Zeitung Heute : Wer ist Joachim Meisner?

Martin Gehlen

WAS HAT IHN IN SEINEM LEBEN UND IN SEINEM GLAUBEN GEPRÄGT?

Als der Zweite Weltkrieg begann, war Joachim Meisner fast sechs Jahre alt. Mit seiner Mutter und drei Brüdern floh er 1945 vor der sowjetischen Armee aus dem schlesischen Breslau nach Thüringen – eine Gegend, mit der er nie richtig warm wurde. Der Vater, ein protestantischer Konvertit, blieb zurück und starb in den Wirren des Kriegsendes. „Unvorstellbar hart und entbehrungsreich“ seien die folgenden Jahre für die fünfköpfige Familie gewesen, erinnert sich der Kardinal. Und so haben ihn das Vertriebenenschicksal und der DDR-Katholizismus der 50er Jahre geprägt: arm, sozial am Rand, konfessionell in der Minderheit – und gerade deshalb unerschütterlich im Glauben. Klares Bekenntnis und innere Festigkeit waren seine Tugenden, nicht Diskussionsfreude und komplizierte Reflexionen.

Als die Vertriebenen damals in Mühlhausen aus dem Zug stiegen, hieß sie ein Einziger willkommen: Pastor Heribert Böttcher, der sie freundlich zum Gottesdienst einlud – eine Geste, die Meisner als wegweisend für sein Leben beschreibt. In der katholischen Gemeinde fand er Halt, in Pfarrer Böttcher seinen ersten Ersatzvater. In diesen frühen Erfahrungen liegen die Wurzeln von Meisners Glaubenskraft und Vitalität, aber auch von seiner totalen Unfähigkeit, die katholische Kirche an sich kritisch zu sehen.

Seine Mutter Hedwig schuftete fortan in Mühlhausen in einer Verkaufsstelle für Konserven, um ihre Jungen durchzubringen. Ihr verdankt er den eisernen Willen. Meisner, der einmal im Jahr das Familiengrab in Thüringen besucht, machte eine Banklehre bei der örtlichen Raiffeisenkasse. Im Jahr 1951 trat er als Spätberufener in das Seminar Norbertuswerk bei Magdeburg ein. Dort holte er das Abitur nach, studierte Theologie in Erfurt und Neuzelle und promovierte über „Nachreformatorische katholische Frömmigkeit in Erfurt“. Im Dezember 1962 wurde er zum Priester geweiht – der Beginn einer Kirchenkarriere, die ihn bis auf den Erzbischofsstuhl von Köln befördern sollte.

WIE VERSTEHT ER SEIN AMT ALS KÖLNER ERZBISCHOF?

Er eckt oft und gerne an. „Wir sind nicht dazu da, der Gesellschaft nach dem Mund zu reden, sondern wir müssen Gott nach dem Mund reden“ – lautet sein Motto. Seit mehr als 15 Jahren steht er an der Spitze des Kölner Erzbistums und seinen 2,3 Millionen rheinischen Katholiken. Damit regiert er eine der wichtigsten und reichsten Diözesen der Welt, deren Haushalt mit 678 Millionen Euro dreimal so hoch ist wie der des Vatikans. Meisners Wort hat innerhalb der katholischen Kirche Gewicht, in zahllosen vatikanischen Kongregationen ist er Mitglied – kommende Woche ist er Gastgeber des Weltjugendtages.

Er nutzt sein Amt auch dazu, der deutschen Öffentlichkeit von Zeit zu Zeit die Leviten zu lesen – mit oft krassen Worten, schiefen Bildern und skandalösen Vergleichen. So bezeichnete er die Forschung an embryonalen Stammzellen als Kannibalismus. Die Abtreibungspille RU 486 nannte er „ein Tötungsinstrument“ und verglich ihre Anwendung mit der Ermordung der Juden im Holocaust durch das Giftgas Zyklon B.

Auch die politischen Parteien und ihr Spitzenpersonal bekommen den heiligen Zorn vom Rhein zu spüren. „Was christlich ist, kann nicht die CDU definieren, das machen wir“, polterte Meisner jüngst in einem Interview an die Adresse Angela Merkels. Mehrfach schon hat er die CDU aufgefordert, das „C“ aus ihrem Namen zu streichen, wenn sie nicht mehr fähig sei, ein eindeutiges Votum für das ungeborene Leben abzugeben.

Kanzler Schröder und Außenminister Fischer wiederum mussten sich Kritik an ihrem Privatleben gefallen lassen: „Wer vier Ehen hinter sich gebracht hat, taugt nicht als Vorbild“, lautete das Urteil Meisners. Die Familienpolitik von Rot-Grün verglich er mit der der DDR. Er wundere sich, dass Schröder „nicht Frau Honecker aus dem chilenischen Exil geholt und zur Familienministerin gemacht hat“.

