Zeitung Heute : Wer ist Mahmud Ahmadinedschad?

Ruth Ciesinger

MAHMUD AHMADINEDSCHAD WUCHS IN ÄRMLICHEN VERHÄLTNISSEN AUF. WIE HAT IHN DAS GEPRÄGT?

Ahmadinedschad kennt das Leben derjenigen Iraner, die ihn vor einem Jahr so überraschend ins Amt gewählt haben. Anders als seine Vorgänger Hashemi Rafsandschani oder Mohammed Chatami ist er weder Kleriker noch stammt er aus der reichen Oberschicht. Als viertes von sieben Kindern eines Schmiedes kam er unter dem Namen Mahmud Saborjhian in einem Städtchen bei Teheran zur Welt. Als die Familie später in die Hauptstadt zieht, lässt der Vater den Familiennamen ändern. Ein Bekenntnis zum Glauben: Der Name Saborjhian bezeichnet denjenigen, der beim Teppichknüpfen die Wolle färbt. Ahmadinedschad dagegen bedeutet „Mohammeds Volk“ oder auch „das tugendhafte Volk“.

Er hat eine stark islamisch verwurzelte Arbeiterklassenkindheit, in der der junge Mahmud Flugblätter gegen den Schah gedruckt haben soll. Später prägt ihn der achtjährige Krieg gegen den Irak. Tägliche Bombardements, Giftgasangriffe und vor allem die Unterstützung Saddam Husseins durch Waffenlieferungen unter anderem aus den USA dürften sein großes Misstrauen gegenüber dem Westen genährt haben. Damals entstand wohl auch seine Überzeugung, dass sich die Iranische Islamische Republik am besten auf sich selbst verlassen soll. Ahmadinedschad war Mitglied der Basidschi, einer Art Bürgermiliz, dann kämpfte er bei der Revolutionären Garde an der Front. Zum engeren Zirkel der Revolution 1979 gehörte er wohl nicht. Dass er ein Anführer bei der Besetzung der Teheraner US-Botschaft im November 1979 gewesen zu sein soll, bestreitet er – und auch diejenigen, die damals erwiesenermaßen zu den Rädelsführern gehörten.

AHMADINEDSCHAD VERFOLGT EINEN RADIKALEN KURS. WAS TREIBT IHN AN?

Vor der Wahl im vergangenen Juni hatte der damalige Bürgermeister von Teheran vor allem mit dem Kampf für Gerechtigkeit und gegen Korruption geworben. Den „Ölreichtum zu den Menschen bringen“, hieß einer seiner Slogans – „es ist möglich, und wir können es tun“. Ahmadinedschad fühlt sich der Idee der islamischen Republik verpflichtet, ausgeprägter Nationalismus paart sich bei ihm mit starker Religiosität, die ins Mystische abdriftet. Den mit Gottesbezügen gespickten Brief, den er an US-Präsident George W. Bush schrieb, schließt Ahmadinedschad mit der Aussage, die Menschen würden sich nach dem „Versagen von Liberalismus und Demokratie im westlichen Stil“ Gott zuwenden. Er gibt sich in dem Brief als einen, den die Gnade Gottes erreicht hat – ähnlich wie nach seinem Auftritt vor der UN-Vollversammlung im Herbst. Damals, sagt er, habe er den Zwölften Imam um Hilfe angerufen und dann einen Heiligenschein um sein Haupt gespürt.

Doch ein solches Sendungsbewusstsein und das Vermischen von Religion und Politik kommen im Iran selbst nicht unbedingt gut an. Der frühere Parlamentspräsident Mehdi Karrubi nannte die Anregung eines ultrakonservativen Predigers, den Brief an Bush in Schulbücher aufzunehmen, eine Beleidigung für das iranische Volk. Ahmadinedschad sei im Gegensatz zum verstorbenen Ajatollah Chomeini keine religiöse Instanz, sondern ein Absolvent der Technischen Universität und ein Verkehrsfachmann.

WIE VIEL EINFLUSS HAT ER?

Ahmadinedschad stieß zu Beginn auf Widerstand – zum Beispiel akzeptierte das Parlament erst seinen vierten Kandidaten für das Amt des Ölministers. Inzwischen hat er seine Anhänger bis in die unteren Ebenen von Ministerien und Botschaften untergebracht, er hat den Direktor der Teheraner Börse sowie die Vorsitzenden mehrerer Banken gefeuert und an Universitäten kritische Professoren austauschen lassen – was im Mai in Teheran Studentenproteste auslöste. Anders als sein Vorgänger Präsident Chatami reist Ahmadinedschad ständig in die Provinz, hält dort Kabinettssitzungen ab und verspricht bessere Straßen, mehr Geld und Arbeitsplätze. Ob er das halten kann, ist zu bezweifeln, doch er scheint gerade die ärmeren Iraner schon allein durch diese Versprechen zu überzeugen. „Er kommt immerhin und spricht zu uns“, sagt ein Taxifahrer.

