Zeitung Heute : Wer ist Peter Struck?

Peter Siebenmorgen

ER WAR LANGE ZEIT KRANK. WOHER NUN DIE EILE, WIEDER ANZUFANGEN?

Plötzlich war er einfach da. Ein kurzer Anruf, ob der Bundeskanzler Zeit für ihn habe, gleich. Hat er. Und so erhielt Gerhard Schröder am Dienstag, dem 22. Juni, überraschenden Besuch von seinem Verteidigungsminister. Zwölf Tage zuvor war Peter Struck zusammengebrochen. Offiziell war von einem Schwächeanfall die Rede. Die Spekulationen reichten vom Herzinfarkt bis zum Schlaganfall – zwei Infarkte hatte Struck schon vorher erlitten.

Am nächsten Tag flog Schröder nach Stuttgart. Was stimmt denn nun?, will einer der mitreisenden Reporter vom Kanzler wissen. War es ein Schlaganfall? „Das kann ich nicht beurteilen, bin ja kein Arzt“, antwortet Schröder. Und wie soll es weitergehen? Kommt Struck wieder? „Er will, so schnell wie möglich.“ Bei ihrem Gespräch im Kanzleramt am Abend zuvor hatte Schröder ihn ermutigt. Auch dazu, sich die erforderliche Zeit zur Genesung zu nehmen. Gerade, weil er ihn nicht verlieren will, kommt es auf ein paar Wochen später nicht an. September? Oktober? Egal, Hauptsache Peter Struck wird wieder gesund. Der aber sagt dem Regierungschef, er wolle schon im August zurückkehren. Ende August? Nein, gleich in der ersten Hälfte, um eine Rundreise zu Bundeswehrstandorten zu machen. Am 17. August will er mit den Truppenbesuchen beginnen.

Ist das zu verantworten? Ein enger Vertrauter des Kanzlers meint: ja. Natürlich habe man kein uneingeschränkt gutes Gefühl. Aber wenn Struck unbedingt wolle? So wenig Stress geeignet ist, die Heilung zu befördern, so wenig sei es auch zwanghafte Ruhe für einen, den es wieder ins Geschäft drängt. Bis zum Ende dieser Woche erholt sich der Verteidigungsminister, wie es heißt, am Bodensee. Dann nimmt er die Dienstgeschäfte wieder auf.

Wahrscheinlich kann er auch gar nicht anders. Nicht, dass Politik für ihn eine Droge wäre. Man muss seinen Drang zurück in die Politik allerdings auch nicht als bloße Selbstlosigkeit werten oder als reines Pflichtgefühl dem Land, der Partei oder seinen Kanzler gegenüber. Ein bisschen Zwanghaftes ist da schon am Werk, das Begonnene ordentlich zu beenden und auch, sich nicht von Krankheit unterkriegen zu lassen. Auf seine geliebten Pfeifen wird er in Zukunft womöglich verzichten, was er gegen jeden ärztlichen Rat nach den ersten schweren Attacken auf seine Gesundheit nicht wollte. Aber den Inhalt seines Lebens will er schon selbst bestimmen, nicht von außen aufgezwungen bekommen.

Wenn es gut geht, werden alle glücklich sein. Der Patient sowieso, vor allem aber auch der Kanzler. Denn eine gezwungene Kabinettsumbildung kann der gar nicht gebrauchen. Und einen besseren Verteidigungsminister dürfte er auch nicht finden. Im Laufe der Jahre hat Gerhard Schröder seinen Peter Struck schätzen gelernt.

WIE IST DAS VERHÄLTNIS ZWISCHEN STRUCK UND SCHRÖDER?

Beileibe nicht immer war es um diese Beziehung gut bestellt. Struck war für Schröder einst das personifizierte Elend der SPD – damals in den neunziger Jahren, als Schröder sich schon für den Besten in seiner Partei hielt, aber partout nicht Kanzlerkandidat werden sollte. Struck fungierte als 1. Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Und von denen hielt der niedersächsische Ministerpräsident rein gar nichts. Struck, als zweiter Mann nach dem Fraktionsvorsitzenden in einer Schlüsselposition, wurde von Schröder als Organisator eines „Kartells der Mittelmäßigkeit“ bezeichnet.

Sehr viel mehr, als dass sie beide erstmals 1980 in den Bundestag gewählt wurden, der niedersächsischen SPD entstammen, Fußballnarren und Borussia-Dortmund- Fans sind, hatten Struck und Schröder nicht gemeinsam. Beide sind sie innerhalb ihrer Partei von links gestartet. Doch als Schröder sich in den Bonner Oppositionsjahren zum Wirtschaftsfreund und Modernisierer wandelte, stand Struck, der Steuerjurist, fest an Oskar Lafontaines Seite. Nach dem Regierungswechsel 1998 war es dann auch der Saarländer, der Struck zum Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion machen wollte.

