Zeitung Heute : Wer ist Recep Tayyip Erdogan?

Thomas Seibert[Istanbul]

WAS ZEICHNET DEN MENSCHEN

ERDOGAN AUS?

Früher reichte Recep Tayyip Erdogan Frauen nur ungern die Hand. Diese religiös begründete Zurückhaltung empfindet er heute als übertrieben. Doch körperliche Kontakte im öffentlichen Umgang sind ihm nach wie vor unangenehm, auch bei Männern: Als ihn der irische Premier Bertie Ahern bei einem EU-Treffen einmal umarmte, hatte der Türke alle Mühe, sich dem freundschaftlichen Griff zu entwinden, ohne sein Lächeln zu verlieren.

Mit der Zeit verliert sich vielleicht auch diese Scheu noch. Vor einigen Tagen wagte Erdogan schon eine öffentliche Liebeserklärung an seine Frau. „Alles erinnert mich an dich“, sang er bei einem Besuch in seinem Wahlkreis. Ganz aus sich heraus geht Erdogan aber nur als Redner. Er ist einer der besten Rhetoriker in der Türkei, konnte schon vor seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Marktplätze füllen und hat ein Gefühl für griffige Formulierungen. Westliche Zuhörer können häufig nicht nachvollziehen, warum die Türken dem polternden Politiker so an den Lippen hängen: Weil Erdogan keine Fremdsprache beherrscht und oft übertrieben laut spricht, wirkt der 1,90 Meter große Ex-Fußballer auf sie eher ungehobelt.

Aus der Nähe betrachtet, strahlt Erdogan eine Selbstsicherheit aus, die dem Bewusstsein entspringt, seinen Weg gefunden zu haben. Der türkische Premier ist erst 50 Jahre alt, aber er hat schon mehr Höhen und Tiefen erlebt als andere in ihrem ganzen Leben: Er war Bürgermeister einer der größten Städte der Welt. Er saß im Gefängnis. Er hat sich in einem schmerzhaften Prozess von seinem politischen Ziehvater gelöst. Und er hat in der Türkei den größten Wahlerfolg seit 20 Jahren errungen.

WIE KAM ERDOGAN ZUR POLITIK?

Seine persönliche Zurückhaltung passt zu einer politischen Rolle, die Erdogan spielt. Für seine Anhänger verkörpert der in der Provinzstadt Rize am Schwarzen Meer und im Istanbuler Armenviertel Kasimpasa aufgewachsene Premier den Mann aus dem Volk, der es ganz nach oben geschafft hat. Der junge Erdogan verkaufte Wasser und Süßigkeiten auf der Straße, um sich Geld für Schulbücher zu verdienen. Er besuchte eine religiöse Schule – ein Erlebnis, dem er alles verdankt, wie er einmal sagte – und studierte später Wirtschaftswissenschaften.

Schon als junger Mann engagierte er sich in der Partei des islamistischen Altvaters Necmettin Erbakan und stieg schnell auf. 1994 wurde er zum Oberbürgermeister von Istanbul gewählt. Da war er 40 Jahre alt. Im Spitzenamt der größten Stadt der Türkei stand der Islamist unter misstrauischer Beobachtung der Öffentlichkeit – und zunächst schien er allen Befürchtungen zu entsprechen. Er nannte sich „Imam von Istanbul“ und wollte auf dem Taksim-Platz, dem Herzen des säkularen Istanbul, eine große Moschee bauen. Die Demokratie sei wie ein Bus, soll er damals gesagt haben: Wenn man sein Ziel erreicht, steigt man aus. Doch Erdogan bewies , dass er mehr ist als ein islamistischer Sprücheklopfer: Nämlich ein Pragmatiker, der das Leben von Millionen Istanbulern verbesserte, indem er Strom- und Wasserleitungen reparieren ließ und die Müllabfuhr zum Funktionieren brachte. Seine religiösen Grundsätze gab er nicht auf, milderte sie aber mit Toleranz: In den städtischen Lokalen wird seit seiner Amtszeit kein Alkohol mehr ausgeschenkt; in den privaten Kneipen aber darf weiter getrunken werden.

HAT ER SICH WIRKLICH

GEWANDELT?

