Zeitung Heute : Wer ist Karl Lehmann?

Martin Gehlen[Ulm]

WAS MACHT IHN AUS?

Noch bevor man ihn auf der Podiumsbühne beim Katholikentag in Ulm richtig sehen kann, hört man schon sein lautes, schnarrendes Lachen. Die rundliche Erscheinung verströmt Lebenslust und Menschenfreundlichkeit. Mit schmunzelndem Gesicht mustert er den Saal.

Eigentlich wollte er nur einfacher Pfarrer werden. Geworden ist er fast alles, was man in der katholischen Kirche erreichen kann – ein international bekannter Theologe, Bischof und Kardinal, ein gefragter Gesprächspartner von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Karl Lehmann, vor 68 Jahren in Sigmaringen geboren, ist heute der wohl bekannteste und populärste deutsche Geistliche – ein Mann mit enormem Arbeitspensum, einer genügsamen Lebensart und einem phänomenalen Personengedächtnis. Neugierig, uneitel und bodenständig war er schon als Student. Er ist es geblieben auch als Kardinal und Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz.

Lehmann ist ein Mann des Ausgleichs und des Dialogs – zuweilen bis an den Rand der Selbstverleugnung. Das hat ihm den Vorwurf eingebracht, er laviere zu viel und ihm mangele es an Kampfgeist. Man könne nicht immer sachlich ausgewogen sein, gab der Jesuitentheologe Karl Rahner seinem Schüler Lehmann nach dessen Wahl zum Bischof von Mainz mit auf den Weg. Es brauche auch „den Mut zur Einseitigkeit, zum Eintreten für eine Entscheidung, die nicht allen gefällt“. Lehmann aber nahm Maß an einem anderen, dem früh verstorbenen Kardinal Julius Döpfner – ein Mann, der loyal zur Kirche stand, sich als Integrationsfigur verstand und dennoch, wenn nötig, den Konflikt riskierte. Die Früchte von Lehmanns Strategie des Argumentierens und Überzeugens können sich sehen lassen. Ihr ist es zu verdanken, dass die deutsche Kirche nicht ähnlich tiefe innere Zerwürfnisse über die Zukunft des Glaubens erlebt hat wie die Nachbarkirchen in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und in Frankreich.

WAS TREIBT IHN AN?

Wenn der Mainzer Kardinal über seinen Glauben spricht, geht der Blick zurück in sein Elternhaus, zu seinem Pfarrer aus Jugendtagen, die Zeit als Messdiener und später als Student in Freiburg und Rom. In der Ewigen Stadt erlebte er als junger Theologe die Erstarrung der vorkonziliaren Kirche und den Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils. Heute, vierzig Jahre später, steht die katholische Kirche in Deutschland erneut vor einem tiefen Strukturwandel, diesmal jedoch kaum noch begleitet von Hoffnung und Optimismus. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Institution bröckelt, die Zahl der Priester geht ebenso rapide zurück wie die Zahl der aktiven Laien. Beim Geld sind die fetten Jahre vorbei. Überall ist Verunsicherung spürbar, denn die Kirchen müssen sparen, wie nie zuvor. Und vielleicht steht sogar das Christentum insgesamt erstmals in seiner europäischen Geschichte vor einem breiten Traditionsabbruch.

Wo Lehmann Antworten auf die neuen Herausforderungen sieht, zeigen seine Auftritte auf dem Katholikentag: Er macht mit bei einem Gottesdienst für Kirchenferne und einem jüdischchristlichen Abendgebet. Er nimmt teil an einem Podium über „Frauen in geistlicher Leitung“ und spricht zusammen mit dem EKD-Vorsitzenden Wolfgang Huber über die Zukunft der Ökumene. Und er stellt sich der öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Kirche mit dem wohl prominentesten katholischen Dissidenten, dem 1979 von Rom gemaßregelten Tübinger Theologen Hans Küng. Kein anderer Kardinal in Deutschland würde einen solchen Schritt wagen, geschweige denn ihm intellektuell gewachsen sein: Der Kölner Joachim Meisner und der Münchner Friedrich Wetter sind erst gar nicht in Ulm erschienen. Und ihr Berliner Kollege Georg Sterzinsky beschränkte sich auf einen Gottesdienst mit Aussiedlern und Heimatvertriebenen.

