Zeitung Heute : Wer ist Michael Schumacher?

Christian Hönicke

WAS HAT SCHUMACHER ZUM ERFOLGREICHSTEN FORMEL-1-FAHRER ALLER ZEITEN GEMACHT?

Die wichtigste Maßeinheit in der Formel 1 lässt sich nicht per Computer bestimmen, sondern nur schätzen. „Commitment“ heißt sie. Das bedeutet übersetzt Hingabe und bezeichnet die Leidenschaft, mit der das Autofahren im Kreis verfolgt wird. Michael Schumacher hat das Commitment zum Rennsport über alle bisher gekannten Grenzen hinaus betrieben.

Selbst anderen Rennfahrern sind Schumachers Antrieb und Kompromisslosigkeit irgendwann unheimlich geworden. „Er denkt immer nur ans Rennfahren“, hat einmal der frühere Weltmeister Jacques Villeneuve gesagt, mit dem Schumacher eine innige Abneigung verbindet. „Auf die Dauer wäre mir das zu langweilig.“ Auch Formel-1-Chef Bernie Ecclestone fragt sich mit einer Mischung aus Bewunderung und Unverständnis, „wo er nach all der Zeit, nach all den Siegen immer noch seine Motivation hernimmt“.

Schon als kleiner Junge nervte Schumacher die anderen Kinder damit, dass er über nichts anderes sprach als übers Rennfahren, und auch später tüftelte er lieber mit seinen Ingenieuren als mit Frauen zu flirten. Der Kampf Mann gegen Mann reize ihn, sagt er, nicht die vielen Statistiken, die den Namen Schumacher an erster Stelle führen. Ob im Auto, beim Fußball, Billard oder Tischtennis – er will immer der Beste sein. Wenn er es nicht ist, übt er so lange, bis er seinen eigenen Ansprüchen genügt. Mit der gleichen Besessenheit hat er seinen Körper über Jahre hinweg gequält, um auch in strapaziösesten Rennen Konzentrationsfehler aufgrund mangelnder Fitness zu vermeiden.

Dazu kommt ein unglaubliches Gespür dafür, Fahrzeuge am physikalischen Limit zu bewegen. Das hat er sich durch das Kartfahren seit der Kindheit antrainiert. Schumachers größte Stärke aber ist nicht nur, dass er schnell Auto fahren kann. Er weiß auch, wie er ein schnelles Auto bekommt. Schon zu Beginn seiner Karriere ist er als akribischer Arbeiter mit bislang ungekanntem Hang zum Perfektionismus aufgefallen. „Er ist häufig der letzte Fahrer, der die Rennstrecke verlässt“, hat der ehemalige Weltmeister Nigel Mansell erzählt. Diese Arbeitswut hat ihn bis zu seinen letzten Testfahrten vor einer Woche begleitet, wo er kurz vor seiner Pensionierung noch einmal 1000 Kilometer abspulte. Und als gelernter Kfz-Mechaniker kann sich Schumacher seinen Ingenieuren in ihrer Sprache mitteilen.

Schumachers Hingabe hat auch sein Umfeld erfasst. Dass aus dem chaotischen Gebilde Ferrari wieder ein ernst zu nehmender Rennstall wurde, ist auch sein Verdienst. „Michael kann Menschen motivieren und mobilisieren wie kein anderer“, sagt sein Manager Willi Weber. Der frühere Champion Jack Brabham ist in Anspielung auf den Argentinier Juan Manuel Fangio, der mit fünf Titeln lange den Rekord hielt, zu folgendem Schluss gekommen: „Fangio war ein guter Fahrer, aber eben nur ein Fahrer. Schumacher ist die treibende Kraft im Team. Er ist intelligent und ein harter Arbeiter.“

ÜBER DEN RENNFAHRER SCHUMACHER WEISS MAN VIEL, ÜBER DEN MENSCHEN FAST NICHTS. WAS FÜR EIN LEBEN FÜHRT ER PRIVAT?

In all den Jahren als Weltstar hat Schumacher nie das Unbehagen darüber abgelegt, ständig beobachtet zu werden. So achtet er peinlich genau darauf, dass sein Privatleben auch privat bleibt: „Ich würde mich ja manchmal gern mehr öffnen, aber ich kann es nicht.“ Die, die den Mann mit einem geschätzten Vermögen von 300 Millionen Euro doch einmal ohne Helm kennengelernt haben, beschreiben ihn meist mit einem Wort: normal. In seinem Anwesen in Vufflens-le-Château in der Schweiz hat sich Schumacher einen stattlichen Fuhrpark zugelegt, der unter anderem aus seinen verschiedenen Formel-1Autos besteht. Außerdem sammelt er Uhren, ansonsten verzichtet er weitgehend auf Statussymbole und Luxus. Die Unnahbarkeit, mit der er sich auf der Strecke umgibt, ist im Privatleben nicht zu spüren. Selbst sein einstiger Rivale Damon Hill hat nach einer Begegnung abseits der Strecke gesagt: „Er ist einfach ein netter Typ.“

