Zeitung Heute : Wer ist Nicolas Sarkozy?

Sabine Heimgärtner[Paris]

WAS FASZINIERT DIE FRANZOSEN AN SARKOZY?

Ganz Frankreich spricht seit Wochen von einer neuen politischen Ära. Derjenige, der sie einleiten soll, heißt Nicolas Sarkozy, bis Montag Wirtschafts- und Finanzminister des Landes. Seine „Krönungsmesse“ läutet einen Parteitag ein, wie es in puncto Prunk in Frankreich noch keinen gegeben hat: An diesem Sonntag wird der 49-Jährige Politikerstar den Vorsitz der mächtigsten französischen Partei UMP übernehmen – mit einem pompösen Fünf-Millionen-Euro-Spektakel auf dem Ausstellungsgelände im Pariser Vorort Le Bourget.

Typisch Sarkozy, spotten die Opposition und ein Teil der Bevölkerung – und können doch dem Selbstverliebten ihre Bewunderung nicht versagen. In einer Art Hassliebe sind sie dem relativ Kleingewachsenen (165 cm) mit dem Riesenselbstbewusstsein zugetan. Nichts ist offenbar so sexy wie der Erfolg. Und erfolgreich ist Sarkozy. Schon 1993, damals noch Bürgermeister in Neuilly, gelang es ihm beispielsweise, die Geiselnahme in einem Kindergarten unblutig zu beenden, indem er persönlich mit dem Täter sprach.

Als Minister ist er permanent „in Aktion“. Eines seiner Lieblingswörter. Als Parteichef wird er das Agieren, einschließlich seiner geliebten Auftritte in Volkes Massen, anderen überlassen und mehr als Organisator, Denker, Lenker und Ideengeber arbeiten müssen. Das schreckt ihn nicht. Er handelt nach dem Motto: Neue Aufgaben, neue Lorbeeren. Ein Grund für diesen ausgeprägten Machtwillen mag in seiner Jugend liegen. Es fehlte ihm der Vater. Fünf Jahre alt war er, als der, ein Lebemann, der vor den Kommunisten in Ungarn geflüxchtet war, sich von seiner Frau scheiden ließ. „Nie hat man mir etwas geschenkt“, sagt Sarkozy. Ein Selfmade-Mann. Einer, der auch im Privatleben extrem diszipliniert ist, um sechs Uhr aufsteht, keinen Alkohol trinkt, radelt und joggt. Und einer der, getrieben von einem gigantischen Ehrgeiz, der Einzige ist, der es wagt, offen auszusprechen, Jacques Chirac bei den Präsidentschaftswahlen 2007 beerben zu wollen: „Ich denke an nichts anderes, selbst am frühen Morgen vor dem Rasierspiegel.“

WAS SIND SEINE STÄRKEN UND SCHWÄCHEN?

Die ersehnte Präsidentschaft ist es denn auch, die den Machtmenschen Sarkozy nach dem Parteivorsitz als Sprungbrett greifen lässt. Eigentlich wäre er lieber Regierungsmitglied geblieben – doch auf Druck Chiracs muss er am Montag sein Amt niederlegen. Als Minister wurde der umtriebige Franzose parteiübergreifend geschätzt. Vor allem wegen seiner hemdsärmeligen, zupackenden Art, die viel mit Pragmatismus und wenig mit Ideologie zu tun hat. „Sarko“ debattiert wenig, er handelt, schüttelt Hände und ist überall: bei den Bauern, Lastwagenfahrern und Hochseefischern. Als Innenminister schaffte er es seit 2002, die Kriminalitätsrate deutlich zu senken. Als Wirtschaftsminister gelang ihm, durch finanzielle Umschichtungen das Haushaltsdefizit um zehn Milliarden Euro zu senken.

Die Schwächen des Karrieristen spiegeln die Kehrseite dieser seiner Erfolgsmedaille: Selbstüberschätzung, Dickköpfigkeit und Machtarroganz. Parlamentspräsident Jean-Louis Debré warnte den Hochflieger deshalb schon frühzeitig: „Unsere Partei ist nicht dazu da, jemanden in den Präsidenten-Himmel zu befördern.“

WAS MACHT DAS WIDERSPRÜCHLICHE VERHÄLTNIS ZU JACQUES CHIRAC AUS?

Fast dreißig Jahre kennen sich die beiden Männer, und ihre Geschichte gleicht einem Trivialroman. Zuneigung, Freude, Leidenschaft, Tragödie, Hass und Eifersucht. Inhaltlich dominieren die Unterschiede. Chirac ist gegen den Irak-Krieg, Sarkozy versteht die Amerikaner. Chirac hält an der strikten Trennung von Kirche und Staat fest, Sarkozy will sie lockern. Chirac hält die 35-Stunden-Woche für eine soziale Errungenschaft, Sarkozy will sie abschaffen. Der Machtkampf wird also voraussichtlich eskalieren.

Das Verhältnis war nicht immer so gespannt. In den freundschaftlichsten Zeiten soll die gestrenge adelige Präsidentengattin Bernadette den jungen Streber Sarkozy sogar als Schwiegersohn auserkoren haben. Doch 1995 kam es zum Bruch. Beim Präsidentschaftswahlkampf unterstützte Sarkozy den Chirac-Herausforderer Balladur. Chirac gewann die Wahlen und strafte seinen einstigen Zögling fortan mit Nichtbeachtung. Sieben Jahre lang galt Sarkozy als „Vatermörder“ und verschwand von der großen politischen Bühne. Sein Comeback gelang ihm 2002. Chirac war gezwungen, ihn in die Regierung zu holen, denn: Er war weit und breit der einzige, der mit seinen umfangreichen Erfahrungen, vor allem im kommunalen Bereich, das wichtigste Wahlkampfversprechen des Präsidenten, die innere Sicherheit, in die Praxis umsetzen konnte. Bernadette soll ihren Gatten damals schon gewarnt haben: „Sarkozy hat einmal den Dolch gezogen, er wird es wieder tun.“ Die Dame sollte Recht behalten. Der Präsident behauptet zwar: „Ich treffe die Entscheidungen, er führt sie aus", und „um wirklich Erfolg zu haben, müsste Nicolas fünf Zentimeter größer sein.“ Doch Sarkozys Entgegnung fehlt es nicht an Schärfe: „Chirac hasst mich nicht. Es ist viel schlimmer: Er fürchtet mich.“

WAS IST VON SARKOZY FÜR DAS DEUTSCH-FRANZÖSISCHE VERHÄLTNIS ZU ERWARTEN?

In vielen Bereichen dürfte sich Sarkozy als neuer UMP-Parteivorsitzender gut mit der deutschen Regierung verstehen. Vor allem mit Innenminister Otto Schily. Wie Schily fordert Sarkozy strengere Einwanderungsregelungen, wie Schily will Sarkozy die Muslime besser integrieren. Und Übereinstimmungen gibt es auch in den Bereichen Innere Sicherheit und Terrorismus-Bekämpfung.

Aber Sarkozys stark nationalistisch geprägte Industriepolitik hat in jüngster Zeit bereits für Verstimmung in Berlin gesorgt. Zwar betont Sarkozy immer wieder die große Bedeutung der „deutsch-französischen Achse“, heimlich aber, so jedenfalls der Eindruck deutscher Politiker, will der quirlige Macher vor allem französische Kassen füllen. Ob beim Fusionskampf zwischen den Pharmakonzernen Sanofi-Synthelabo und Aventis oder im Fall des angeschlagenen französischen Industrieriesen Alstom, der von der französischen Regierung finanziell gerettet wurde, wobei Sarkozy verhinderte, dass sich Siemens einen Anteil an der verschuldeten Firma sichern konnte.

„Wenn man die Entwicklung Europas beeinflussen will, muss man sich an die Regeln halten“, sagt Sarkozy. Der Weggang des Prinzipienreiters dürfte deshalb auch in der EU Konsequenzen haben. Unter den zwölf Euro-Länder galt er als Vorbild, wegen seiner Bemühungen, das französische Haushaltsdefizit unter die vorgeschriebene Marke von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu bringen. Mit seinem Amtsverzicht als Minister könnte dieses Vorhaben scheitern. Für Hans Eichel wäre eine solche Aussicht zwar entlastend, weil es ihm kaum gelingen wird, den deutschen Schuldenberg deutlich abzubauen. In Europa aber wird Sarkozys Weggang als Verlust gewertet.

Der engste Chirac-Freund auf der Europa-Bühne, Bundeskanzler Gerhard Schröder, wird es mit Sarkozy nicht leicht haben. Schon jetzt warnte „Sarko“ davor, der deutsch-französische Motor dürfe „nicht den Eindruck vermitteln, andere auszuschließen“. Zudem brauche man weniger Reden über die „ewige Freundschaft und mehr Projekte, die die Freundschaft in der Wirklichkeit verankern.“ Der Schmusekurs zwischen beiden Ländern könnte also, sollte Sarkozy es zum Staatspräsidenten schaffen, bald zu Ende sein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben