Zeitung Heute : Wer ist Kajo Wasserhövel?

Stephan Haselberger

WAS FÜR EIN TYP IST KARL-JOSEF WASSERHÖVEL?

Das wüssten sie in der SPD auch gern. Ambitionen verstecken, Konflikte kaschieren, ganz grundsätzlich nichts preisgeben, auf keinen Fall die Kontrolle verlieren – Karl-Josef „Kajo“ Wasserhövel hält Distanz. Man spürt im Gespräch mit ihm, dass er auf der Hut ist. Und man braucht nicht zu hoffen, dass ihm auch nur ein Wort zu viel entschlüpfen könnte. Wasserhövel lässt nicht erkennen, was er denkt. Er hält viel von Selbstbeherrschung und wenig von Offenheit. Wie sein Förderer – Franz Müntefering.

Das Undurchdringliche, Sphinxhafte verbindet Wasserhövel mit Müntefering. Im kleinen Kreis um den SPD-Vorsitzenden, dem Wasserhövel seit mehr als zehn Jahren angehört, sind Verschwiegenheit und unbedingte Loyalität oberstes Gebot. Verstöße des derzeitigen Bundesgeschäftsführers gegen diese Prinzipien, Widerspruch gegen Münteferings Vorhaben zum Beispiel, sind nicht bekannt.

Es dürfte solche – folgt man dem Bild, dass sich viele Genossen von Wasserhövel gemacht haben, auch nicht gegeben haben. In der SPD gilt der Mann mit der schlichten Brille und den Anzügen in gedeckten Farben als treuer Diener seines Herrn. Einer, der zuarbeitet und umsetzt, aber keine eigenen Impulse gibt, schon gar keine inhaltlichen. Politik, auch diese Überzeugung eint Müntefering und Wasserhövel, sei vor allem eine Frage der Organisation.

Und doch hat ausgerechnet Wasserhövel jetzt die Kontrolle verloren – über sein Image. In der Auseinandersetzung mit der Parteilinken Andrea Nahles um den SPD-Generalsekretärsposten, die an diesem Montag womöglich in einer Kampfabstimmung in der SPD-Führung vorentschieden wird, erscheint der 43-Jährige wahlweise als Münteferings Adlatus, Schattenmann, Befehlsvollstrecker. Er sei, sagen seine Kritiker, kein „politischer Kopf“. Von diesen Urteilen ist es nicht mehr weit zur Karrikatur. Das Satire-Magazin „Titanic“ hat den Vater zweier Söhne bereits in einem Comic verewigt – als servilen Erfüllungsgehilfen Münteferings.

KANN ER DAS AMT DES GENERALSEKRETÄRS AUSFÜLLEN?

Er kann, was Müntefering von ihm erwartet. Der SPD-Chef will vermeiden, dass die Partei und der sozialdemokratische Teil der Regierung auseinander driften. Diese Gefahr besteht tatsächlich. Auf die SPD kommt in der großen Koalition eine Gratwanderung zu. Sie muss im Bündnis mit der Union Einschnitte vertreten, darf aber nicht noch einmal ihr soziales Profil verlieren. Im Willy- Brandt-Haus soll Wasserhövel, der 1995 als Redenschreiber im nordrhein- westfälischen Arbeits- und Sozialministerium bei Müntefering anfing, dafür sorgen, dass der Spagat gelingt.

Den Apparat beherrscht er, im Apparat hat er Karriere gemacht. Freund und Feind attestieren ihm großes Organisationstalent und einen scharfen, analytischen Verstand. „Er ist intellektuell gut möbliert“, sagt einer, der eigentlich lieber Andrea Nahles auf dem Posten des Generalsekretärs sehen würde.

Und noch etwas wird Wasserhövel zu Gute gehalten: Als Wahlkampfmanager habe er einen wesentlichen Teil zum überraschend starken Abschneiden der SPD beigetragen. Gerhard Schröder hat ihn nach der Wahl vor den Genossen im Willy-Brandt- Haus ausdrücklich für seine Professionalität gelobt. Vielleicht war dem scheidenden Kanzler schon damals klar, dass Kajo Wasserhövel aufrücken sollte.

WARUM GIBT ES GEGEN IHN SO VIEL WIDERSTAND IN DER SPD?

„Kajo ist ein guter Sekretär, aber kein General“, sagt ein SPD-Bundestagsabgeordneter. Er steht damit nicht allein. Weite Teile der Partei, vor allem die Jüngeren, glauben, dass Wasserhövels Qualitäten nicht ausreichen, dass die SPD mehr braucht, als einen professionellen Manager, der für Stabilität sorgt. Sie wünschen sich einen Generalsekretär, der seine Aufgabe nicht nur in der Absicherung der sozialdemokratischen Regierungspolitik sieht, sondern die Eigenständigkeit der Partei betont und sie auf die Zeit nach der großen Koalition vorbereitet.

Einen solchen Generalsekretär kann Wasserhövel schon wegen des strengen Loyalitätsgebotes kaum abgeben. Auch als mitreißender politischer Redner ist der Mann mit der hellen Stimme bisher nicht aufgefallen, ebenso wenig wie als leidenschaftlicher Verfechter inhaltlicher Positionen. Das mag auch damit zu tun haben, dass er im Lauf seiner Karriere in der SPD nie um ein hohes Wahlamt kämpfen musste.

WIE REAGIERT ER AUF DIE KRITIK?

Die Zweifel in der Partei an seiner Eignung bekam Wasserhövel zuletzt am Freitag direkt zu hören. Bei einer Klausurtagung der brandenburgischen SPD- Landtagsfraktion wurde Unmut laut. Wasserhövel reagierte wie gewohnt – er sagte nichts, sondern überließ es dem örtlichen Fraktionsvorsitzenden Günther Baaske, die Debatte abzuwürgen.

HAT IHN DIE DEBATTE UM SEINE PERSON SCHON BESCHÄDIGT?

Der Streit der vergangenen Tage hat gezeigt, dass Wasserhövel aus eigener Kraft nicht Generalsekretär werden könnte. Wenn er vom SPD-Vorstand am Montag vorgeschlagen und von den Delegierten des SPD-Parteitags Mitte November in Karlsruhe gewählt werden sollte, dann geschähe dies weniger aus Überzeugung denn aus Furcht vor den Konsequenzen. In der SPD wissen sie: Es würde Müntefering erheblich schwächen, wenn ihm die Partei seinen Wunsch-General verweigerte. „Können Sie sich vorstellen, dass ein Parteivorsitzender überstimmt wird und dann keine Konsequenzen daraus zieht?“ warnt der Sprecher des rechten SPD- Flügels, Johannes Kahrs.

Wasserhövels Chancen bestehen also im Grunde in einer Drohung. Ob sich das Generalsekretärsamt mit dieser Hypothek erfolgreich ausfüllen lässt, ist fraglich. Münteferings Mann würde in den ersten Monaten ständig an den Vorbehalten seiner Kritiker gemessen werden. Manche in der SPD hielten es deshalb für das Beste, Wasserhövel zöge seine Kandidatur zurück. Das aber ist ungefähr so wahrscheinlich, als würde Franz Müntefering Details aus internen Sitzungen der SPD ausplaudern. Denn auch das verbindet den schweigsamen SPD-Chef mit seinem verschwiegenen Vertrauten: Wenn es um Machtfragen geht, können beide beharrlich sein bis zur Sturheit.

Und so hat Franz Müntefering am Wochenende in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ noch einmal klar gemacht, dass er nicht nachgeben will. „Ich habe mich für Kajo Wasserhövel entschieden, weil er für den Job die beste Wahl ist.“

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