Schumacher ist eher introvertiert und sehr auf Harmonie bedacht. „Ich kuschle sehr gern“, sagt er. Der Vater von zwei Kindern ist ein ausgesprochener Familienmensch; seiner Frau Corinna zuliebe hat er sogar das Westernreiten gelernt. Mit seinen Freunden, die er teilweise seit Jugendzeiten hat, unternimmt er gern mal einen Motorradausflug, denn er braucht auch im Privatleben Aktivität. Bücher zu lesen oder Musik zu hören entspricht nicht seinem Naturell: „Für ein Leben auf dem Sofa bin ich nicht geschaffen.“

WIE WIRD DIE FORMEL 1 OHNE IHN SEIN?

„Irgendwas wird sich schon verändern“, sagt Fernando Alonso. „Ob zum Guten oder zum Schlechten, weiß ich nicht.“ Bislang hat die Formel 1 den Verlust ihrer Stars weitgehend problemlos verkraftet. Allerdings hat sie noch nie jemand über eine vergleichbar lange Distanz derart geprägt und dabei so wenig Raum für die Entwicklung anderer Stars gelassen wie Schumacher. Nicht nur Williams-Pilot Nico Rosberg glaubt, dass Schumachers Rücktritt eine Art Übergangsvakuum folgen wird, „eine Zeit, in der die Formel 1 zumindest in Deutschland wohl weniger interessant sein wird“. Rosberg ist einer von voraussichtlich sechs deutschen Piloten, die um Schumachers Nachfolge kämpfen werden – darunter Schumachers Bruder Ralf und Nick Heidfeld, dessen BMW-Sauber immer schneller wird. Dazu kommt der 19 Jahre alte Testpilot Sebastian Vettel, der zwar noch keine Rennen fahren darf, aber als größtes Talent im deutschen Motorsport seit Schumacher gilt. Dennoch ist nicht sicher, ob RTL die Schumacher- lose Formel 1 auch über 2007 hinaus in deutsche Wohnzimmer übertragen wird.

Bernie Ecclestone dagegen muss um sein Produkt nicht bange sein. Er weiß, was der dreimalige Weltmeister Jackie Stewart ausspricht: „Die Formel 1 ist größer als ein Einzelner. Sie wird auch Schumachers Rücktritt überstehen.“

ABER WIE WIRD ES FÜR SCHUMACHER OHNE DIE FORMEL 1 WEITERGEHEN?

Es ist schwer, sich das Leben eines Menschen vorzustellen, der sich „nur durch seinen Sport definiert hat“, sagt Flavio Briatore. Nicht nur der Teamchef von Renault, der Schumacher zu Beginn der 90er zum Weltmeister geformt hatte, kann sich den Deutschen ohne ein Lenkrad in der Hand eigentlich nicht vorstellen. Deswegen gibt es seit der Verkündung des Rücktritts Spekulationen über seine Zukunft und ein mögliches Comeback. RTL hat ihm einen Job als Kommentator angeboten, Audi will ihn angeblich mit ein paar Millionen zu einer Teilnahme beim Rennklassiker Le Mans bewegen. Doch eine Rückkehr ins Cockpit darf wohl ausgeschlossen werden. „Ich werde auch in keiner anderen Rennserie mehr fahren“, sagt Schumacher. „Der Akku ist zu leer. Ich würde nicht aufhören, wenn ich wüsste, dass ich im nächsten Monat wieder einsteigen werde.“ Im Moment weiß er selbst nicht so genau, was er nach der letzten Zielflagge seiner Karriere am Sonntag tun wird: „Ich habe keine Vision für mein Leben danach.“ Sein Manager Willi Weber ist sich zumindest in einem Punkt sicher: „Er wird dem Motorsport treu bleiben.“ Verknüpft mit der Ankündigung von Ferraris Präsident Luca di Montezemolo, wonach Schumacher „in der großen FerrariFamilie bleiben“ werde, ergeben sich einige Betätigungsfelder: Er könnte als Repräsentant arbeiten, sogar die Rolle als Chef des Formel-1-Teams scheint möglich. „Es ist noch nichts entschieden“, sagt Weber. Zunächst werde Schumacher eine Auszeit nehmen. „Er möchte jetzt endlich einmal die Städte sehen, die er nur vom Flughafen oder von der Rennstrecke her kennt.“ Schumacher sagt, er freue sich darauf, keine Termine mehr zu haben, alles andere werde sich später entscheiden. „Irgendwas wird schon kommen.“

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