Zeitung Heute : Wer ist Murat Kurnaz?

Frank Jansen

WOHER KOMMT MURAT KURNAZ?

Er war als Jugendlicher so normal, dass man ihn wohl als Beispiel für die gelungene Integration eines in Deutschland geborenen Türken bezeichnen konnte. Wenn das damals jemanden interessiert hätte. Murat Kurnaz’ Vater war in den 70er Jahren nach Deutschland gekommen, um hier mit harter Arbeit etwas Wohlstand zu schaffen. Nachtschichten als Schweißer bei Daimler-Chrysler, ein Knochenjob. Mutter Rabiye war 1971 mit 13 Jahren ihren Eltern in die Bundesrepublik gefolgt. Die Familie lebte ein unauffälliges, durchschnittliches Leben. Die beiden Brüder von Murat Kurnaz, die ältere Schwester – keine spektakulären Extravaganzen, geschweige denn kriminelle Karrieren. Die Familie Kurnaz in Bremen-Hemelingen entsprach bis 2001, als Murat plötzlich verschwand, dem Durchschnittsmilieu türkischer Migranten in der Bundesrepublik.

Aus Murats Jugend sind nur die üblichen, altersspezifischen Geschichten bekannt. Er begeistert sich für Sport, geht ins Fitnessstudio, spielt Gitarre und Keyboard, möchte Motorrad fahren. Nach der Hauptschule beginnt er eine Lehre als Schiffsbautechniker, er geht mit Vater und Brüdern in eine Bremer Moschee. Sie wird von der islamistischen Organisation Milli Görüs betrieben, doch fanatische Frömmigkeit passte nicht zu den Kurnaz’. Mutter Rabiye trägt die blond gefärbten Haare offen. Einmal hat Murat seine Mutter gefragt, warum sie kein Kopftuch trage. Aber als sie ihm sagte, das gehe nur sie selbst etwas an, war die Sache erledigt. Murat ließ sich zwar „leicht den Kopf verdrehen“, aber Sorgen habe sie sich keine gemacht um ihn, sagt seine Mutter. Das alte Foto von Murat, das sie häufig den Medien gezeigt hat, lässt auch nicht vermuten, dieser junge Mann könnte sich zum Fundamentalisten wandeln. Neugieriger, auch etwas trotziger Blick, die Haare hochgegelt, der Sportpullover steht am Hals lässig offen. Taliban sehen anders aus.

WARUM WOLLTE ER NACH PAKISTAN?

Bei vielen Islamisten gibt es in der Biografie einen Bruch. Oft durch ein religiöses Erweckungserlebnis, inszeniert durch einen geistlichen Menschenfänger, wie sie in jeder Religionsgemeinschaft zu finden sind. Was mit Kurnaz geschehen ist, was ihn verändert hat, ist nicht ganz klar. Im Sommer 2001 heiratet er in der Türkei die Tochter der Nachbarn seiner Tante. Damals trägt er schon einen Vollbart und gibt sich zunehmend religiös. „Murat war einer, der nicht so genau wusste, wo er hin will“, hat ein Freund einmal über ihn gesagt. „Er ließ sich schnell beeinflussen. Wenn er sich für eine Sache begeistert, dann tut er das mit Eifer.“

Unstet, naiv, vielleicht auch etwas labil, wird Kurnaz anfällig für extreme Lebensentwürfe. Der Leiter der Berufsschule, die Kurnaz besucht, wird später dem Bremer Landeskriminalamt berichten, Kurnaz habe sich im Schuljahr 2000/2001 stark verändert. Die äußeren Anzeichen: Vollbart, muslimische Kopfbedeckung. Schüler hätten berichtet, Kurnaz haben sich einen Tarnanzug und ein Nachtsichtgerät gekauft.

Murat Kurnaz ist von einem Prediger der Bremer Abu-Bakr-Moschee radikalisiert worden. Möglicherweise kommt Kurnaz im Sommer 2001 sogar in Kontakt mit Mohammed Haydar Zammar, dem damals in Hamburg lebenden Deutschsyrer mit Kampferfahrung – und mit viel Einfluss auf die Gruppe um Mohammed Atta, den späteren Anführer der Attentäter des 11. September.

