Zeitung Heute : Wer ist Oskar Lafontaine?

Matthias Meisner

1990 WARNTE ER VOR EUPHORIE BEIM THEMA DEUTSCHE EINHEIT – JETZT SUCHT ER DEN SCHULTERSCHLUSS MIT DER PDS: WIE PASST DAS ZUSAMMEN?

Lafontaine und Karl-Marx – dieses Bild wird der frühere SPD-Vorsitzende am kommenden Dienstag wählen. Jetzt erst recht. Eingeladen vom Bündnis „Aus Wut wird Widerstand“, einem von PDS und WASG gesteuerten Trupp, wird Lafontaine in Chemnitz stehen und vor dem gewaltigen Monument des Revolutionärs reden, in der Stadt, die zu DDR-Zeiten nach Karl Marx hieß.

Wiedergutmachung, nicht nur, aber auch mit dem Osten, das ist es, was ihn treibt. Der Mann, der 1987 noch Erich Honecker in seiner saarländischen Heimat empfangen hatte, der schon vorher von der Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft redete, will 15 Jahre nach der Wende beweisen, dass seine Bedenken gegen eine rasche Vereinigung richtig waren, dass er schon damals die Wahrheit gesagt hat. Vielleicht auch vergessen machen, wie arrogant und überheblich er damals als Kanzlerkandidat im Osten auftrat. Ein Anwalt der kleinen Leute wollte er sein, prangerte die „Hungerlöhne“ in Ostdeutschland an – aber die Menschen vertrauten ihm nicht. Quer zur Stimmung stand Lafontaine mit seiner Haltung, die SPD bekam bei der ersten gesamtdeutschen Wahl ein so schlechtes Ergebnis wie Jahrzehnte nicht.

Jetzt soll es für Lafontaine als ein Zugpferd des neuen Linksbündnisses wieder so werden wie Ende August vergangenen Jahres, als er zu den Montagsdemonstranten auf dem Leipziger Augustusplatz sprach. Wo sie ihn als Kanzler-Kritiker erst mit Pfiffen empfingen, wo einer sogar ein Ei nach ihm warf – wo Lafontaine dann aber ausrief: „Wenn die Oberen entlastet und die Unteren belastet werden, müsst Ihr sagen: ,Wir sind das Volk!’“ Damals gewann er die zunächst skeptische Menge für sich, und ein Chor von Demonstranten rief im Stakkato den Slogan aus dem Wendejahr. Diese Stimmen, diese Bilder, sagte damals Gregor Gysi voraus, werde Gerhard Schröder so schnell nicht wieder los werden.

WAS VERBINDET IHN MIT GREGOR GYSI?

Zunächst war es nur die Lust am Tabubruch. Und seine Einschätzung, dass die SPD nach der Wende etwas falsch gemacht hat – weil sie sich damals nicht für ehemalige Mitglieder der SED öffnete. Sehr bald jedenfalls, nachdem Oskar Lafontaine auf dem Mannheimer Parteitag das Führungsproblem seiner SPD löste, indem er selbst antrat, sehr bald danach öffnete Lafontaine seinem Konkurrenten Gysi die Türen. Kaum zwei Wochen vergingen, und die beiden trafen sich in der saarländischen Landesvertretung in Bonn. Eher so als Aufpasser brachte Lafontaine Wolfgang Thierse mit, der später zu Protokoll gab: „Man hat sich nicht angeschrieen, aber es ging durchaus kontrovers zu.“ Gysi verließ das Gebäude durch den Hintereingang. Er gab zu, dass inhaltlich so gut wie nichts besprochen worden war. Aber die Nachricht, um die es beiden ging, war in der Welt.

Lafontaine und Gysi verband ein Verhältnis wie die PDS-Oberen es mit keinem SPD-Vorsitzenden danach mehr erleben sollten. Immer wieder trafen sich die beiden Spitzenpolitiker. Mal ging es um konkrete Verabredungen – zum Beispiel um die erste rot-rote Koalition auf Landesebene, die 1998 dann auch zu Stande kam. Mal tauschten sie sich über ihre eigene Bedeutung aus. Verschmitzt gestand Lafontaine, sowohl seine Mutter als auch seine Schwiegermutter seien Gysi-Fans: Er habe es nicht geschafft, ihnen das auszureden.

Eine Seelenverwandtschaft entwickelte sich da. Erst Recht, nachdem Lafontaine 1999 und Gysi 2002 zu Polit-Privatiers geworden waren. Beide zogen durch die Talk-Shows. Sie traten auch gemeinsam auf. Mal stellte Lafontaine Gysis Buch vor, mal war es umgekehrt. Vor Publikum pflegten sie den kumpelhaften Duz-Ton, schimpften gegen den „neoliberalen Mist“. Waren sich einig, dass der Kanzler ein „unzuverlässiger Kamerad“ sei. Die Positionen wurden austauschbar. Und immer wieder redeten sie, träumten von einer neuen linken Volkspartei, einer Gysi-Lafontaine-Partei. Nur wie, wann sollte sie kommen? Lafontaine ist auch ein Zögerer und Zauderer. Doch klar war auch: Beiden machte der Politik-Entzug zu schaffen, und ihre Kolumnen in den Boulevardblättern linderten die Not nur mäßig. Zuletzt sah man sie gemeinsam im April, vier Wochen vor der NRW-Wahl auf dem Podium im Potsdamer Hans-Otto-Theater. Das Thema hieß: „Was ist aus ihren Träumen geworden?“ Die beiden wurden mit einem Volkswagen von einem Potsdamer Hotel abgeholt, und Lafontaine sagte beim Aussteigen: „Wir dachten schon, man hat uns vergessen.“ Dabei war nur das Auto etwas zu spät gekommen.

