Zeitung Heute : Wer ist Prinz Charles?

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Seit seiner Geburt lebt Prinz Charles im Glaspalast und kann es keinem recht machen. Er war der erste britische Thronfolger, der mit Altersgenossen niedrigerer Stände die Schulbank drücken und öffentliche Examen ablegen musste. Ausgerechnet er, der Schüchterne und Empfindliche, musste im Blitzlicht der Fotografen heranwachsen. Auf keinen Fall sollen die Kinder verweichlicht werden, entschied der Duke of Edinburgh. Also keine Operation wegen der abstehenden Ohren. Aber sein Plan, Charles und seine Geschwister wie „ganz normale“ Kinder zu erziehen, musste scheitern. Das wurde spätestens klar, als der Fünfzehnjährige in einen schottischen Pub ausbüchste und sich, statt einen echten Männerwhisky, einen Cherry Brandy bestellte, wie er es zu Hause von den Damen kannte. Die Nation brach in schallendes Gelächter aus.

Er sei nicht fit für den Topjob in der Firma, verkündete Prinzessin Diana später. Seither wetteifern die Kritiker, wer von beiden den größeren Knacks hatte. Bis heute sind die Perspektiven dabei vor allem davon bestimmt, welche Partei man im „Krieg der Waleses“ ergreift, dem Zusammenprall der Eheleute Charles und Diana.

Sein einziger Fehler sei gewesen, die verrückte Diana zu heiraten, erklärte einer seiner Fürsprecher, der Journalist Bruce Anderson. Im Übrigen hält er Charles für eine „noble, komplexe und belagerte Figur“. Einen grüblerischen Zauderer, einen Prinzen Hamlet. Viele haben Verständnis für seine Bitterkeit und Melancholie. Wurde er nicht von klein auf herumgereicht? Er musste im Schloss Interviewtechniken lernen, als Fallschirmspringer den Action Man spielen, Schiffskommandant werden, obwohl er im Navigationskurs Schwierigkeiten hatte. Dann wurde er in ein Büro im Buckingham Palast gesteckt und sich selbst überlassen. Dabei hätten ihn Gartenbau, Aquarellmalerei oder Wanderungen übers Moor viel mehr interessiert.

Seine Gegner verbreiten mit Genuss Geschichten über den Jähzornigen, Verwöhnten, Selbstmitleidigen, Lebensuntauglichen. Beim Dinner in Highgrove lasse er Teller fliegen. Er leide unter heftigen Attacken von Selbstmitleid und Weltschmerz. Dann wieder an Selbstüberschätzung. Mit Vorwürfen, er habe eine lieblose Kindheit gehabt, verärgerte er die Queen und den Duke of Edinburgh. Sein verletzliches Selbstbewusstsein schützt er mit sarkastischer Selbstironie – und einem Hofstaat von Dienern und Beratern, die ihm seine Bedeutung und seinen Einfluss bestätigen.

„Wie Forrest Gump geht er durchs Leben, unfähig, aber von allen gelobt, als könne er etwas“, schrieb einer der Missgünstigen, der Journalist Johann Hari, im „Independent“. Das war vor einem Jahr, als einer der Ex-Butler für ein Locksalär von 60000 Pfund einer Boulevardzeitung erzählte, er habe Charles in einer kompromittierenden Stellung mit einem männlichen Diener gesehen. Das hat sich als Hirngespinst erwiesen. Doch hartnäckig hält sich seither die Behauptung, Charles könne sich ohne Dienerhilfe nicht einmal Zahnpasta auf die Zahnbürste quetschen.

INWIEFERN BESTIMMEN FRAUEN SEIN LEBEN?

Aber nicht die männlichen Diener, die Frauen dominieren Charles’ Leben, seit die strenge Gouvernante Nanny Lightbody seinen Kinderwagen schob. Seine erste Liebe war die Queen Mother. Sie schenkte ihm zum vierten Geburtstag Gartenwerkzeuge, während er von der Queen einen Helm und ein Schwert bekam. Während die Queen und Prinz Philip den Sohn auf das harte Leben als König vorbereiten wollten, hatte sie, deren Mann an der Bürde des königlichen Amtes zerbrach, Verständnis für den zarten Charles. Als sie starb, zollte er der „wunderbarsten aller Großmütter“ Tribut und war den Tränen nahe. Die zweite große Liebe ist Camilla Shand. Mit 22 hatte Charles sie kennen gelernt. Ideales Mätressenmaterial, sagte der alte Onkel Mountbatten. „In einem Fall wie dem deinen sollte sich ein Mann erst die Hörner abstoßen. Aber als Frau sollte er ein standesgemäßes, reizendes Mädchen nehmen, bevor sie einem anderen verfällt“, schrieb er ihm. Auch hier schaffte es Charles nicht, einen Ausgleich zwischen dem vorgezeichneten Weg und seinen Interessen zu finden. Also heiratete Camilla den früheren Freund seiner Schwester Anne, Andre Parker Bowles.

