Zeitung Heute : Wer ist noch sicher in Bagdad?

Sie wollen helfen – jede Woche melden sich hunderte Iraker zum Dienst bei der Polizei. Aber die kann nicht einmal sich selbst schützen.

Susanne Fischer[Bagdad]

Am Montag, als die Bombe kam, hatte Ahmed Said keinen Dienst. „Alhamdidullah – Gott sei Dank. Doch jetzt fleht meine Frau mich jeden Morgen an, nicht zur Arbeit zu gehen“, sagt er. „Aber ich kann doch nicht einfach zu Hause bleiben.“

Das rosa Sofa hat es überstanden. Auf ihm sitzt er nun, unter freiem Himmel, mit seinen Kollegen hat er es aus den Trümmern geborgen und nach draußen geschleppt. Sonst ist kaum etwas heil geblieben in der Polizeistation Hay al-Aalam in Bagdad. Das Haus ist zerstört, und davor liegen wie riesige tote Tiere 20 ausgebrannte Autos. Ahmeds Augen schauen auf die Zerstörung, die eine Tonne Sprengstoff angerichtet hat. Wo vor der Explosion Fenster und Türen waren, sind jetzt schwarze Löcher. Den Hof gibt es nicht mehr.

Im Gebäude sind Schutt und Scherben schon zusammengekehrt. Gleich rechts hinter dem Eingang liegt, schwarz verschmort, der Motorblock des Selbstmörderautos. Der Attentäter kam mit einem blau-weißen Pick-up, erschoss den Wächter am Tor und sprengte sich wenige Meter vor dem Polizeigebäude mit seinem Auto in die Luft. Der Motorblock ist alles, was von dem Wagen übrig geblieben ist. Die Wucht der Explosion schleuderte ihn ins Haus – auf den Polizisten, der hinter dem Empfangstresen saß. Sein Blut klebt, vermischt mit Motorenöl, noch an der Decke, und an der Rückwand des Raums haben sich die Umrisse des Motorblocks ins Mauerwerk gedrückt.

Egal, wen sie treffen

Zwei amerikanische Soldaten nehmen das Haus in Augenschein – sie sind fassungslos. Beide waren Minuten nach der Explosion hier gewesen, ihre Kaserne liegt schräg gegenüber, ein paar hundert Meter entfernt, und durch nichts waren die jungen Männer aus Missouri – erst seit einem Monat sind sie im Irak – auf das vorbereitet, was sie dann sahen. „Überall lagen Finger, Arme, Beine, und wir wussten nicht, was zu wem gehört“, erzählt Sergeant Burns, der einige der zehn hier getöteten Polizisten kannte. Er zeigt durch eine leere Fensteröffnung auf seine Kaserne. Hinter Mauern und Stacheldraht verschanzt, wären die US-Truppen dort allenfalls mit Raketen oder Granaten zu treffen. „Uns kriegen sie nicht so leicht, deshalb haben sie die Polizei angegriffen“, sagt Burns. Er senkt den Blick, bevor er weiterspricht, mehr zu sich selbst: „Ich weiß nicht, wie das hier weitergehen soll. Ich habe wirklich keine Ahnung.“

Die hat im Moment kaum einer in Bagdad. Nach Saddams Diktatur, drei Kriegen und Monaten der Anarchie begann gerade so etwas wie Normalität: in den Restaurants, in den neu eröffneten Internet-Cafés oder bei den Geschäftsleuten, die die Zeit bis Jahresende nutzen wollen, in der sie weder Gewinn- noch Einkommensteuer zahlen müssen und nur wenig Importzoll. Raub, Plünderung und Mord sind in Bagdad deutlich seltener, seit die neu aufgebaute Polizei öfter durch die Stadt patrouilliert. Geldfälscher wurden geschnappt, Mörder verhaftet und Einbrecher gejagt. Auch die vor wenigen Monaten noch allgegenwärtigen Kalaschnikows sind aus dem Straßenbild verschwunden – nur noch Polizisten und autorisiertes Sicherheitspersonal dürfen Waffen tragen.