Lafontaine, Schröder, Struck – keiner wurde mit dieser Konstruktion so richtig glücklich. Der eine musste schnell erkennen, dass sich Struck keineswegs als sein verlängerter Arm gegen den Kanzler instrumentalisieren ließ. Der andere wiederum sah in ihm den Verantwortlichen für Pannen in der Abstimmung zwischen Bundesregierung und Regierungsfraktion. Eine Spontanleistung im Sommer 1999 zur Steuerreform – Struck plädierte unabgesprochen für ein radikal verändertes System, das vor allem den Steuerexperten der Union gefiel – sorgte für viel Aufregung. Denn gerade hatte Hans Eichel, Lafontaines Nachfolger als Bundesminister der Finanzen, damit angefangen, Struktur und Ordnung in den Haushalt zu bringen, und eine eigene Steuerreform für das kommende Jahr angekündigt. Da war Strucks Vorstoß ein glattes Eigentor. Und alle vorgefassten Urteile schienen wieder einmal bestätigt zu sein. Eine ganze Weile brauchte es, bis Peter Struck, der Sturkopf, den Rückzug aus seiner Steueroffensive antrat. Seither wirkte er politisch ein bisschen wie gelähmt; auf eigene politische Initiativen verzichtete er fortan.

Dennoch wuchs die Wertschätzung des Kanzlers in der Folgezeit für ihn. Denn mit der gleichen Sturheit, die Peter Struck ins Abseits geführt hatte, legte er sich nun dafür ins Zeug, dass die Fraktion ihren ungeliebten Kanzler stützte, als der hätte stürzen können. Etwa bei der Vertrauensfrage zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, deren Ausgang alles andere als sicher gewesen ist. Alle Wackelkandidaten wurden zu Einzelgesprächen gebeten und bekamen den Charme des Fraktionsvorsitzenden – mal werbend, mal drohend – zu spüren. Wenn auch knapp, am Ende stand die Mehrheit. Auf solchen Erfahrungen ist Gerhard Schröders sicheres Gefühl begründet, es bei Peter Struck mit einem Loyalen zu tun zu haben. Über Details von Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden, die es immer gab, wurde nie etwas nach außen bekannt.

WIE MACHT SICH EIN STEUERJURIST ALS VERTEIDIGUNGSMINISTER?

Derart zum Aktivposten der Regierungskoalition geworden, gab es keine echte Alternative zu ihm, als Rudolf Scharping im Sommer 2002, kurz vor der Bundestagswahl, als Verteidigungsminister vom Kanzler entlassen wurde. Mit großer Begeisterung ist Struck nicht an die Spitze der Bundeswehr gerückt. Er, der bis dato nie mit sicherheitspolitischer Kompetenz aufgefallen ist, wäre lieber bei der Fraktion geblieben. Dass es nicht anders ging, sah er allerdings ohne Nachhelfen ein.

Zurückzuwechseln kam nicht in Betracht. Denn nach den Scharping-Eskapaden brauchte die Truppe vor allem eins: Ruhe und neue Stetigkeit. Dafür steht Struck wie kaum ein anderer. Mit der ihm eigenen Mischung aus kantiger Herzlichkeit und verbindlicher Sachlichkeit können sie beim Militär schon phänotypisch gut umgehen. Das mögen sie mehr als Geschwätzigkeit. So nahmen sie ihn, den sie ungefragt nehmen mussten, gern an.

Unterdessen wuchsen sich die Streitereien mit den USA und in der Nato über den Irak zu einer handfesten transatlantischen Sinnkrise aus. Da war es für den Kanzler wichtig, einen absolut zuverlässigen Mitstreiter im Wehrressort zu wissen. Und Struck selbst gewann bald Gefallen an seiner neuen Aufgabe. Der Umgang mit Menschen liegt ihm, und die Bundeswehr bietet dafür weiten Auslauf. Aber auch für den schwierigen Prozess der Streitkräftereform erwies es sich als hilfreich, keinen Militärexperten an der Spitze des Ministeriums zu haben. Er brachte den Blick aufs Ganze mit und damit auch den Sinn dafür, dass sein Ressort eben auch nur eines unter vielen ist. Wer den Erfolg der Regierung will, muss sich als Mannschaftsspieler begreifen. Mit diesem Verständnis hat Struck sich auch an eines der größten Probleme der Bundeswehr herangemacht: die notorische Knappheit des Wehretats. Experten neigen in solchen Lagen stets zu Dramatisierungen und beschwören schlimmste Gefahren für die Verteidigungs- und Bündnisfähigkeit herauf. Struck hingegen ist der ideale Minister, um die Balance zwischen den Erfordernissen seines Ressorts und den unabweisbaren Zwängen der Kameralistik zu wahren. Nur so ist zu erklären, dass die vergangene Etatrunde mit Eichel nicht zum offenen Eklat führte.

In der Bundeswehr lieben sie Peter Struck dafür, dass sie ihn als fürsorglichen Kämpfer ihrer Sache wähnen dürfen. Er weiß auch nicht alles besser, hat stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte – ganz gleich, ob es die der Wehrpflichtigen oder die der Generäle sind. Nur am Primat der Politik lässt er nicht rütteln. Wer das versuchen wollte, bekommt Struck, das Raubein, zu spüren. Aber klare Grenzen, eindeutige Ansagen, - selbst wenn es an eigener Einsicht fehlt, schätzen die Militärs. Auch damit kann Struck dienen.

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