Entscheidend für den Wandel, den Erdogan nach eigenen Worten durchgemacht hat, war seine Zeit im Gefängnis. 1999 wurde er wegen Volksverhetzung zu zehn Monaten Haft verurteilt, von denen er vier absitzen musste. In seiner Haftzeit habe er erkannt, dass der radikale Islamismus keine Zukunft habe und habe sich der Demokratie zugewandt, sagt Erdogan heute. Viele in der Türkei glauben ihm das, auch Beobachter, die nicht zu seinen Anhängern zählen. So weist der Chefredakteur der Zeitung „Hürriyet“, Ertugrul Özkök darauf hin, dass viele Politiker in ihrer Jugend radikal waren und sich mit der Zeit gemäßigt hätten. Ein Diplomat in Ankara verglich Erdogans islamistische Vergangenheit einmal mit den Steinwürfen des jungen Joschka Fischer.

Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, hatte Erdogan mit den traditionellen Islamisten um Erbakan gebrochen. 2001 gründete er die „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP). Nach nur einem Jahr kam die AKP bei den Parlamentswahlen auf 34 Prozent und konnte allein regieren. Erdogan durfte als Ex-Häftling zunächst nicht selbst Ministerpräsident werden und übertrug das Amt seinem Weggefährten Abdullah Gül; erst nach einer Verfassungsänderung übernahm er im März 2003 das Steuer. Seine Gegner halten ihn für einen islamistischen Wolf in demokratischem Schafspelz. Sie werfen ihm vor, sich auch beim Europa-Engagement nur zu verstellen, weil er die EU gegen die Militärs und anti-islamistische Aufpasser in der Türkei instrumentalisieren wolle. Als Erdogan für die Bestrafung von Ehebrechern eintrat, hieß es bei seinen Gegnern, der Regierungschef habe sein wahres Gesicht gezeigt. Doch man muss Erdogan bescheinigen, dass sich bei ihm stets der Pragamatiker – nicht der fromme Moslem – durchsetzt, wenn es drauf ankommt.

WIE HAT ERDOGAN DIE TÜRKEI IN SEINER AMTSZEIT VERÄNDERT?

Gleich nach seinem Wahlsieg gab Erdogan die Parole aus, dass die Türkei ab sofort alles für das Ziel der EU-Mitgliedschaft tun müsse. Seitdem hat das Parlament Hunderte von Reformgesetzen zur Demokratisierung des Landes verabschiedet. Die Türkei hat die Todesstrafe abgeschafft. Die Lage der Kurden wurde durch die Zulassung kurdischer Sprachkurse und TV-Programme verbessert. Die Meinungsfreiheit wurde erweitert, der Kampf gegen die Folter verstärkt. Selbst vor der traditionellen Machtposition der Militärs, die sich seit 1960 dreimal an die Regierung geputscht haben, machte Erdogans Reformeifer nicht Halt. Manche Reformen stehen bisher nur auf dem Papier, wie Erdogan selbst zugibt. So hat sich die Menschenrechtslage noch nicht entscheidend verbessert. Trotzdem ist die Türkei heute ein anderes Land als beim Regierungsantritt der AKP. Verändert hat Erdogan die Türkei noch in anderer Hinsicht: Er hat das Land nicht nur europäisiert, sondern auch anatolisiert. Zwar verbrachte er seine Jugend im europäischen Teil Istanbuls, doch für seine Anhänger verkörpert er die Rolle des aufrechten Mannes aus Anatolien, der die versnobte Elite in Ankara von der Macht verdrängt hat. Nicht umsonst werden ihm Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt – als erster Absolvent einer religiösen Schule. Dann wäre Anatolien im Allerheiligsten des Staates angekommen.

WARUM WILL DER MOSLEM ERDOGAN IN DIE CHRISTLICH-LIBERALE EU?

Erdogan träumt davon, seine Frau Emine eines Tages ganz selbstverständlich zu Staatsempfängen in Ankara mitnehmen zu können. Viele Türken, und nicht zuletzt fromme Moslems wie Erdogan, erhoffen sich von einer EU-Mitgliedschaft ihres Landes mehr Freiheit. Aber nicht nur deshalb will Erdogan der Ministerpräsident sein, der die Türkei fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem ersten Aufnahmeantrag bei den Europäern auf die Gleise Richtung EU-Vollmitgliedschaft setzt. Die Verankerung der Türkei in Europa ist eine Mission, die Staatsgründer Atatürk seinen Nachfolgern aufgetragen hatte – wer diese Mission erfüllt, wird selbst zur historischen Figur. Grünes Licht aus Brüssel wäre der größte politische Triumph für die Türkei der letzten Jahrzehnte. „Wenn die EU der Türkei ein Datum für Beitrittsverhandlungen gibt, werden wir 20 Jahre lang regieren“, prophezeit ein Istanbuler AKP-Funktionär.

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