Wie zerbrechlich diese Normalität ist, das haben die Anschläge der vergangenen Woche gezeigt: Wirklich friedlich war es zwar auch vorher nicht, fast täglich stirbt irgendwo im Land ein US-Soldat – durch Heckenschützen, Raketenangriffe oder selbstgebastelte Sprengsätze. Jetzt aber haben die Angriffe eine neue Dimension erreicht, jetzt sind die Iraker selbst zum Ziel geworden – vor allem jene, die der Bevölkerung ein Gefühl von Sicherheit vermitteln wollen. Was durch den Angriff auf das Rote Kreuz und die darauf folgende Meldung der Uno und anderer Hilfsorganisationen, alle ausländischen Kräfte aus Bagdad abzuziehen, ein wenig in den Hintergrund geraten ist: Am stärksten getroffen wurde an jenem schwarzen Montag die irakische Polizei. Vier Selbstmordattentäter sprengten sich vor Bagdader Polizeistationen in die Luft, ein fünfter konnte durch einen Bauchschuss in letzter Sekunde gestoppt werden. Wen sie treffen, scheint den Drahtziehern der Attentate egal zu sein: Die Polizeiwachen lagen alle in Wohngebieten, zwischen Moscheen, Schulen und Gemüseläden.

Nach den Anschlägen am Montag kam in Bagdad das Gerücht auf, am Wochenende werde alles noch viel schlimmer. Ein Flugblatt soll es geben, mit dem Al Qaida für den gestrigen Samstag den „Tag des Widerstandes“ – sechs Monate nach dem offiziellen Kriegsende – wieder Anschläge androht. Ziel sollten vor allem Schulen sein. Deshalb blieben die gestern geschlossen und die Kinder zu Hause. Ansonsten schien in den Straßen alles wie immer zu sein, der Verkehr wälzte sich träge durch die Stadt, nur die ständig im Tiefflug über die Stadt donnernden US-Militärhubschrauber und ungewöhnlich viele Polizeistreifen ließen vermuten, dass man die Drohung ernst nimmt.

Jeder Anschlag führt zu weiterer Aufrüstung, Tag für Tag erobern die Betonsperren neue Straßenzüge – allmählich verwandelt sich ganz Bagdad in ein Gefängnis. Was bisweilen zu bizarren Szenen führt – wie vor wenigen Tagen in einer Straße im belebten Geschäftsviertel Arasat, in der gleich zwei Minister der neuen Regierung wohnen. „Nicht vor meinem Haus“, protestierte ein Anwohner, als ein Gabelstapler anrückte und Sicherheitssperren platzieren wollte. Keiner will den Checkpoint vor seiner Tür haben – denn dort sprengt sich im Zweifel der Attentäter in die Luft, wenn er zum eigentlichen Ziel nicht vordringen kann. Ein Mann eilt herbei, stellt sich als Sicherheitsberater des Ministers vor: „Glauben Sie mir, wir arbeiten auch für Ihre Sicherheit, aber darüber, wo die Betonsperren stehen, gibt es keine Diskussion.“

Sollte hinter den Anschlägen das Kalkül stecken, die Bevölkerung gegen die Amerikaner aufzubringen, weil die nicht für Sicherheit sorgen können, dann haben die Attentäter allerdings eher das Gegenteil erreicht: Von legitimem, gar heroischem Widerstand gegen die Besatzer spricht, zumindest offen, niemand mehr. Dafür sind inzwischen zu viele Iraker getötet worden.

Ein paar Kilometer von der Hay-al-Aalam-Wache entfernt steht vor einem zweistöckigen Wohnhaus ein grünes Zelt für die Trauergäste, Koranverse aus einem Lautsprecher beschallen die Straße. Unter dem Stoffdach sitzen eine Hand voll Gäste zum Kondolenzbesuch, die Familie des getöteten Polizisten hat sich ins Haus zurückgezogen. Chiefsergeant Shabab hinterlässt zwei Ehefrauen – eine davon mit Zwillingen schwanger – und fünf Kinder. Sein Bruder kommt heraus und bittet um Verständnis, die Familie wolle im Moment keine Fremden sehen, zu groß sei ihr Schmerz. Fügt aber hinzu, wenn wir mit einer Fernsehkamera wiederkämen, würde er seine Wut in die Welt hinausschreien. Auf die Politik. Auf die Terroristen. Auf jene, die seinen Bruder auf dem Gewissen hätten und auch noch glaubten, die Religion gäbe ihnen das Recht dazu. Dann zieht er sich wieder ins Haus zu den anderen Trauernden zurück.