WAS KANN ER LEISTEN?

Wenn Lehmann dann über die Zukunft von Glaube und Kirche spricht, wirkt er hin- und hergerissen. Einmal beschwört er die Gefahr, der Glaube könne bald gänzlich verdampft sein. Ein andermal sieht er in der schrumpfenden Kirche die Chance zu mehr Profil und Intensität und verweist trotzig darauf, dass sonntags immer noch mehr Menschen in Gottesdienste gehen als auf den Fußballplatz. In seinen Augen darf die Kirche weder auf wilden Reformeifer und Zeitgeist setzen, noch ängstlich auf allen tradierten Regeln und Formen beharren. „Ich bin für Entschiedenheit im Bekenntnis, wehre mich aber gegen jeden unerleuchteten Fundamentalismus und jede Bunkermentalität“, sagt er. „Wir müssen unseren Glauben überzeugend leben“ ist sein ganz persönliches Credo. Sich nicht entmutigen lassen und einen langen Atem behalten, das sind Sätze, die ihm auf dem Katholikentag immer wieder über die Lippen kommen – von den Gläubigen mit dankbarem Beifall quittiert.

WIE STEHT ER ZUM PAPST?

Die beiden kennen sich ein Vierteljahrhundert. Die Ernennung zum Bischof von Mainz hat Johannes Paul II. unterschrieben. Seitdem hat Lehmann sich immer wieder mit Initiativen vorgewagt, die beim Heiligen Stuhl auf Missfallen stießen. Schon als junger Oberhirte schlug er vor, in begrenztem Maße verheiratete Männer als Priester zuzulassen und die Rolle der Frauen in der Kirche neu zu überdenken. In den 80er Jahren warb er zusammen mit anderen Bischöfen für einen offeneren Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen – und holte sich erneut eine schroffe Abfuhr. Erfolglos focht er für den Verbleib der deutschen Katholiken im System der staatlichen Schwangerschaftsberatung. Und er hielt nicht mit seiner Überzeugung hinter dem Berg, dass die Kurie viel zu viel Macht hat, zu selbstherrlich agiert und der Papst die Kirche zu zentralistisch führt.

Im Gegenzug demütigte Rom den eigenwilligen Mainzer Oberhirten immer wieder auf subtile Weise. Ein ums andere Mal überging ihn der Papst bei Kardinalsernennungen. Erst nach einem ungewöhnlich deutlichen Rumoren hinter den vatikanischen Mauern entschied sich die Kurie im Januar 2001, Lehmann in einer spektakulären Aktion nachzunominieren. An seiner Einstellung zur Einheit der Katholiken mit dem Papst jedoch hat dies nichts geändert. Johannes Paul II. habe Unglaubliches geleistet, sagt er. „Er hat Maßstäbe gesetzt, die weit über seine Zeit hinausreichen.“ Auch das Papsttum steht für Lehmann nicht zur Debatte – zumal er wahrscheinlich den Nachfolger von Johannes Paul II. selbst mitwählen wird. Bei aller Kritik in der Sache – als Rebell gegen Rom hat er sich nie verstanden.

WAS PASSIERT, WENN ER DEN VORSITZ DER BISCHOFSKONFERENZ ABGIBT?

Abwehrend hebt Lehmann die Hände und strebt plötzlich schnell zurück auf seinen Platz im Publikum. Er mag es nicht, wenn zu viel Aufhebens um seine Person gemacht wird. „Wir sind sehr froh, dass wir Sie haben“, ruft ihm der Moderator nach – hinein in den Beifall der Zuhörer. Ähnlich denken auch die meisten deutschen Bischöfe, die ihn vor 17 Jahren zu ihrem Vorsitzenden gewählt haben. In einem Jahr jedoch ist Schluss, im Herbst 2005 geht die dritte Amtszeit des kirchlichen Multitalents und Chefdiplomaten zu Ende. Was dann kommt, weiß niemand. Denn die Personaldecke ist dünn. Es fehlt nicht nur an Pfarrern, sondern auch an Führungsnachwuchs. Lehmanns Abgang wird das Ende einer Epoche markieren.

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