Zeitung Heute : Wer ist Lucy Redler?

Gregor Gysi will mit einer wie ihr nicht reden. Eine, die Rot-Rot in Berlin stürzen könnte. Sie träumt von einer neuen Arbeiterpartei. Und sie glaubt, nur Radikale können etwas bewegen.

Lars Törne

WARUM WIRD EINE WASG-FUNKTIONÄRIN AUS BERLIN VON DER BUNDESPOLITISCHEN LINKEN GEFÜRCHTET?

Der vergangene Donnerstag war mal wieder so ein Tag, an dem Lucy Redler die gestandenen Funktionäre der Linkspartei/PDS in Bedrängnis brachte. Und das gleich zwei Mal. Da war erst die Fernseh-Talkshow auf n-tv. Dazu hatte der Sender den PDS-Platzhirschen Gregor Gysi eingeladen. Als Gegenspielerin wollte man Lucy Redler ins Studio holen, Berliner Spitzenkandidatin der WASG und scharfe Kritikerin der PDS-Politik in der Hauptstadt. Gysi – einer, der sonst keinen rhetorischen Zweikampf scheut – lehnte das kategorisch ab. „Mit der will er nicht reden“, teilte sein Sprecher knapp mit. Also wurde Redler wieder ausgeladen.

Kurz nach der Talkshow bekam Redler dann in ihrem WASG-Büro am Mauerstreifen in Berlin-Mitte Besuch: Ein Fernsehteam vom ZDFMorgenmagazin interviewte die 26-Jährige. Am Morgen darauf konnten die Fernsehzuschauer bundesweit aus ihrem Mund hören, warum die PDS-Politik im Senat unsozial sei und wieso die WASG im Herbst von mindestens fünf Prozent der Berliner gewählt werden will. In dem Beitrag, der die Bundespolitik zum Thema hatte, tauchten die Spitzenpolitiker der Linkspartei nur als Randfiguren auf. Am Ende dieses Tages stand es zwei zu null für die junge Hoffnungsträgerin der radikalen Linken. Die Spitze der Linkspartei um Gysi und Oskar Lafontaine sah ziemlich alt aus. Schon wieder.

Dass sie eines Tages die Führung der bundesdeutschen Linken das Fürchten lehren würde, hatte Redler bis vor kurzem kaum zu träumen gewagt. Politik ist zwar schon lange ihre Leidenschaft, ins Rampenlicht drängte es sie aber nur, wenn es im Interesse der Sache nötig schien. Und jetzt scheint es nötig zu sein – weil sie findet, dass SPD und PDS in Berlin vom Ziel einer sozialeren Gesellschaft fast so weit entfernt sind wie alle anderen Parteien.

WOHER KOMMT IHRE STANDHAFTIGKEIT, FÜR DIE SIE AUCH GEGNER BEWUNDERN?

Zur Politik kam Redler mit 14, als Schulsprecherin in Kassel. Früh wurde aus der linken Lucy Redler eine Linksextreme. Nachdem ein Anschlag auf ein Asylbewerberheim verübt worden war, machte sie bei der Antifa mit. Als Redler 16 Jahre alt war, trat sie aus Enttäuschung über den sozialpolitischen Kurs der SPD zur SAV über – der „Sozialistischen Alternative Voran“. Die trotzkistische Gruppierung wird innerhalb der Linken als Sekte gesehen. Der Verfassungsschutz betrachtet die bundesweit 350 Mitglieder als Extremisten, die den Kapitalismus durch den Sozialismus ersetzen wollen. In Hamburg kandidierte Redler bei der Bundestagswahl 2001 für die SAV – erfolglos. Zwei Jahre später versuchte sie es bei der Bürgerschaftswahl für die linke Regenbogenliste, auch das klappte nicht. Dann mischte sie bei der WASG mit. Schon damals verfolgte Redler die Idee, dass man politisch nur etwas bewegt, wenn man radikal bis auf die Wurzel ist, erinnert sich ein Hamburger Mitstreiter. Von Misserfolgen lässt sie sich nicht entmutigen, denn das Prinzip Redler ist, dass es ums Prinzip geht.

Wenn man sich mit ihr unterhält, macht Redler einen verbindlichen, freundlichen Eindruck. Und für einen Menschen ihres Alters wirkt sie professionell. So kämpferisch und scharf sie auf Parteitagen auftritt, so sanft und selbstbeherrscht wirkt sie beim Gespräch in ihrem kargen Parteibüro, dessen Wände nur ein Stadtplan und ein WASG-Poster zieren. Selten hebt sie ihre Stimme, auch bei Fragen, die ihr nicht passen, bleibt sie so ruhig wie jemand, der sich seiner Sache sehr sicher ist.