Waad Hussein hatte mehr Glück als sein Kollege Shabab. Er stand auf dem Dach der Polizeiwache, als der blau-weiße Pick-up kam. Sein Gedächtnis hat einen lauten Knall gespeichert und kurz darauf den Anblick vieler Toter, über den Rest breitet sich gnädiges Dunkel. Das Dach gibt es nicht mehr, und Waad liegt mit vielen schwer verletzten Kollegen im Djamuk-Krankenhaus, als einziger kräftig genug, um zu reden. Als 18-Jähriger meldete er sich freiwillig für den Dienst bei der Polizei, um der Armee zu entgehen. Er wollte nicht kämpfen. Und ist nun, fünf Jahre später, auf Umwegen doch noch zum Kämpfer geworden – für mehr Sicherheit im Irak.

„Such dir einen anderen Job“, raten ihm Nachbarn und Freunde. Zu gefährlich, sagen sie. Zu mager der Lohn der Angst. 120 Dollar im Monat, für irakische Verhältnisse zwar nicht wenig, aber dafür sein Leben riskieren? Auch der Vater, Abdul Hussein, der mit Waads Brüdern am Krankenbett sitzt und an einem kleinen rosa Plastikkästchen ständig sein Hörgerät reguliert, wünscht sich eine andere Arbeit für seinen Sohn. Und wenn das nicht geht, sollen ihn die Amerikaner wenigstens besser ausrüsten. „Warum haben die irakischen Polizisten keine Schutzwesten, wie sie jeder US-Soldat hier trägt? Los, Waad, zeig deine Wunden“, fordert er seinen Sohn auf, der gehorsam den Schlafanzug hochschiebt. Der Brustkorb ist voller Druckverbände; voll mit Spuren der Metallsplitter, die sich in Waads Körper gestanzt haben. Zwei seiner besten Freunde sind ums Leben gekommen. Trotzdem blickt er, soweit seine zugeschwollenen Augen es erlauben, entschlossen drein, hebt seine von Schnittwunden gezeichnete linke Hand empor und versichert: „Ich mache weiter!“

Jetzt erst recht

Ein Satz, den man überall in Bagdad von den Polizisten hört: in den von Bomben zerstörten Wachen, auf der Straße, in der Polizeiakademie. Einzelne mögen aufgeben, wie die vier Polizisten von Hay al-Aalam, die nach dem Anschlag weinend das Blut an den Wänden berührten und riefen: „Unsere Freunde, unsere Kollegen, das ist ihr Blut, wie sollen wir weitermachen? Wir können das nicht mehr.“ Die Stimmung der Mehrheit aber scheint ein entschlossenes „Jetzt erst recht“ zu sein.

Zwei Tage nach den Anschlägen stehen vor der Polizeiakademie gegenüber vom Innenministerium bereits wieder 100 junge Männer Schlange, die sich als Polizisten bewerben wollen. Die meisten sind ehemalige Soldaten, arbeitslos und ohne große Aussichten auf einen anderen Job. Aber nicht Verzweiflung sei es, die sie zur Polizei treibe, sagen sie. „Wir müssen unser Volk schützen“, ruft einer. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Wahabiten, diese radikalen Ketzer, unser Land zerstören“, sagt ein anderer, der wie viele Iraker davon überzeugt ist, dass nicht alte Saddam-Anhänger, sondern ausländische Terroristen hinter den Selbstmordanschlägen stecken.

Vom Gelände der Polizeiakademie sind Gewehrsalven und Explosionen zu hören: Amerikanische Soldaten und Sicherheitsberater aus verschiedenen Ländern trainieren neue Polizisten, die nicht selten auch die alten waren. Hielten sich die Amerikaner anfangs bei der Rekrutierung ehemaliger Polizisten eher zurück, haben sie inzwischen eingesehen, dass sie auf das Wissen und die Erfahrung der alten Kräfte nicht verzichten können. Und irgendwo müssen die 65000 Mann, die die irakische Polizei dereinst haben soll, ja herkommen. Der strategische Kopf hinter der neuen irakischen Polizei aber ist ein Amerikaner, und zwar einer, der für seine rigide Vorstellung von Ordnungskräften international anerkannt ist, aber auch scharfe Kritik dafür erhalten hat: Bernard B. Kerik, der frühere Polizeichef von New York. Auf Wunsch von Donald Rumsfeld im Mai in Bagdad eingeflogen, hat er als oberster Polizeiberater des irakischen Innenministeriums in den vergangenen Monaten den Wiederaufbau und die Ausbildung der neuen irakischen Polizei organisiert.

