Zeitung Heute : Wer ist Michael Bloomberg?

Matthias B. Krause[New York]

BLOOMBERG IST MILLIARDÄR. ALS GESCHÄFTSMANN IST ER ÜBERAUS ERFOLGREICH. WARUM MUSS SO EINER NOCH BÜRGERMEISTER WERDEN?

Am Anfang klang er, als sei er im falschen Film. In seiner Antrittsrede vor dem New Yorker City Council dankte Michael R. Bloomberg doch tatsächlich dem Chef einer Kreditkartenfirma dafür, dass der seine Zentrale, die bei den Anschlägen am 11. September zerstört worden war, wieder in Lower Manhattan aufbauen wolle. „Seitdem habe ich nur noch meine American-Express-Karte benutzt“, sagte der Neue im Rathaus, „ich fordere alle auf, dasselbe zu tun.“

Die New Yorker sind einiges gewohnt von ihren Oberhäuptern, aber bei Bloomberg fragte sich mancher, was der hier eigentlich will, politisch völlig unbeleckt und fern der Heimat. Sein unüberhörbarer Akzent weist ihn bis heute eindeutig als einen Sprössling aus den Vororten Bostons aus. Bevor er lernte, Baseball-Kappen der heimischen Yankees zu tragen, sprach er öffentlich darüber, dass er Anhänger der verfeindeten Boston Red Sox sei. Das klingt nicht nach einem, der seinen Ruhestand als Milliardär aufgibt, weil sein Herzblut daran hängt, die Stadt zu retten, in der er sein Glück machte.

Bis heute wirkt der kleine Mann (1 Meter 75) mit der Vorliebe für unauffällige, blau-graue Anzüge bei öffentlichen Auftritten wie der oberste Verwaltungsbeamte, nicht wie ein Stadtvater. Doch es wäre ein Fehler, die Passion zu unterschätzen, mit der der 63-Jährige seinem politischen Amt nachgeht. Eigentlich immer, wenn er von New York spricht, benutzt er Superlative. Big Apple ist die großartigste, die aufregendste, die multikulturellste, die forderndste Stadt der Welt, sagt er – und klingt auf einmal nicht mehr wie ein durch und durch rationaler City-Manager.

Außerdem ist da noch die Sache mit der Eitelkeit. Wer Bloomberg sieht, könnte meinen, diese Eigenschaft fehle ihm völlig. Zumindest bis zu den Anschlägen auf London in diesem Jahr fuhr er meistens mit der U-Bahn zur Arbeit, seine Kleidung sieht aus, als besorge er sie im Discount-Kaufhaus „Century 21“ in der Mittagspause, und sich selbst hält er nicht einmal für so wichtig, dass er seine Nummer aus den Telefonbuch strich. Deshalb erwischen ihn tatsächlich bisweilen Bürger direkt in seinem Townhouse an der Upper East Side beim Dinner. Doch es gibt auch diesen Bloomberg: Der liebt üppige Feste und elegante Frauen, schnelle Autos und Hubschrauber, die er selber fliegt. Der hat Häuser an den schönsten Plätzen der Welt, und der sagt Sätze wie: „Angehimmelt zu werden, ist großartig.“ Vielleicht trieb ihn also doch nur dasselbe in die Politik, wie schon so viele amerikanische Millionäre zuvor: eine massive Midlifecrisis.

IN SEINER FIRMA FOLGT ER DEM SYSTEM: BIN ICH NETT ZU MEINEN MITARBEITERN, SIND DIE NETT ZU MIR. WAS SAGT DAS ÜBER SEINEN CHARAKTER?

Eine der ersten Dinge, die Bloomberg im Rathaus änderte, waren die Büros. Er ließ die Zwischenwände herausreißen und verwandelte so das altehrwürdige Gebäude in ein Großraumbüro, über das er befehlen kann wie ein Kapitän über seine Crew. Nicht, dass er einen solchen Ton an den Tag legte, er folgte damit einem Management-Prinzip, mit dem er schon in seinem Imperium Erfolg hatte: Transparenz und Vertrauen statt Mauschelei und Missgunst.

Streng an der Sache orientiert, ohne festgefahrene Ideologie, ohne Abhängigkeiten von politischen Interessengruppen, drückt er Veränderungen durch, an denen sich seine Vorgänger die Zähne ausbissen. Mit Sonderleistungen, Sozialplänen und kostenlosen Kantinen (ohne Stühle, damit niemand zu lange bleibt) verwöhnte Bloomberg schon die Mitarbeiter seines Unternehmens. Eine kluge Management-Strategie von einem, der selbst nicht mit dem goldenen Löffel im Mund aufwuchs. Sein Vater war Buchhalter einer Molkerei. Um das College zu bezahlen, musste der Sohn einen Kredit aufnehmen und als Parkwächter arbeiten.