Heute ist Camilla als Partnerin in Charles’ Londoner Schloss Clarence House fest installiert. Die meisten Briten haben sich mit dieser Mrs. Windsor abgefunden. Aber sie wollen wissen, wie es mit ihr weitergehen soll. Gestern verweigerte Charles in einer solidarischen Geste an Camilla die Teilnahme an der Gesellschaftshochzeit seines Patensohnes, weil man Camilla nicht am Tisch der Royals platziert hatte. Reichen wird das nicht. Macht ihm Unschlüssigkeit mit Frauen wieder einen Strich durch die Rechnung? „Camilla ist der Strick, an dem er sich langsam aufhängt“, soll ein Regierungsminister gesagt haben.

WAS IST VON DEM GRÜNEN PRINZEN GEBLIEBEN?

Und doch hat der Zauderer einiges auf die Beine gestellt. Sein „Prince’s Trust“ ist eine der erfolgreichsten Wohltätigkeitsorganisationen im Land. Seit 1976 hilft er Schulabbrechern, Heimkindern, straffälligen Jugendlichen und Arbeitslosen mit so großem Erfolg zurück ins Leben, dass der Trust als Beispiel für New-Labour-Reformmodelle gilt. „Charles tritt New Labour bei“, schrieb eine Zeitung 1979. Das war, bevor seine Kampagne gegen Genlebensmittel die Entfremdung von dem technologiegläubigen Tony Blair einleitete. Als Herzog von Cornwall fing Charles mit dem Biolandbau an, als nur wenige in Großbritannien davon gehört hatten. Heute ist er der größte Ökobauer im Land. Seine „Duchy Originals“ werden in Pariser Delikatessenläden verkauft, das Angebot geht von Würsten freilaufender Schweine bis zu genfreien Biokeksen. Im Juni konnte Charles’ Ökobetrieb eine Million Pfund Profit an den „Prince’s Trust“ überweisen.

Seit Jahren nimmt er kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, naturgemäße, traditionsreiche Lebensformen zu bewahren. 1984 zog er mit seiner Attacke auf die moderne Architektur Zorn auf sich. Dann ließ er in seinem Herzogtum das Musterstädtchen Poundbury bauen – als gemeinschaftsfördernden Mix aus Wohnhäusern und Geschäften mit traditioneller Bautechnik. Natürlich wurde er als zurückgebliebener Nostalgiker verhöhnt. Heute wird Poundbury von Labours Planungsminister Prescott als Vorbild hingestellt, und für das Herzogtum Cornwall ist es höchst profitabel.

Ökokrieger und Sozialwohltäter, Kämpfer gegen Genmanipulation, für Homöopathie und alternative Medizin – wer wollte an so edler Gesinnung nörgeln? Vor zwei Jahren war der Labourregierung die ständige Kritik von Charles zu viel. Man ließ durchsickern, dass es genug der Protestbriefe des Thronfolgers gebe: gegen den chinesischen Staatsbesuch, gegen Bushs Haltung zu Globalisierung und Klimapolitik, gegen den Irakkrieg, gegen Diskriminierung von Muslimen.

Die Mehrheit der Briten teilt seine Ansichten. Aber Charles gilt als weltfremder Einfaltspinsel, als Mann ohne rechten Job, der sich in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen. Die Regierung hält Distanz und schreibt seine Ideen einem rückwärtsgewandten Romantizismus zu, nicht fortschrittlicher Gesinnung.

WAS WÄRE, WENN ER KÖNIG WIRD?

Er wurde Thronfolger, als er noch keine vier Jahre alt war, und ist es nun immer noch. Kommenden Sonntag wird er 56 Jahre alt. Kann er König werden? Er müsste es schaffen, die kuriose Mischung aus Pflichterfüllung und dekadentem Selbstmitleid zu trennen, die sein Image bestimmt. Er müsste lernen, dass ein König seine Rolle als Symbol der Nation am besten ausfüllt, wenn er sich nicht einmischt und eine liebenswerte, aber letztlich neutrale Projektionsfläche bleibt.

Aber die Frage ist nicht, ob er es könnte, sondern ob man ihn lässt. Niemand glaubt, dass die Queen abdanken wird. Hat Charles als rüstiger Siebziger noch Lust auf den Job, gerade dann, wenn die Monarchie eine Transfusion frischen, jungen Blutes nötig haben könnte und Prinz William in der Blüte seiner Jahre steht?

Aus „Prinz Segelohr“ ist ein schmucker, silbermelierter Windsor geworden, der, die linke Hand auf so königliche Art in die Jacketttasche schieben kann, dass sie aufgehoben ist, ohne die Jacke zu verbeulen. Sieht man ihn sich vom – mit dem Lineal gezogenen – Scheitel bis zu den auf Hochglanz polierten Lederschuhen an, fällt einem die Ähnlichkeit mit seinem Großonkel König Edward VIII. auf. Der dankte 1936 ab, um mit seiner amerikanischen Geliebten Walli Simpson ein Leben im Luxus zu führen. Charles würde ein Verzicht nie in den Sinn kommen. Sein Motto heißt „Ich dien“. Doch wenn er nun beim Gehen, etwas nach vorn gebeugt, die Hände auf den Rücken legt, kann man schon den Adebarschritt des alten Duke of Edinburgh, seines Vaters, erkennen. Der Gang signalisiert Nachdenklichkeit, auch ein bisschen Distanz. Es ist ein Gang, bei dem man nicht das Gefühl hat, dass da einer zuversichtlich in die Zukunft schreitet.

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