Mit großem Erfolg, wie General Ahmed Kadhim Ibrahim, der stellvertretende irakische Innenminister, versichert. Der hoch gewachsene Mann mit imposantem Schnurrbart und akkurat gestutzten Augenbrauen sitzt in der Polizeiakademie von Bagdad in einem Büro, das keine Zweifel daran erlaubt, wem seine Loyalität gilt: Fotos von Ibrahim mit dem amerikanischen Statthalter im Irak, Paul L. Bremer III., Fotos von Ibrahim mit dem amerikanischen Vize-Verteidigungsminister Wolfowitz, von Ibrahim mit diesem und jenem US-General. „Sehen Sie, hier umarmt mich Bremer wie ein Bruder, und das bedeutet im Irak sehr viel.“ Gerade an diesem Samstag kündigte Bremer den schnelleren Aufbau der irakischen Sicherheitskräfte an. Die vom US-Kongress gebilligten zusätzlichen Mittel würden es erlauben, den Aufbau der Polizei und des Zivil- und Grenzschutzes doppelt so schnell voranzutreiben, sagte er.

Für General Ibrahim war früh klar, wo die Zukunft des Irak liegt. Am 10. April, dem Tag, als Bagdad fiel, war er einer der ersten Polizeioffiziere, die sich im Palestine-Hotel bei den Amerikanern meldeten, um für den neuen Irak seinen Dienst anzubieten. Bald übernahm er das Kommando einer 25 Mann starken Einheit, die nach ehemaligen Regimemitgliedern und Schwerverbrechern jagte. Eine Schusswunde im Bein wird ihn lebenslang an die ersten Wochen der neuen Zeit erinnern.

Die Arbeit auf der Straße erledigen mittlerweile andere, Public Relations heißt die neue Front des Generals. Und so redet er lieber über die Fortschritte bei der Ausrüstung der neuen Polizei als über die Rückschläge durch die Bomben. „Terrorismus gibt es doch überall“, sagt er, „nicht nur bei uns im Irak.“ Egal wer hinter den Anschlägen steckt, schuld daran ist für General Ibrahim ohnehin einer allein: Saddam. „Hätte er sich ergeben und wäre ins Exil gegangen, hätte er uns den Krieg erspart, und Iraks Grenzen wären nicht offen für alle möglichen Feinde, die ungehindert ins Land können, um Angst und Schrecken zu verbreiten.“ Natürlich bleibe noch viel zu tun, allein in Bagdad fehlten noch 5000 Polizisten, auch Training und Ausbildung reichten noch nicht aus. Aber was den Kampf gegen den Terror angehe, habe man schon einen – natürlich geheimen – Plan und auch erste Erfolge zu verzeichnen. Worin die bestehen, behält er für sich. „Und vielleicht fassen wir diesen Kriminellen ja auch bald“, kommt er auf Saddam zurück, „dann übergeben wir ihn dem Volk, und er fährt zur Hölle.“

Bei der Verbrechensbekämpfung mag Ahmed Ibrahim stolze Erfolge verzeichnen; was das Vertrauen in die Polizei angeht, bleibt für den General noch viel zu tun. Wenn es um Sicherheit geht, vertrauen die meisten Iraker in dieser wirren Zeit auf jene, die sie schon lange kennen. In einer vor den Anschlägen veröffentlichten Studie gaben 62,5 Prozent der Befragten an, dass am ehesten Freunde, Nachbarn und Familie ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermittelten. Nur zwölf Prozent wählten die neue Polizei und drei Prozent die Koalitionsstreitkräfte. Militär und Sicherheit für die Zivilbevölkerung vertragen sich eben nur bedingt. Zwar sind in den Tagen nach den Anschlägen auf den Straßen von Bagdad wieder mehr amerikanische Militärstreifen unterwegs, was auf die Dauer aber keine Lösung sein kann. Denn das schwere Gerät der Amerikaner im dichten Bagdader Stadtverkehr bringt nur zusätzliche Gefahren. So wie vergangene Woche, als aus noch ungeklärtem Grund ein Panzer plötzlich wendete und das Taxi hinter ihm samt den drei Insassen überrollte. Alle waren auf der Stelle tot.

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