Nach innen nimmt der Kardinal auch kein Blatt vor den Mund, was viele Katholiken in seinem Erzbistum als verletzend, polarisierend und demotivierend empfinden. In die Kirche habe ein „selbst gezimmerter, ideologischer Glaube“ Einzug gehalten, der nur noch dem Namen nach katholisch sei, beklagte er. Dem hauptamtlichen Kirchenpersonal wirft er vor, wehleidig, schlaff und mutlos zu sein. Den katholischen Frauen bescheinigt er, sie würden „bis zum Jüngsten Gericht“ nie zu katholischen Priesterinnen geweiht. Nach Meisners Ansicht drohe die deutsche Kirche vor lauter „Strukturen, Statuten, Sekretariaten und Kommissionen“ zur blutleeren Organisation zu erstarren. Das hindert ihn nicht daran, persönlich einen wohlhabenden Lebensstil zu pflegen, mit einem Hang zu gutem Essen, schönem Wohnen und erlesenen Kunstgegenständen. Wie an seinem öffentlichen Auftreten scheiden sich darum auch an seinem Charakter die Geister. Während die einen ihn als charmant, warmherzig und humorvoll empfinden, nennen ihn die anderen herrisch, nachtragend, launisch und voller Selbstmitleid.

WIE IST SEIN VERHÄLTNIS ZUM PAPST?

Egal, wer auf dem Stuhle Petri saß, immer erwies sich Meisner als Gefolgsmann des „Heiligen Vaters“. So leutselig wie theologisch unbedarft stilisierte er die Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst zu „einem Wunder“, an dem der verstorbene Johannes Paul II. seinen Anteil gehabt habe.

Der Kölner Kardinal stand stets in der Gunst der Päpste. Sein Erfurter Gönner, Bischof Hugo Aufderbeck, setzte ihn 1975 bei Paul VI. als Weihbischof durch. Als der frisch Geweihte wenig später auf einer Wallfahrt predigte, saß unter den Zuhörern der nächste Förderer: Karol Wojtyla. Der zeigte sich von der volkstümlichen und mitreißenden Predigt Meisners beeindruckt.

Am 25. April 1980, anderthalb Jahre im Amt, berief Johannes Paul II. Meisner überraschend auf den Berliner Bischofsstuhl, gegen den Willen des Domkapitels und – wie Stasiakten belegen – zum spöttischen Missfallen leitender Bistumskleriker. Drei Jahre später beförderte er ihn zum Kardinal. Im Februar 1989 setzte Johannes Paul II. ihn als Erzbischof in Köln durch. Diese Personalentscheidung war die wohl umstrittenste, die Johannes Paul II. während seines mehr als 26-jährigen Pontifikates in Deutschland getroffen hat. Die Kölner empfingen Meisner mit Plakaten „Seht, da kommt der Hirte, den kein Schaf hier wollte“, mehr als 160 Theologieprofessoren kritisierten in der so genannten Kölner Erklärung die autoritäre Praxis bei Bischofsernennungen, und die damalige Bundesregierung sorgte sich öffentlich um mögliche Schäden im Verhältnis zwischen Staat und Kirche.

Die bedingungslose Bewunderung, die Meisner für Johannes Paul II. hegte, übertrug er dann auch rasch auf Nachfolger Benedikt XVI. „Er ist gescheit wie ein Dutzend Professoren und fromm wie ein Erstkommunionskind“, erläuterte er seine verklärende Sicht. Beim ersten Gespräch mit dem neu gewählten Benedikt versagten dem Kardinal dann auch vor lauter Aufregung die Stimmbänder. Erst als er sich gefangen hatte, konnte er den Papst fragen, ob dieser zum Weltjugendtag nach Köln kommen werde. Der letzte Wahlgang des Konklaves war gerade zwei Stunden vorbei. Da sagte Joseph Ratzinger den Besuch am Rhein als seine erste Auslandsreise zu.

WELCHE PLÄNE HAT MEISNER?

Ganz klar lässt sich das nicht beantworten. Von seinem Verhalten Kardinal Lehmann – dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz – gegenüber ließe sich ableiten, dass er dessen Nachfolger werden will. Im September endet nach 18 Jahren die dritte Amtszeit von Lehmann. Das Gerangel um die Nachfolge hat begonnen. Lehmann will offenbar sein Amt abgeben, auch weil man in Rom offen gegen eine vierte Amtszeit agiert. Er will aber auch verhindern, dass mit Joachim Meisner nun „der Arm des Papstes“ ans Ruder kommt.

In den vergangenen Jahren gab es zwischen Meisner und Lehmann immer wieder Reibereien, vor allem wenn sich der Kölner Oberhirte mit seiner innerkirchlicher Pauschalkritik zu Wort meldete. Ein festes Ritual sind Meisners Verdammungsurteile über die Katholikentage oder den Ökumenischen Kirchentag in Berlin, dem er attestierte, von ihm sei ein „großer Desorientierungs- und Verwirrungsschub in unsere Gemeinden ausgegangen“. Äußerungen, die der sonst so besonnene Lehmann mit aller Schärfe zurückwies. Auf Katholikentreffen wünsche er sich „noch mehr Mitstreiter aus der Reihe derer, die jetzt Kritik üben“, keilte der Vorsitzende zurück. Anders als Lehmann hat Meisner seit Jahren keinen Katholikentag mehr besucht.

Lange Jahre galt der 71-jährige Meisner im Kreise der deutschen Oberhirten als Einzelgänger ohne nennenswerte Gefolgschaft. Das Blatt könnte sich wenden – zum Beispiel unter dem Eindruck des Weltjugendtages. Dann wohnt Papst Benedikt XVI. vier Tage im erzbischöflichen Palais in Köln mit Meisner unter einem Dach. Und auch unter den zuletzt ernannten Bischöfen befinden sich wieder mehr, die wieder mit harten konservativen Positionen sympathisieren.

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