Jedenfalls rechtfertigt Kurnaz gegenüber Mitschülern den Terrorangriff auf die USA als „Willen Allahs“. Und auf seinem Handy soll er das Wort „Taliban“ als Hintergrundbild gespeichert haben. Die afghanischen Islamisten hat Kurnaz offenbar bewundert. So sehr, dass es ihn 2001 nach Pakistan zieht, wo die Taliban bis heute enormen Rückhalt genießen. Kurnaz schlägt sogar seiner Familie vor, das Häuschen in Bremen-Hemelingen zu verkaufen und in Pakistan ein neues Leben als Farmer zu beginnen. Von seinen Plänen, nach Pakistan zu reisen, hat die Familie keine Ahnung.

Dafür weiß eine Organisation Bescheid, die Sicherheitsexperten dem Umfeld von Al Qaida zuordnen: Tablighi Jamaat (Gemeinschaft der Missionierung und Verkündung). Sie ist damals in der Bremer Abu-Bakr-Moschee aktiv. Tablighi Jamaat, mit Sitz in Pakistan, wirbt weltweit für einen ultrastrengen Islam. Mitglieder der Bewegung empfehlen Kurnaz, in einem „Intensivlehrgang“ in Pakistan den Koran zu studieren. Aber sie raten ihm nach den Anschlägen des 11. September, er solle wegen zu erwartender Militäraktionen der USA die Reise verschieben. Doch Kurnaz wartet nicht. Am 3. Oktober 2001 fliegt er von Frankfurt am Main nach Pakistan, in die Hafenstadt Karatschi. Sein türkischer Freund, der mitkommen will, wird vom Bundesgrenzschutz am Flughafen abgefangen. Gegen den Mann liegt ein Haftbefehl vor, weil er eine Geldstrafe nicht gezahlt hat. Der BGS ruft die Eltern des Inhaftierten an – und erfährt, der Sohn habe nach Afghanistan reisen wollen, um gegen die Amerikaner zu kämpfen. Da ist Kurnaz schon weg. Am 11. Oktober 2001 leitet die Staatsanwaltschaft Bremen ein Ermittlungsverfahren gegen Kurnaz, seinen Freund und weitere Personen ein – wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Im Fall Kurnaz wird das Verfahren ein Jahr später vorläufig eingestellt, „wegen Abwesenheit des Beschuldigten“. Da sitzt er bereits in Guantanamo.

WIE GEFÄHRLICH IST KURNAZ?

Die Reise ist schlecht vorbereitet. Kurnaz irrt durch Pakistan. Im November 2001 wird er in Peschawar festgenommen. Pakistanis hätten ihn für 3000 Dollar an die Behörden „verkauft“, sagt Kurnaz Ende 2006 der türkischen Zeitung „Hürriyet“. Wäre er, wie tausende Islamisten aus aller Welt, professionell von Taliban oder Al Qaida rekrutiert worden, hätte die Reise einen anderen Verlauf genommen, sagen Sicherheitsexperten.

Die Amerikaner, die Kurnaz von den Pakistanis übernehmen und in Afghanistan einkerkern, halten ihn jedoch für gefährlich genug, um ihn nach Guantanamo zu verfrachten. Dort erlebt Kurnaz die Hölle – viereinhalb Jahre lang. Und er sei in Afghanistan, sagt Kurnaz, von Soldaten der deutschen Eliteeinheit KSK misshandelt worden. Dennoch erklärt er in Guantanamo gegenüber der CIA und angereisten Beamten des BND seine Bereitschaft zum Einsatz als V-Mann. Als der damalige Chef des Bundeskanzleramts, Frank-Walter Steinmeier, und die Leiter der Sicherheitsbehörden im Oktober 2002 eine Spitzeloperation sowie die Rückkehr von Kurnaz in die Bundesrepublik ablehnen, entlassen ihn die USA nicht – auch nicht in seine Heimat, die Türkei. Offenbar halten die Amerikaner Kurnaz weiterhin für einen Terrorsympathisanten. Als Kurnaz schließlich im August 2006 freikommt und nach Deutschland gebracht wird, nimmt der Verfassungsschutz die Überwachung auf.

WAS WILL ER VON DER REGIERUNG?

Kurnaz wartet auf eine Entschuldigung Steinmeiers, der jetzt Bundesaußenminister ist. Der Türke hält der ehemaligen rotgrünen Bundesregierung vor, auch sie habe zu verantworten, dass er unschuldig in Guantanamo festgehalten und damit, wie Kurnaz’ Anwalt Bernhard Docke sagt, „Opfer einer schreienden Ungerechtigkeit wurde“. Und Docke lässt offen, ob nicht auch juristische Schritte notwendig sind. Bis hin zu Ansprüchen auf Schadenersatz.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben