Zeitung Heute : Wer ist Norbert Röttgen?

Einen Geheimzirkel hat er: mit Angela Merkel. Schwarz-grün soll er sein. Nicht jede seiner Entscheidungen spricht dafür. Jetzt geht es für ihn erst mal ums Klima

Robert Birnbaum Dagmar Dehmer
313353_0_8e86611c.jpg
Will gestalten: der neue Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Fotos: dpa (2), Reuters, Imagodpa

Das „öffentliche Gut“ war sein endgültiger Durchbruch. Norbert Röttgen gilt seit jeher als ein Nachdenklicher – ein Ruf, der im Politikgeschäft ja nicht zwingend karrierefördernd ist. Aber mitten in der schlimmsten Finanzkrise erwies sich diese Eigenschaft als äußerst nützlich. Der Finanzmarkt, konstatierte der damalige Erste Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion Ende vergangenen Jahres, sei „ein öffentliches Gut“. Und deshalb sei der Staat nicht nur berechtigt, sondern geradezu gefordert, den Zusammenbruch der Banken aufzuhalten.

Es war die geistige Brücke, über die die CDU und ihre Kanzlerin von da an ideologisch korrekt mit einem Sack voller Milliardenhilfen marschieren konnten. Öffentliches Geld für öffentliches Gut – da blieb kein Widerspruch zur sozialen Marktwirtschaft. Röttgen selbst gefiel der Gedanke so, dass er als frischgebackener Umweltminister in seiner Antrittsrede im Bundestag daran anknüpfte: Umwelt und Klima seien mehr noch als ein öffentliches, sie seien „Menschheitsgut“.

PASST SEIN NEUES AMT ZU IHM?

Tatsächlich hat sich der 44-Jährige genau diesen Kabinettsposten gewünscht: ein Ressort, in dem Zukunft gestaltet und nicht nur Gegenwart verwaltet wird. Auch weil er bei Angela Merkel noch einen gut hatte, bekam er den Wunsch erfüllt. Denn Röttgen galt schon 2005 als ministrabel. Doch Merkel holte sich als Chef des Kanzleramts damals lieber Thomas de Maizière, einen ihrer ältesten Vertrauten noch aus DDR-Nachwendezeiten. Die Sache nagte an Röttgen. Der immer freundliche Rheinländer ließ sich zwar nichts anmerken. Aber kein Jahr später stand er plötzlich vor dem Absprung: Der CDU-Hoffnungsträger war kurz davor, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands BDI zu werden. Aus dem Ausstieg aus der Politik wurde dann doch nichts. Röttgen bestand darauf, sein Mandat als Abgeordneter des Rhein-Sieg-Kreises bis zur Wahl zu Ende zu führen. Der BDI lehnte das ab. Röttgen entschied sich fürs Parlament und gegen die Lobby. Es sagt viel über seinen Ruf, dass niemand am Ernst dieser Entscheidung zweifelte.

WIE IST SEIN VERHÄLTNIS ZUR KANZLERIN?

Merkel hatte ihm von dem Wechsel abgeraten. Die beiden verbindet ein höchst interessantes Verhältnis. Röttgen gehörte zu jenem engen Kreis jüngerer CDU-Politiker, mit denen die Oppositionsführerin Merkel abends bei Bier und Wein Strategien diskutierte. Der Geheimzirkel besetzt heute Schlüsselposten: Peter Altmaier ist Röttgens Nachfolger als Fraktionsgeschäftsführer, Hermann Gröhe CDU-Generalsekretär, Ronald Pofalla Kanzleramtschef; Eckart von Klaeden und der Spiritus Rector der Truppe, Peter Hintze, sitzen als parlamentarische Staatssekretäre im Kanzleramt respektive Wirtschaftsministerium.

Die meisten von ihnen kannten sich schon aus der Jungen Union. Röttgen war von 1992 bis 1996 deren Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen, 1994 zog er in den Bundestag ein. Bei Helmut Kohl geriet er zügig in Verruf. Röttgen gehörte zur legendären „Pizza Connection“ junger Unionsabgeordneter, die sich regelmäßig beim Bonner Nobelitaliener „Sassella“ mit jungen Grünen trafen. Noch mehr missfiel dem Parteipatriarchen der Einsatz der Nachwuchstruppe für ein liberales Staatsbürgerrecht. Denn Altmaier, Röttgen und Co. wurden für die Öffentlichkeit fast automatisch zu Kronzeugen dafür, dass mit einer Kohl-CDU kein gesellschaftlicher Fortschritt möglich war.

