Zeitung Heute : Wer ist Nicolas Sarkozy?

Hans-Hagen Bremer[Paris]

NACH SEINEM WAHLSIEG WURDE NICOLAS SARKOZY KRITISIERT, WEIL ER SICH AUF EINE LUXUSJACHT EINLADEN LIESS. WIE ELITÄR IST SARKOZY?

Sein Werdegang ist für Frankreichs Elite keineswegs typisch. Sarkozy hat keine der Grandes Ecoles besucht – Hochschulen, auf denen die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Nachwuchskräfte ausgebildet werden. Nach einem mittelmäßigen Schulabschluss hat er – wie seine Mutter – Jura studiert. Er besteht zwar die Aufnahmeprüfung für die renommierte Pariser Polit-Hochschule „Sciences Po“, muss aber wegen schlechter Englischkenntnisse vorzeitig abgehen. Für die Verwaltungshochschule ENA, die fast alle französischen Spitzenpolitiker besucht haben, bewirbt er sich erst gar nicht. Sarkozy besitzt nicht die Intellektualität eines François Mitterrand oder das Kulturverständnis eines Georges Pompidou. In die politische Elite hat er es erst durch die Ochsentour in der Partei geschafft.

Sarkozy kann mit Literatur eigentlich nicht viel anfangen – es sei denn, er schreibt selbst. Er hat mehrere politische Bücher verfasst, darunter ein Porträt über den Widerständskämpfer Georges Mandel, der 1944 ermordet wurde. Als Minister traf er sich regelmäßig mit Intellektuellen und Künstlern. Der Schriftsteller Pascal Bruckner sieht darin den Versuch, „Verbindungen zu einer Welt zu knüpfen, die er nicht gut kennt“. Immerhin ist es Sarkozy gelungen, den Philosophen André Glucksmann und einige andere Kulturschaffende auf seine Seite zu ziehen. Leichter als Diskussionen mit Literaten fällt Sarkozy der Umgang mit Vertretern des Showbusiness. Zu den Stars von Film, Fernsehen und Theater, die sich um ihn scharen, gehören der Schauspieler Jean Reno, der Sänger Enrico Macias und der Altrocker Johnny Hallyday sowie neuerdings auch der Rapper Doc Gyneco, der früher in seinen Songtexten auf der Bühne zum Polizistenmord aufrief.

Am wohlsten aber fühlt sich Sarkozy unter den Mächtigen von Medien und Wirtschaft. Er war Bürgermeister des Pariser Nobelvororts Neuilly, wo bis heute viele von ihnen wohnen. Manche waren Klienten des Wirtschaftsanwalts Sarkozy, viele sind jetzt Freunde des Politikers Sarkozy. Martin Bouygues, Präsident des gleichnamigen Baukonzerns und Hauptaktionär beim wichtigen Fernsehsender TF1, ist Sarkozys Trauzeuge gewesen, als er seine zweite Frau Cécilia geheiratet hat. Der andere Trauzeuge ist nicht weniger namhaft: Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH). Außerdem zählen der Flugzeugbauer Serge Dassault, der Kaufhauskönig François Pinault oder der Investor Vincent Bolloré zu seinen Freunden. Die Liste gleicht dem CAC-40 – den im Pariser Börsenindex vertretenen 40 größten Unternehmen Frankreichs. In den Villen und auf den Jachten der Topmanager ist er ein gern gesehener Gast – so wie jetzt nach der Wahl, wo er einige Tage auf Bollorés Jacht ausspannte. Was übrigens laut Umfragen die Mehrheit der Franzosen keineswegs anrüchig fand.

WIE HAT ER ES GANZ NACH OBEN GESCHAFFT?

In den Biografien, die nun über Sarkozy erschienen sind, finden sich eine ganze Reihe von Zitaten, die belegen sollen, dass er schon als kleiner Junge Präsident werden will. Auf jeden Fall will er schnell Karriere machen, um so seine unglückliche Jugend zu vergessen, die Abwesenheit des Vaters, der die Familie sich selbst überlassen hat, und die Gelegenheitsjobs, die er annehmen muss, um sein Studium zu finanzieren. „Ich komme aus dem Nichts und habe mir alles selbst erkämpfen müssen“, pflegt er zu sagen. In die Politik ist er früh eingestiegen. Mit 19 Jahren wird er Jugendsekretär der von Jacques Chirac gegründeten neogaullistischen Sammlungsbewegung RPR, mit 28 Jahren wird er zum Bürgermeister gewählt. Auf einem Foto von damals, das kurz nach seiner Amtseinführung entstanden ist, trägt er Schärpe und selbstbewussten Blick.