Er war nicht immer Klassenbester, dafür ein Vorbild an Disziplin und Stehvermögen. Als Pfadfinder rannte er durch die Wälder New Hampshires und badete in eisigem Wasser, als Bürgermeister beginnt er den Tag mit einem Lauf auf dem Heimtrainer um 5 Uhr 30. „Ein perfekter Tag für mich ist, wenn ein Termin den nächsten jagt“, sagte er einmal in einem Interview, „ich mag es, wenn ich abends so müde bin, dass ich im Stehen einschlafen könnte.“

Nach dem College ging er auf die Harvard Business School und fing dann beim Brokerhaus Salomon Brothers in New York an. Er stieg schnell zum Teilhaber auf, als die Firma verkauft wurde, musste er nach 15 Jahren gehen – mit einer Abfindung von zehn Millionen Dollar. Die sollten das Startkapital für seine eigene Firma sein, einen Wirtschaftsinformationsdienst, der ihn zu einem der reichsten Männer der Welt machte. Sein Vermögen wird auf 4,8 Milliarden Dollar geschätzt.

INWIEFERN PROFITIERT DIE STADT NEW YORK VON IHREM BÜRGERMEISTER?

New York gibt sich zum vierten Jahrestag der Anschläge alle Mühe, die Wunden zu verdecken, die geblieben sind. Der Tourismus brummt wieder in der Stadt, der Broadway glitzert, die Hotels sind ausgebucht, die Preise steigen. Die Geschäftsleute gehen ihren Geschäften nach, die Börse tut so, als sei nie etwas gewesen, die Kriminalitätsrate befindet sich auf Rekordtief, und Bloomberg vermeldete kürzlich einen kleinen Haushaltsüberschuss. Über das Rauchverbot, dass er stadtweit durchsetze, regt sich niemand mehr auf und selbst die drastische Erhöhung der Grundsteuer haben sie ihm vergeben.

Bloomberg besitzt nicht das Charisma Giulianis, doch die meisten New Yorker sind zufrieden damit, wie die Dinge laufen, und verspüren angesichts diffuser Bedrohungen wie Naturkatastrophen oder neuen Terroranschlägen wenig Neigung zum Wechsel. Entsprechend schwer fällt es den Demokraten, Bloomberg mit einem knackigen Wahlkampfthema herauszufordern. Sie werfen ihm den schlechten Zustand öffentlicher Schulen vor und den Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Außerdem scheiterte New York mit seiner Bewerbung für die Olympischen Spiele 2012, und der Bürgermeister verschwendete seine Energie für ein viel zu teures Olympiastadion, das nun nie gebaut wird.

Auch am Ground Zero geht es viel langsamer voran als geplant. „Ich würde mir wünschen, dass es schneller geht“, sagt Bloomberg, „aber am Ende werden sich die Leute nur daran erinnern, ob wir es richtig gemacht haben. Nicht ob es zwei, vier oder acht Jahre gedauert hat.“ Immerhin gilt der Wiederaufbau Lower Manhattans als so beispielhaft, dass die Planer des überfluteten New Orleans bereits ihre Kollegen in New York um Rat baten.

Am Dienstag entscheiden die Vorwahlen darüber, welcher der Demokraten Bloomberg herausfordern wird. Laut Umfragen führt der Amtsinhaber mit komfortablem Vorsprung. 59 Prozent sind nach einer Erhebung der „New York Times“ der Meinung, dass er einen guten Job macht. Außerdem hat Bloomberg gegenüber seinen Konkurrenten einen Vorteil: Seine Wahlkampfkassen sind nie leer. Für seine erste Kampagne gab er 41 Millionen Dollar eigenes Geld aus – so viel wie nie ein Bürgermeister vor ihm.Und mehr als alle anderen Kandidaten zusammen.

WENN ER DAS AMT IRGENDWANN NICHT MEHR BEKLEIDET, REICHT ES IHM DANN AUCH MIT DER POLITIK?

Als er ins Rathaus einzog, wurde Bloomberg nicht müde zu versichern, dass er sich mit einer Legislaturperiode zufrieden gebe. Davon war nach zwei Jahren keine Rede mehr. Heute sagt er: „Ich habe den großartigsten Job der Welt. Es gibt keine andere Beschäftigung in einer Regierung, wo Ursache und Wirkung so eng miteinander verbunden sind.“ Dass Bloomberg sich danach Richtung Washington orientiert, kann sich niemand vorstellen. Dafür sind seine Showtalente nun wirklich zu unterentwickelt. Außerdem gibt es für ihn bei den Republikanern keine Parteibasis. Sollte Bloomberg der Ruhestand zu langweilig sein, könnte er es ja anderswo noch einmal als Bürgermeister versuchen. Städte, die einen effektiven Manager brauchen, gibt es im Land genug.

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