Trotz dieser Vorgeschichte greift die gängige Kurzformel, Röttgen sei ein Merkel-Vertrauter, etwas zu weit. Vertraut sind die beiden einander schon, direkten Draht zur Partei- und Regierungschefin hat er jederzeit. Aber er ist ein zu eigenwilliger Kopf, um als bloßer Gefolgsmann zu taugen. Er hat sich ein leises Misstrauen gegen Macht bewahrt, vielleicht noch eine Prägung aus der Erfahrung Kohl. Und er ist zu sehr Parlamentarier, Christdemokrat und Skeptiker, um jeden taktischen Schwenk seiner Kanzlerin richtig zu finden. Dass er bis zuletzt einer der wenigen CDU-Politiker war, der der großen Koalition mit der SPD einen Gestaltungsauftrag abverlangte, statt bloß über die angeblichen Blockade-Sozen zu jammern, ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Tatsächlich zeigte es erneut, dass Röttgen seine Aufgabe als Volksvertreter in einem ganz altmodischen Sinne ernst nimmt. Politik, so sein unausgesprochenes Credo, hat die Kraft, Verhältnisse zu gestalten – dann hat sie aber die verdammte Pflicht, es auch zu tun. Dazu wird er jetzt viel Gelegenheit bekommen.

WAS IST POLITISCH VON IHM ZU ERWARTEN?

Aus dem Generalisten muss im Schnellkurs ein Klimaexperte werden, der Deutschland beim Gipfel in Kopenhagen vertritt. Immerhin – verhandeln kann er, dafür ist die Rolle des Fraktionsgeschäftsführers eine gute Schule. Röttgen hat jedenfalls schnell begriffen, dass er das Klima als Gewinnerthema verkaufen muss. Deshalb spricht er vom Klimaschutz als „Modernisierungsprogramm für die Wirtschaft“. Denn gegen Modernisierung und Wettbewerbsfähigkeit sollten auch konservative Marktwirtschaftler in der eigenen Partei nichts einzuwenden haben.

WELCHEN KURS FÄHRT ER IN DER ATOMFRAGE?

Die Vorbereitungen auf das von der schwarz-gelben Koalition angekündigte Energiekonzept laufen bereits. Röttgen hat Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) wie den Energiekonzernen angekündigt, dass er dabei ein gewichtiges Wort mitzureden gedenkt. Zudem hat er gerade schon mal klargestellt, dass es nicht um einen Ausstieg aus dem Ausstieg gehe, sondern einzig darum, dessen Datum hinauszuschieben. Daher mutet es umso rätselhafter an, dass er den Chef der Reaktorsicherheitsabteilung in seinem Ministerium, Wolfgang Renneberg, in den vorzeitigen Ruhestand geschickt und den Posten mit einem alten Atomlobbyisten, Gerald Hennenhöfer, besetzt hat. Vielleicht löst Röttgen eine alte Zusage seiner Vorgängerin Angela Merkel ein. Denn angesichts seiner bereits bewiesenen Lernfähigkeit ist es schwer vorstellbar, dass ihm das Risiko dieser Berufung nicht bewusst ist. Wenn in einem Atomkraftwerk eine Panne passiert und die Bundesaufsicht zögerlich reagiert, wird es stets heißen: kein Wunder.

In der Atompolitik ist es Röttgen also bereits gelungen, sich mit der Opposition anzulegen und Widerspruch in den eigenen Reihen zu ernten. Aber erstens hat Röttgen nicht vor, als Minister in die Annalen einzugehen, der das bis tief ins Unionslager hinein verbreitete Misstrauen gegen die Atomkraft brachial ignoriert. Und zweitens steckt hinter seiner Berufung gerade in dieses Ministeramt ein Kalkül, das niemand aussprechen muss und doch jeder sofort erkennt. Der nachdenkliche Liberal-Konservative könnte einer werden, der der CDU wieder eine Brücke baut – diesmal über eine parteipolitische Schlucht hinweg. Wenn sich irgendwann die Frage stellen sollte, ob die Union im Bund mit den Grünen koalieren kann, könnte der einstige Pizza-Connector die alte Verbindung reaktivieren. Bis dahin ist sein Kampfauftrag profaner: Er soll die Behauptung mit Substanz unterlegen, dass die Bewahrung der Schöpfung ein urchristdemokratisches Anliegen sei – und bei der Gelegenheit den Grünen so viele Wähler abspenstig machen wie möglich.

_________________________________________________________________________________________

GEBOREN

Norbert Röttgen wurde am 2. Juli 1965 in Meckenheim bei Bonn geboren.

AUSBILDUNG

Er studierte Jura an der Universität Bonn, seit 1993 ist er als Rechtsanwalt zugelassen. 2001 promovierte Röttgen wiederum in Bonn. Seit 1994 sitzt er im Bundestag, 2005 wurde er Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, 2009 schließlich Umweltminister.

FAMILIE

Norbert Röttgen ist verheiratet mit Ebba Herfs-Röttgen. Sie haben zwei Söhne und eine Tochter.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben