmenschef Joachim Hunold. Hunold kann man dann wohl als den Guru bezeichnen. Der „Achim“, wie er sich jovial von jedem Mitarbeiter nennen lässt, personifiziert sein Unternehmen wie sonst kaum ein Manager.

Hunold, heute 56, hatte es in jungen Jahren erst nicht geschafft. Eine Sportverletzung machte seinen Traum, Pilot zu werden, zunichte. Zehn Jahre lang versuchte er, sein Jurastudium zum Abschluss zu bringen, nebenbei jobbte er als Kellner in der Düsseldorfer Altstadt. Sein „Psychologiestudium“, wie er später einmal sagte. Schließlich schmiss er 1978 das Studium für einen Job als Koffer-Verlader am Düsseldorfer Flughafen hin. Innerhalb von vier Jahren stieg er dort zum stellvertretenden Stationsleiter auf, 1982 wechselte er zum Ferienflieger LTU in die Verkaufsabteilung und avancierte dort zum Marketingdirektor. 1990 kam die große Wende: Hunold stritt sich mit Großaktionär West LB und verließ das Unternehmen mit einer satten Abfindung. Ein paar Monate wartete er auf das richtige Angebot, lernte Golf spielen und wurde zum Computerfreak.

1991 kaufte Hunold zusammen mit drei weiteren Geldgebern die angeschlagene, damals noch amerikanische Fluggesellschaft Air Berlin. Air Berlin war 1978 in den USA gegründet worden, als nur Fluglinien der Alliierten nach Berlin fliegen durften. Hunold etablierte sie als Charterfluggesellschaft, die vor allem von billigen Provinzflughäfen aus in Ferienregionen flog. 1992 transportierte er 400 000 Touristen auf die Kanaren und an Mittelmeerstrände – jetzt sind es 13,5 Millionen Passagiere pro Jahr. Hunold personifiziert das Unternehmen aber nicht nur, weil er hinter der Gründung steckt. Er hat auch einen sehr persönlichen Führungsstil, mit dem er eine umstrittene Unternehmenskultur prägte.

Hunold hasst Gewerkschaften, nennt ihre Vertreter „Betonköpfe“ und wettert bei jeder Gelegenheit gegen die Mitbestimmung. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Die Mitarbeiter werden von der regional verästelten Tochtergesellschaft „Cabin and Handling Services“ eingestellt – so umgeht Hunold die Mitbestimmung. Er sieht das als sein Erfolgsrezept. „Der Wunsch nach gewerkschaftlicher Organisation besteht gar nicht bei Air Berlin“, sagt Hunold, dem man seine Herkunft aus Düsseldorf anhört. Der „Familiensinn“ und das „Gemeinschaftsgefühl“ erübrigten diese Art von Vertretung. „Bei Herrn Hunold steht die Tür immer offen, jeder kann ihm seine Probleme erzählen“, sagt sein Sprecher, selbst die Lehrlinge duzten den „Achim“. Auf den vielen Betriebsfesten steht Partylöwe Hunold am Zapfhahn, klopft den Mitarbeitern auf die Schultern und reißt auch schon mal derbe Witze. Er sei dann auch noch „um sechs Uhr morgens für alle ansprechbar“. Wer bei Air Berlin arbeiten möchte, dem wird vorher gesagt, was ihn erwartet. Stewardessen, die sich nach fernen Ländern sehnen, werden damit konfrontiert, dass sie vor allem Rollfelder zu sehen bekommen. Ständige Erreichbarkeit per Handy ist ein Muss und Flexibilität sowieso. Air Berlin sei so erfolgreich, weil die Mitarbeiter so zufrieden seien, sagt Hunold. „Wenn die keinen Spaß hätten, würden wir keine Bestnoten im Service bekommen.“

DIE GEWERKSCHAFTEN KRITISIEREN HUNOLD SCHARF – TROTZDEM HABEN AUCH IHRE VERTRETER RESPEKT VOR IHM. WARUM IST DAS SO?

Die Gewerkschaften beschuldigen Air Berlin, von den Mitarbeitern zu lange Arbeitszeiten zu fordern und ihnen zu wenig Ruhepausen zu gewähren. Bei Air Berlin herrsche ein Klima von Druck und Angst, deswegen sei auch öffentlich von den Mitarbeitern kaum etwas gegen die harte Linie des Unternehmens zu hören. Wenn Hunold so etwas hört, wird der sonst so frohsinnige Rheinländer ungemütlich und aufbrausend, er droht dann schnell mit Unterlassungserklärungen und Richtigstellungen. Dennoch zollen ihm selbst seine ärgsten Feinde, auch unter Gewerkschaftern, Respekt. Sie loben seine unternehmerischen Erfolge, aber auch seine starke Persönlichkeit.