ER PREDIGT GERN DIE REINE LEHRE – WIE LINKS IST LAFONTAINE EIGENTLICH?

Allein der Titel seines Buches „Das Herz schlägt links“ beweist gar nichts. Natürlich ahnt er, was gut ankommt. Und hat seine Forderungen griffbereit: Erhöhung des Spitzensteuersatzes, Vermögenssteuer, Managerhaftung, Mindestlohn, Rücknahme von Hartz IV. Eine neue Weltwirtschaftsordnung, die die Folgen der Globalisierung mildern soll. Aber er ist nicht immer auf dieser einen linken Linie: Vor Jahren schreckte er die Gewerkschaften mit der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich, gegen Kritiker in den Medien setzte er ein scharfes Pressegesetz durch und jüngst lobte er Silvio Berlusconi für seinen Vorschlag, die EU möge Flüchtlingslager in Nordafrika finanzieren.

DAS GEFÜHL, ES BESSER ZU KÖNNEN, EITELKEIT, RACHE – WAS TREIBT IHN AN?

Katholisch gedrillt, Messe um sechs Uhr morgens. Gysi sagte mal über Lafontaine: „Vielleicht muss man sich nach so einer Jugend im Laufe seines Lebens irgendwann bei irgendwem rächen.“ Die Zeit, das jetzt bei Gerhard Schröder zu tun, wäre reif. Die beiden haben sich und anderen viel vorgelogen. Als sie im August 1997 an der Saar-Schleife standen zum Beispiel, mit ihren Frauen, und eine wunderbare Freundschaft vorgaukelten. Als Schröder auf dem Krönungsparteitag im März 1998 in Leipzig den Satz sprach: „Sie werden kein Blatt zwischen mich und Oskar bekommen.“ Und dann dieses kaum vorstellbare Maß an Entfremdung zwischen dem Kanzler und dem einst als „bestem SPD-Vorsitzenden seit Willy Brandt“ Gepriesenen. Nein, die Genossen wollten schon lange nicht mehr mit Lafontaine tanzen, so wie es Andrea Nahles 1996 auf dem SPD-Jugendparteitag in Köln getan hatte. 2003 schickt Schröder „im Namen des Parteivorstands“ eine schnöde Grußkarte zu Lafontaines 60. Geburtstag, derweil zur vertrauten Feier im saarländischen Landgasthof Gysi erscheint. „Der kommt nie wieder“, sagte Schröder vor Monaten in Berlin in kleiner Runde über den früheren Vorsitzenden, der damals noch in der Partei war. „Hoffe ich.“

Das Kapitel Lafontaine und SPD ist vorbei, jetzt kann er den fallenden Schröder nochmal treten. Da passt es dann gut, dass er die große Bühne so sehr vermisst. „Wenn wir ihn morgen nicht mehr einladen würden, dann ist der Mann tot. Mausetot. Nicht nur politisch, sondern auch menschlich.“ So fasst es einer seiner Fernsehgastgeber zusammen.

WAS KANN AUS IHM NOCH WERDEN?

Die Annäherung von PDS und West-Linken gibt Gelegenheit zum Größenwahn. Und das ist eine der Seiten, die sie schon in der SPD an Lafontaine gehasst haben und die ihm den Spitznamen „Saar-Napoleon“ einbrachte. Er, der 1998 die SPD an die Macht gebracht haben will, meint nun, noch einmal zeigen zu können, dass er der bessere Sozialdemokrat ist.

Doch dazu fehlt noch eine Menge. Von fern am Telefon hat er in die Verhandlungen zwischen PDS und WASG hineinregiert, jetzt soll er sich, der sich das nie vorstellen konnte, auf einer offenen Liste der SED-Nachfolgepartei antreten, selbst wenn die den Vornamen Demokratische Linke hat. Bis zum Herbst sind die Weichen gestellt: Lafontaine neben Gysi als Fraktionsvorsitzender des Bündnisses, denn als Hinterbänkler wird er kaum in den Bundestag wollen. Aber dann? Zwar reden die Beteiligten vom „neuen gemeinsamen Projekt der Linken in Deutschland“, das binnen zweier Jahre nach der Bundestagswahl stehen soll. Beschlossen ist nur der gemeinsame Wahlkampfauftritt im Herbst. Ob Lafontaine nicht nur Wähler zieht, sondern die Linke in Ost und West wirklich vereinigen kann? Von der Agenda 2010 enttäuschte westdeutsche Gewerkschafter, das Sozialmilieu der 70er Jahre – dem Traditionalisten Lafontaine ist das nicht fremd. Er müsste neue Leute, Kandidaten, Mitstreiter gewinnen, aber die SPD-Linke hält zusammen. Er müsste sie schon so begeistern, wie er 1995 in Mannheim die gesamte SPD begeistert hat.

Der Weg, den Gysi und Lafontaine eingeschlagen haben, weist noch nicht zu einer Erfolgsgeschichte. Vorerst ist nur dafür gesorgt, dass sich die beiden allen noch einmal zeigen können. Wobei Lafontaine es ungleich schwerer hat: Gysi kann seiner Partei treu bleiben, Lafontaine musste mit der SPD brechen.

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