Zeitung Heute : Wer ist Oliver Pocher?

Bernd Gäbler

WAS HAT OLIVER POCHER ALLES GEMACHT, UM BERÜHMT ZU WERDEN?

Fast alles. Mit fünfzehn spielt er zum Hochzeitstag der Eltern Szenen ihrer Ehe vor. Alle brüllen vor Lachen. Parallel zu Schule und Ausbildung jobbt er als DJ, moderiert im Radio. Er ist von sich überzeugt. Später muss er als „Warm-Upper“ – auch Anklatscher genannt – bei Birte Karalus das Publikum aus dem Stand in Stimmung bringen. Hier wird sein geradliniger Witz geboren. Wenn er heute in Dresden auftritt, begrüßt er alle ehrfurchtsvoll im „Venedig Deutschlands“, um dann schnell nachzulegen: „wegen der Taubenscheiße“. So funktionieren seine Pointen.

Bei Viva hat er sich weitgehend so benommen, wie es die Zielgruppe erwartet: viel und schnell reden, ruhig auch sinnfreie Interviews führen. Er hat Erfahrungen gesammelt. Er hat seine Präsenz trainiert – und hat sprachlich nicht geschludert, sondern grammatikalisch einwandfreies Deutsch gesprochen. So geschult betritt er laut und krachend auch die größeren TV-Bühnen. In „Wetten, dass …?“ legt er einer Zuschauerin mit den Worten: „Du siehst ganz schön alt aus für dein Alter“ eine Schönheitsoperation nahe und muss dafür später 6000 Euro Schadenersatz zahlen. Als er mit Mariah Carey, die sich in ein hautenges Kleid gewickelt hat, in einer Talksendung auftritt, fragt er in die Runde, was denn wohl „Presswurst“ auf Englisch heiße.

Er hat die Mechanismen der Öffentlichkeit studiert: Anpassung kann schaden, Anstößiges schafft Aufmerksamkeit. So kommt man weiter. Mit mehr Kunstsinn wäre er vielleicht ein Daniel Brühl geworden, aber beim Film sind ihm die sorgfältigen Drehs zu langatmig. Er ist ungeduldig, setzt auf Tempo, liest wenig, ist kein akribischer Perfektionist. Als der Drehbuchautor Ralf Husmann ihn bei der Produktionsfirma „Brainpool“ betreut, legt er ihm nahe, es könne nicht schaden, montags ruhig einmal in den „Spiegel“ zu schauen. Die Typen in Berlin sagen Pocher etwas, die klassische Politik nicht. Er erforscht seine Mitmenschen nicht, sondern brüllt sie erst einmal an. Für seine Sendung „Rent-a-Pocher“ lernt er das „Brainpool“-Prinzip: für das Wohl der Sendung auch Schmerzen zu ertragen. Richtig berühmt macht ihn dann die Werbung für Media-Markt. Hier darf er die Kunden so „verarschen“, wie es sich viele Pubertierende wünschen. Im späteren Werbespot derselben Firma adelt ihn Harald Schmidt als Synchronstimme eines Schweins mit den Worten: „Dann nehmt doch den Pocher“. Ein Inaugurationsritual ähnlich wie Madonnas Kuss für Britney Spears. Seitdem ist Pocher zu Höherem geweiht.

WAS FÜR EINEN HUMOR HAT ER?

Früher hätte man wohl gesagt, er ist ein Frechdachs. Die anderen raufen auf dem Schulhof, aber ein kleiner, flinker Kerl macht es mit dem Mundwerk, klopft Sprüche. Das ist der Typus Pocher – schnell und schlagfertig, sagt das, was einem selbst erst am nächsten Morgen eingefallen wäre. Er ist über alle Maßen unverschämt. Er benennt die Evidenzen. Wenn einer dick ist, sagt er: „Boah, bist du dick!“ Da kann niemand widersprechen. Er provoziert. Sein Material entnimmt er gerne den bunten Blättern, zieht hämisch über das große und kleinere Personal des öffentlichen Klatschs her, macht sich lustig über die „Event-Programme“ der anderen Fernsehsender.

Er spricht eben über das, was alle kennen. Daraus kann leicht eine Masche werden: erst beleidigen, dann sagen, dass es nicht so gemeint war. Bloße Dreistigkeit aber fängt Pocher häufig wieder auf, weil er so ist, wie seine jungen Zuhörer gerne wären. Man merkt ihm an, dass er zum Beleidigen allen Mut zusammennehmen muss. Es folgt dann fast verlegener jungenhafter Charme. Den zeigt er auch, wenn er Pointen versemmelt.

Seine Spielkunst aber bleibt amateurhaft. Zu Viva passte dieses Schülertheater. Schon im „Quatsch Comedy Club“ oder im Ensemble der „Schillerstraße“ ist dies gelegentlich peinlich. Manchmal lispelt Pocher ein wenig. Er kann auch schüchtern gucken, als wäre er erst siebzehn. Auch dafür mögen ihn die ganz jungen Mädchen.

Zum Charme gehört auch, dass er selbstverständlich nicht nur austeilt, sondern auch Witze auf seine Kosten zulässt. Tommy Jauds „Vollidiot“ – die Geschichte eines Losers, der durch viel Slapstick hindurch muss, um am Ende doch zum liebenswerten wie liebesfähigen Jungmann zu reifen – ist ihm auf den Leib geschrieben. Der Film ist ein sauber durchkalkulierter Kinoerfolg.

Es gibt aber auch eine Seite an Oliver Pocher, die er selten zeigt: Brachiales Sticheln kann umschlagen in anrührende Freundlichkeit. Kein anderer im Fernsehen hatte vor der Fußball-WM die Idee, in Polen die Verwandten des deutschen Stürmers Miroslav Klose zu besuchen. Oliver Pocher tat es – und war wie verwandelt, war ein ganz Lieber.

WIE PASST ER ZU HARALD SCHMIDT?

Vermutlich wunderbar. Harald Schmidt braucht unbedingt einen Gegenpart, an dem er sich reiben kann. Mit Pocher sind alle möglichen Konstellationen denkbar: Vater und Sohn; Lehrer und Schüler; Intellektueller und Prolet; Herr und Knecht. Vor allem aber muss Schmidt nicht mehr selber den Kasper geben. Die wahrscheinlichste Kombination heißt: König und Hofnarr. Hofnarr Pocher darf alles sagen, nur nicht den König stürzen wollen. Darin steckt allerdings auch eine Versuchung. Pocher könnte sich zu früh für den Kronprinzen halten.

Bevor er es regelmäßig in die Intellektuellenliste des „Cicero“ brachte, war auch Harald Schmidt ganz groß im Beleidigen. Da herrscht also Einverständnis zwischen beiden. Mit Pocher an seiner Seite kann Schmidt sich jetzt noch stärker auf Hintersinn und Ironie zurückziehen. Auf die Idee, die nächtliche, verregnete und kaum ausgeleuchtete Pressekonferenz von Kurt Beck und Edmund Stoiber als neuen Dogmafilm zu preisen, kommt Oliver Pocher vermutlich nicht. Der Scherz dagegen, als Preis bei Heidi Klums Sendung „Germany’s next Topmodel“ winke vor allem Sex mit Flavio Briatore, könnte da schon eher von beiden stammen.

Schmidt wird Pocher etwas beibringen. Ob Shakespeare in Playmobil, Nietzsche, griechische Mythologie oder Peymann beim Hosenkauf – Harald Schmidt kann sicher sein, dass Oliver Pocher von dieser Welt keine Ahnung hat. Also kann Schmidt ihn auch kujonieren. Pocher wird sich wehren, wird mit dem Finger auf das Offenkundige zeigen. Er hat das Potenzial, die Sendung neu zu dynamisieren. Immer wenn er Gast bei Harald Schmidt war, lief es rund. Jetzt soll Oliver Pocher der Quote aufhelfen und dem Altmeister junges Publikum zuführen – ein logisches Kalkül.

Manuel Andrack, der vermutlich ein guter Redaktionsleiter ist, und „Madame Licard“ sitzen ohnehin meist nur noch herum. Pocher soll für neuen Schwung sorgen, aber es kann auch ganz schön knirschen zwischen den unterschiedlichen Zielgruppen.

POCHER IST ERST 29 JAHRE JUNG. WAS HAT ER NOCH VOR?

Oliver Pocher ist ehrgeizig. Neben der Show „Schmidt & Pocher“, für die 22 Folgen vertraglich vereinbart worden sind, wird er sich exklusiv an die ARD binden. Also bekommt Pocher wohl bald eine eigene Show, vermutlich zunächst am Vorabend als weniger verschnarchte Alternative zu Jörg Pilawa. Und am 18. Mai 2017 wird Thomas Gottschalk mit 67 Jahren in Rente gehen. Um die Nachfolge anzutreten, überredet das ZDF dann Oliver Pocher mithilfe eines dreistelligen Millionenbetrags zum Transfer.

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