Mit Entschlossenheit, Energie, Brutalität, Chuzpe und Hartnäckigkeit arbeitet er an seiner Karriere. Seine Fähigkeit, Rückschläge und Niederlagen zu überwinden, hilft ihm, die Zeit nach 1995 durchzustehen. Chirac nennt ihn damals den „kleinen Schweinehund“, nachdem Sarkozy im Vorfeld der Präsidentschaftswahl dessen Konkurrenten Edouard Balladur unterstützt hatte. Sarkozy zieht sich von der nationalen Bühne ins Rathaus von Neuilly zurück, nimmt Englischunterricht, reist viel, knüpft Kontakte zu den Medien, zur Geschäftswelt und zu den Gewerkschaften, besucht Krankenhäuser und Gefängnisse und testet neue Ideen, zum Beispiel Arbeitsunwilligen die staatliche Leistung zu streichen. „Was die Linke in England mit Erfolg praktiziert, davor darf die Rechte in Frankreich nicht zurückschrecken“, sagt er damals. Sarkozy steckt auch die nächste Demütigung weg, als Chirac ihn 2002 nicht zum Regierungschef beruft, sondern mit dem Innenministerium ruhigzustellen versucht. Nach seinem Motto „ein Medienereignis pro Tag“ legt er sich das Image eines zupackenden Politikers zu, der alle Widerstände aus dem Weg räumt. Gegen den erklärten Willen Chiracs reißt er 2004 die Führung der Regierungspartei UMP an sich und baut diese zu einer schlagkräftigen Wahlkampftruppe aus.

„Ich bin nicht durch Zufall da angekommen, wo ich bin“, sagt Sarkozy. Seinen Aufstieg verdankt er drei Dingen: der ideologischen Unbekümmertheit, mit der er der Linken Themen raubt und der rechtsextremen Nationalen Front Wähler wegnimmt, dem Machtinstinkt, mit dem er Gegner aus dem Weg räumt, und dem Gespür, mit dem er die Medien nutzt. Bezeichnend für die Politik als Spektakel, bei dem Pailletten mehr zählen als Programme, ist am Wahlabend der Moment, als der Moderator im Fernsehstudio eine Erklärung des früheren sozialistischen Premierministers Laurent Fabius unterbricht, um den Rockstar Johnny Hallyday nach der Siegesfeier mit Sarkozy in einem Pariser Nobelrestaurant zu Wort kommen zu lassen.

WIE KANN SARKOZY JETZT DIE FRANZOSEN EINEN?

Er werde der Präsident aller Franzosen sein, hat Sarkozy am Wahlabend versprochen. Das ist die Rhetorik, die von einem Wahlsieger erwartet wird. Chirac hat auch so gesprochen, nachdem er 2002 mit 80 Prozent der Stimmen gegen den Rechtsextremisten Le Pen wiedergewählt wurde. Für Sarkozy wird es nicht einfach sein, das Versprechen umzusetzen. Er polarisiert. Das mag sich jetzt im Amt ändern – aber der Ruf des hyperaktiven, kompromisslosen Egozentrikers klebt an ihm. Vor allem mit der Jugend wird er sich schwertun. Die Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen hat mehrheitlich für die Sozialistin Ségolène Royal gestimmt.

Mit seinem Diskurs über den Wert der Arbeit, über Autorität, Ordnung und Sicherheit und über die Begrenzung der Einwanderung hat er zwar tief sitzende Bedürfnisse der französischen Gesellschaft angesprochen. Aber es haben dann eben doch 47 Prozent der Franzosen gegen ihn gestimmt. Das verpflichtet ihn, Rücksicht zu nehmen auf die, die ihn nicht gewählt haben. Den Gewerkschaften wegen ihrer Mitgliederschwäche die Legitimation abzusprechen, wie es sein Berater Claude Guénant getan hat, wäre ein großer Fehler. „Die Art, wie er Reformen durchsetzt, wird unsere Haltung bestimmen“, warnt Jean-Claude Mailly, der Generalsekretär der Gewerkschaft Force Ouvrière bereits.

Nicolas Sarkozy will schnell handeln. „Ich habe keine Zeit zu verlieren“, bekräftigte er bei einem Treffen mit den UMP-Parlamentariern. Sofort nach dem Amtsantritt am kommenden Mittwoch will er den Regierungschef – voraussichtlich seinen Wahlkampfdirektor François Fillon – berufen, wenige Tage später soll die Regierung stehen. In das auf 15 Mitglieder verkleinerte Kabinett will er auch Minister anderer politischer Couleur wie den früheren sozialistischen Außenminister Hubert Védrine einladen, der angeblich aber schon abgelehnt hat. „Öffnung und Kompetenz“ sollen bei der Aufstellung der „bestmöglichen Mannschaft für Frankreich“ zählen.

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