Zeitung Heute : Wer ist Michail Chodorkowski?

Elke Windisch[Moskau]

KORRUPTION ODER POLITISCH MOTIVIERTE VERHAFTUNG – WARUM STEHT CHODORKOWSKI VOR GERICHT?

Kurzer Bürstenhaarschnitt, schmales Gesicht, dunkle Augen hinter einer randlosen Designer-Brille – der klassische Verbrecher sieht anders aus. Doch noch ist MBC, wie Michail Borissowitsch Chodorkowski in Russlands Wirtschaftskreisen genannt wird, auch nicht für schuldig befunden worden – das Urteil wird für Montag erwartet. Das hält das postkommunistische Russland nicht davon ab, der theoretisch verbrieften Unschuldsvermutung zum Trotz, Angeklagte bei Strafprozessen grundsätzlich in einen Käfig aus Stahlstäben zu sperren. Tatsächlich gibt es an einem Schuldspruch kaum einen Zweifel. Und das, seit im Oktober 2003 ein bewaffnetes Sonderkommando der Geheimdienste Chodorkowski in Nowosibirsk aus seinem Privatjet zerrte und verhaftete. Offiziell werden ihm Wirtschaftsvergehen vorgeworfen. Unter anderem Raub, Betrug und Steuerhinterziehung in besonders schwerem Ausmaß.

Ein weiterer, der eigentliche, Vorwurf wird offiziell nie formuliert: Einmischung in die Politik. Chodorkowski, Ex-Chef des Ölkonzerns Jukos, hat über Jahre die russische Opposition massiv finanziell unterstützt und wurde sogar schon als Präsidentschaftskandidat gehandelt. Chodorkowski sagt zwar, er habe stets Russland gedient und werde dies weiter tun. Doch zunächst wird er das wohl nur mit der Kettensäge beim Holzeinschlag in einer sibirischen Strafkolonie tun können. Dort dürfte er dann auch viel Zeit haben, über die moderne Version eines Märchens nachzudenken: die Geschichte vom Fischer, der vom goldenen Fischlein zu viel wollte und am Ende wieder in seiner ärmlichen Hütte saß.

CHODORKOWSKI GILT ALS CHAMÄLEON, MAL SANFT, MAL HERRISCH. WAS IST ER TATSÄCHLICH FÜR EIN MENSCH?

In der Tat, der einst reichste Mann Russlands mit einem geschätzten Privatvermögen von 15 Milliarden US-Dollar, kann einerseits sehr gewinnend sein. Leise und zurückhaltend im Auftreten. Und doch ist er zugleich ein harter bis skrupelloser Geschäftsmann. Mitarbeiter, Untergebene, Journalisten leiden unter den abrupten Stimmungswechseln dieses unnahbar und distanziert wirkenden Menschen: Bei Interviews, die er gerne im schwarzen Rolli gibt, der irgendwie nicht zu Rolex und Armani-Anzug passt, tritt er fast schüchtern und übertrieben höflich auf. Doch sobald das rote Aufnahmelämpchen erlischt, verdunkeln sich seine Augen, die eben noch um Zuneigung warben. Und die Lippen verziehen sich zu einem schmalen Strich. Fragen nach Privatem sind ihm unangenehm. Zum Stichwort Hobbys und Vorlieben fällt ihm nur „Schokolade“ ein. Zum Stichwort „Freunde“ gar nichts.

Die habe er auch nie gehabt, behaupten jene, die ihn gut kennen. Er sei ein Alpha-Tier, ein einsamer Wolf, ein Workaholic, entschlossen, das, was er für gut und richtig hält, brachial durchzuboxen. Dabei gehe er über Leichen, sagt einer seiner Gefährten aus frühen Zeiten. Aber er verstehe es auch, andere mitzureißen: Schon als sie vor 20 Jahren im Keller eines Moskauer Wohnhauses eine der ersten russischen Privatbanken gründeten – die Menatep-Bank –, habe er sein Team zu täglich sechzehn Stunden Arbeit und mehr motiviert.

WAS HAT IHN VOM OLIGARCHEN ZUM FÖRDERER EINER OFFENEN BÜRGERGESELLSCHAFT WERDEN LASSEN?

Einst war er Kassierer beim Kommunistischen Jugendverband Komsomol. 1985 erklärte der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow die Perestroika – die kontrollierte Modernisierung der Sowjetgesellschaft – zur Staatsräson und erlaubte erste kapitalistische Experimente.

Chodorkowski, damals gerade 21 Jahre alt und kurz vor dem Diplom zum Wirtschaftswissenschaftler stehend, probiert die neuen Freiheiten aus. Sein erstes Projekt, ein Café auf dem Campus, floppt, die Studenten zieht es abends ins Zentrum. Doch Chodorkowski lernt dadurch das erste Gebot des Kapitalismus: Das schönste Angebot ist für die Katz, wenn keine Nachfrage besteht.

Mit dem zweiten Einstiegsversuch in die Marktwirtschaft – der Menatep-Bank – hat er mehr Erfolg. „Unser Kompass ist der Profit, unser Idol das Kapital, unser Ziel die erste Milliarde“, steht in seinem 1991 veröffentlichten kapitalistischen Manifest, einem Buch mit dem Titel „Der Mann mit dem Rubel“. Das Ziel erreicht er Mitte der Neunziger, als die Filetstücke des Staatseigentums unter den Hammer kommen. Nicht zum Markt-, sondern zum nominellen Wert: Obwohl der des Ölkonzerns Jukos schon damals mehrere Milliarden Dollar betrug, zahlten Chodorkowski und seine Partner wohl nur 350 Millionen. Nach heutigem Aktienrecht sind die fragwürdigen Privatisierungsaktionen dieser Zeit Raub und Betrug. Damals aber waren sie gängige Praxis.

1999 dann leitet er eine erfolgreiche Umstrukturierung des Jukos-Konzerns ein, baut ihn zu einem transparenten Unternehmen um, das mit westlichem Managementkonzept geführt wird. Motto: Ehrlichkeit, Offenheit und Verantwortung. Er selbst gibt fortan den Philanthropen, inszeniert seine Wandlung vom Saulus zum Paulus. Er hat erkannt, dass für die weitere Gewinnmaximierung ein radikaler Paradigmenwechsel der Politik erforderlich ist. Über die Jukos-nahe Stiftung „Offenes Russland“ sponsert er landesweit Sozial- und alternative Bildungsprogramme für Jugendliche, fördert Internet-Projekte, vergibt Stipendien und finanziert die Russische Staatliche Humanistische Universität in Moskau. Tue Gutes und rede darüber, heißt die Devise, die fortan gilt. Chodorkowski redet viel und laut. Das wird ihm schließlich zum Verhängnis. Seine westliche Wirtschaftsorientierung, die einen Einfluss des Staates ablehnt, und sein gleichzeitiger Versuch, politisch Einfluss zu nehmen, versteht Russlands Präsident Wladimir Putin als Provokation. Im Juli 2003 beginnen die Ermittlungen gegen Jukos.

WIE KÖNNTE ES MIT CHODORKOWSKI WEITERGEHEN?

Zehn Jahre Haft fordert der Staatsanwalt. Da Russlands Justiz bisher nur auf dem Papier unabhängig ist, dürfte das Gericht dem Antrag im Wesentlichen folgen. Ein paar unverbesserliche Optimisten rechnen dennoch mit Freispruch oder Verurteilung auf Bewährung. Der Grund: Mit seiner Jahresbotschaft an das Parlament stellte Putin kürzlich Russlands Wirtschaftsgrößen de facto eine Amnestie in Aussicht. Experten bezweifeln jedoch, dass Chodorkowski in deren Genuss kommen wird. Sie vermuten vielmehr, Putin wolle verhindern, dass seine Paladine bei einem möglichen Machtwechsel 2008 selbst enteignet werden. Denn Putin, der dann nicht mehr kandidieren darf, hat angesichts sinkender Zustimmungsraten kaum Chancen, einen Strohmann als Nachfolger ins Amt zu hieven. Der Poker um den Chefsessel im Kreml dürfte daher sehr hart werden. Und womöglich mischt dabei auch Chodorkowski mit, der bei guter Führung auf vorzeitige Haftentlassung rechnen kann. Seine Wahlchancen allerdings tendierten auch dann gegen null: Die russische Volksseele verehrt zwar Märtyrer, verweigert ihnen jedoch die Macht.

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