In die große Politik wurde Redler katapultiert, nachdem sie 2004 aus privaten Gründen nach Berlin kam, wo sie jetzt als eine von fünf hauptamtlichen SAV-Funktionären ihren Lebensunterhalt verdient. Binnen zwei Jahren stieg sie an die Spitze der als Protestbündnis gegen Rot-Rot gegründeten Berliner WASG auf, die heute rund 850 Mitglieder hat. Mit Bündnispartnern wie dem PDS-Aussteiger Michael Prütz setzte sie in zähen Debatten die kategorische Ablehnung der rot-roten Senatspolitik knapp als Berliner Parteilinie durch – gegen den von PDS und WASG im Bund verordneten Schmusekurs im Interesse der geplanten bundesweiten Fusion. Nun muss Redler ihren Konfrontationskurs auf dem Bundesparteitag der WASG in Ludwigshafen verteidigen, der am Samstag begonnen hat.

WIE WILL REDLER MIT EINER IDEOLOGIE VON GESTERN DIE POLITIK VON HEUTE GESTALTEN?

Sie träumt vom Sozialismus und steht hinter dem Ziel der SAV, eine „neue Arbeiterpartei“ aufzubauen. Die Lehren von Marx, Engels, Trotzki und Luxemburg sind für Redler jedoch nur der Überbau, das langfristige Ziel. Eine Revolution wolle sie nicht anzetteln, sagt sie. Und auch die WASG wolle sie nicht unterwandern, wie es ihr parteiinterne Gegner vorwerfen. Ihr gehe es um Politik im Interesse der sozial Schwachen. Wie die aussehen soll, beschreibt Redler so: Wenn sie ins Abgeordnetenhaus gewählt werde, will sie als Erstes dafür kämpfen, die teilprivatisierten Berliner Wasserbetriebe wieder zu verstaatlichen, die Erhöhung der Gewerbesteuer soll Geld für neue Lehrer bringen. Der PDS zugeneigte Parteifreunde werfen Redler vor, sie missbrauche die WASG und arbeite aus dialektischen Erwägungen der Rechten in die Hände: Wenn sich die Krise des Kapitalismus verschärfe, mobilisiere das die Menschen für den Sozialismus. Das weist Redler zurück. Doch stimmt sie mit CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger zumindest darin überein, Rot-Rot habe Berlin „ärmer und unsozialer“ gemacht.

WAS BEDEUTEN REDLERS PLÄNE FÜR DIE LINKSPARTEI UND DIE WAHL IN BERLIN?

Sie stellen die bundesweite Linkspartei vor existenzielle Probleme. Wegen der Konkurrenz von WASG und PDS in Berlin ist ihr rechtlicher Status im Bund gefährdet. Sollte die bundesweite Linkspartei nicht wie geplant zustande kommen, wäre Redler die erste, der Lafontaine und Gysi die Schuld daran gäben. Das weist Redler prophylaktisch zurück. Sie findet, wer wie die Berliner PDS zu kompromissbereit ist, gefährde das Vorhaben viel mehr. Sie glaubt, die rot-rote Landesregierung stürzen zu können: In Umfragen kommt die WASG auf zwei bis drei Prozent, Redler hält aber mehr als fünf Prozent für realistisch. Die Stimmen dürften vor allem der SPD und der PDS fehlen, aber auch den Grünen. Sollte es nach dem 17. September nicht für die Fortsetzung von Rot-Rot reichen, müsste sich die SPD nach einem anderen Koalitionspartner umschauen. Ein Leben in Opposition schreckt Redler nicht, anders als die Berliner PDS, die die rot-rote Koalition fortsetzen will. Haben nicht einst auch die Grünen mehr Spuren hinterlassen, während sie in der Opposition waren, als später in der Bundesregierung, fragt Redler rhetorisch. Sollte Rot-Rot wegen der WASG in der Hauptstadt scheitern, hat Redler den Schuldigen schon ausgemacht: die Berliner PDS. Die sei nicht von ihrer „neoliberalen“ Position abgerückt, habe dem Verkauf landeseigener Wohnungen zugestimmt und die Umsetzung der Ein-Euro-Jobs in Berlin zu verantworten, statt sich den Prinzipien der WASG anzunähern.

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