Andererseits können viele Intellektuelle und Angehörige der Mittel- und Oberschicht nur wenig mit dem proletarisch-islamistischen Präsidenten anfangen. Wie viele Iraner jetzt hinter ihm stehen – ob mehr oder weniger als die rund 17 Millionen, die ihm Mitte 2005 ihre Stimme gaben, das ist letztlich Spekulation.

Genauso unklar ist, ob er als früherer Irakkämpfer tatsächlich die volle Unterstützung der Revolutionären Garden und der Basidschi hat und dadurch das Machtgefüge im Staat weiter in seine Richtung verschieben kann. Allerdings halten es einige Beobachter für gesichert, dass sein Wahlsieg auch mit Druck durch die Milizen zusammenhing. Schon im Teheraner Rathaus stützte ihn seine fundamentalistische Abadgaran-Partei, die jetzt viele Kabinettsmitglieder stellt. Und weil er den Atomstreit zur Sache des nationalen Stolzes gemacht hat, stimmen ihm hier viele zu, die sonst wenig mit dem Populismus des Präsidenten anfangen können. Entscheidend in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik sind aber immer noch der religiöse Führer Ali Chamenei und der nationale Sicherheitsrat, auch wenn der Präsident Letzterem vorsteht. Ob nun dem „Big Boss“, wie ein Journalist Chamenei nennt, etwas mulmig geworden ist vor Ahmadinedschad, oder ob er ihn bewusst gewähren lässt, kann niemand genau sagen.

WAS WILL AHMADINEDSCHAD LANGFRISTIG ERREICHEN?

Auf diese Frage gibt es auch in Iran viele verschiedene Antworten – vielleicht, weil der Präsident selbst kein klares Konzept hat. Seine allgemein formulierten Ziele lassen sich unterschiedlich interpretieren. Eines dieser Ziele ist, die Islamische Republik voranzubringen, ein anderes, Iran als Führungsmacht in der Region und unter den islamischen Staaten zu etablieren. Chamenei betonte zum Todestag von Revolutionsgründer Chomeini, dass der oberste Religionsführer ein Teil der Verfassung ist – und machte sich damit für die Republik stark. Vielleicht ein Seitenhieb auf Ajatollah Masbah Jasdi, den sich der Präsident als religiöse Autorität gewählt haben soll, und der den islamischen Staat am liebsten von allen republikanischen Einflüssen reinigen möchte. Allerdings setzt Ahmadinedschad selbst in der Öffentlichkeit mehr auf Populismus – und Hetze gegen den Westen, insbesondere Amerika. Iranische Intellektuelle gehen davon aus, dass Ahmadinedschad glaubt, was er sagt, wenn er das Existenzrecht Israels oder den Holocaust in Frage stellt. Und sie vermuten, dass er damit bei den arabischen Nachbarvölkern und anderen islamischen Staaten punkten möchte. Seine gegen den Westen gerichteten Tiraden dürften gerade bei vielen jungen Iranern in Teherans Norden dagegen nicht verfangen. Die Frage ist, inwiefern diese Parolen den künftigen Weg Ahmadinedschads im Atomstreit vorzeichnen oder beeinflussen.

In Iran selbst befürchten manche, er suche die Konfrontation nach außen, um das Volk nach innen um sich zu scharen. Außerdem betont der Regierungschef bei jeder Gelegenheit, dass Iran nicht auf sein Recht zur Urananreicherung verzichten werde – ein völliges Aussetzen vor weiteren Gesprächen fordert aber die internationale Gemeinschaft. Auf der anderen Seite hat der Präsident schon häufiger mit unerwarteten Schritten überrascht. Da ist einmal der Brief an George W. Bush, nachdem 27 Jahre zumindest offiziell diplomatische Funkstille zwischen Amerika und Iran herrschte. Oder der Versuch des fußballbegeisterten Präsidenten, den weiblichen iranischen Fans den Zugang zu den Spielen der Männer zu erlauben. Eine Reihe wichtiger Ajatollahs protestierte heftig gegen diesen Plan. Doch Mahmud Ahmadinedschad gab erst nach, nachdem ihm der oberste Führer selbst einen deutlichen Wink gegeben hatte.

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