Hunold hatte die richtige Entscheidung getroffen, als die Tourismusbranche nach den Terroranschlägen von 2001 in die Krise rutschte und Touristikunternehmen immer weniger Flugzeuge charterten. Er stellte sein Geschäftsmodell um – 60 Prozent der Sitze verkauft Air Berlin heute im Einzelplatzgeschäft, nach dem Modell der Billigflieger. Wer früh bucht, spart Geld.

In dem hart umkämpften Markt, in dem im internationalen Wettbewerb neben Größe und Wachstum eben auch günstige Mitarbeiter zählen, kann Air Berlin sich heute europaweit direkt hinter Ryanair und Easyjet behaupten. Hinrich Bischoff, der Ende 2005 verstorbene Chef der Fluggesellschaft Germania, der Hunold lange mied, hatte ihm noch am Sterbebett das Management seiner Flotte übertragen. Hunold ist aber auch in Politik und Promiszene beliebt. In der „Bunten“ ist fast jede Woche ein Foto von ihm zu sehen – bei der Bambi-Verleihung, einem Charity-Golf-Cup oder dem Bertelsmann-Fest. Neben Bono, Boris Becker oder Charly Steeb fühlt er sich wohl. Die Hochzeitsgäste von Freundin Verona Feldbusch flog er zum Gruppentarif zur Feier. Auch Politiker bewundern das CDU-Mitglied – nicht nur Unionsfreunde. Mit Berlins Regierendem Bürgermeister ist er per Du, im Januar verlieh ihm Klaus Wowereit das Bundesverdienstkreuz.

JEDEN MONAT SCHREIBT HUNOLD POLITISCHE KOMMENTARE IM BORDMAGAZIN – ER HÄLT SICH FÜR „POLITISCH UNKORREKT“. WAS ERHOFFT ER SICH DAVON?

Wer die erste Seite des Bordmagazins von Air Berlin liest, den erwarten klar formulierte Hau-Drauf-Kommentare: gegen Gewerkschaften, gegen Bürokratie, gegen Kündigungsschutz, eigentlich gegen alles, was einem Unternehmen irgendwie das Leben schwer machen könnte, unterschrieben von „Achim Hunold“. Hunold sehe sich als „aktiver Teilnehmer der Demokratie“, sagt sein Sprecher und Vertrauter Peter Hauptvogel, er wolle eben etwas bewegen, pflege auch gerne die Kontakte zur Politik. Den politischen Aktivismus sehe er auch als Ausdruck der Verantwortung für seine Mitarbeiter. Sein Kommentar gegen das Antidiskriminierungsgesetz etwa habe bestimmt dazu beigetragen, dass es gescheitert sei. Damals hatte Hunold geschrieben: „Falls also künftig eine Kandidatin oder ein Kandidat beim Einstellungsgespräch ungefragt erklärt, dass sie/er einer religiösen Sekte angehört oder homosexuell ist, dürfte ihr beziehungsweise ihm die ausgeschriebene Stelle schon so gut wie sicher sein, zumindest aber ein Schmerzensgeld.“ Damit schaffte er es immerhin in die Wochenzeitung „Die Zeit“ – die sich seiner Meinung sogar anschloss.

NACH DEM BÖRSENGANG WIRD HUNOLD AUCH DEN AKTIONÄREN VERPFLICHTET SEIN. KANN DAS FUNKTIONIEREN?

Fremdbestimmung ist Joachim Hunold nicht nur von Gewerkschaften suspekt, sondern überhaupt. Lange wehrte er sich auch deswegen gegen einen Börsengang, hoffte, dass Air Berlin aus eigener Kraft weiter wachsen kann. Einmal börsennotiert, können die Aktionäre mitreden, sie haben ein Recht darauf, zu sehen, wie die Zahlen aussehen. Bisher hat Hunold zwar Passagier- und Umsatzzahlen veröffentlicht, nicht aber den Gewinn. Der Börsengang ist aber nötig, um das Kapital für weiteres Wachstum zu beschaffen. 60 neue Airbus-Flugzeuge hat Hunold schon bestellt, eine Option auf 40 weitere hat er sich gesichert, das ist teuer. Alleine könne Hunold bei der Größe des Unternehmens ohnehin schon nicht mehr bestimmen, sagt Hauptvogel. Und: „Börse hin, Börse her– Hunold wird dominant bleiben, und unsere Kultur anders“.

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