Zeitung Heute : Wer ist Robert Mugabe?

Helmut Schneider[Harare]

WAS HAT AUS ROBERT MUGABE DIESEN MENSCHENVERACHTENDEN HERRSCHER GEMACHT?

Robert Mugabe ist weder verrückt noch senil, sondern ein berechnender Politiker, dem es einzig und allein um seine Macht geht. Das fiel lange Zeit nicht so auf, weil es einerseits Simbabwe wirtschaftlich recht gut ging und andererseits im südlichen Nachbarland die brutale Apartheid mehr internationale Aufmerksamkeit auf sich zog. Außerdem hatte seine Frau Sally einen starken Einfluss auf ihn. Erst als sie 1992 starb und sich Mugabe vier Jahre später seine Sekretärin Grace Marufu, die ihm schon zu Lebzeiten Sallys den Sohn Robert geboren hatte, zur Frau nahm, verlor Mugabe jegliches Augenmaß.

Seiner halb so alten und verschwendungssüchtigen Gattin will er nun die Welt zeigen – und vor allem, wie bedeutsam er ist. Es verging kein Monat, da er nicht irgendwo mit ihr im Ausland war, wo er seinen Ruhm und sie das uneingeschränkte Einkaufen auf Staatskosten genoss. Und in Simbabwe selbst, wo sich die wirtschaftlichen und in der Folge die politischen Probleme häufen, reagiert er zunehmend mit Terror gegen jede andere Meinung, er habe sogar „Jugendlager“ eingerichtet, in denen junge Menschen umerzogen werden, Foltermaßnahmen lernen und trainiert werden zu töten. Seit einer Weile trägt er ein Hitlerbärtchen – ganz bewusst, und stolz darauf.

Mugabe, der immer schon potenzielle Gegner ausgeschaltet hatte und völlig unzugänglich für Kritik und die Erfordernisse der Wirklichkeit ist, sieht sich im Recht und hält seine Handlungsweise für vernünftig. Seine jetzt immer offenbarer werdende brutale Seite hatte es schon viel früher gegeben – eigentlich vom Beginn seiner politischen Laufbahn an.

IN DEN 70ER JAHREN GALT ER ALS SYMBOLFIGUR DER AFRIKANISCHEN FREIHEITSBEWEGUNG. WAS IST SEIN BILD VON AFRIKA UND WOHER HAT ER ES?

Robert Mugabe war nie ein Ideologe sondern immer ein Pragmatiker. Und zum Befreiungskampf kam er mehr mit den Umständen als durch eigenen Antrieb. Seine puritanischen Anschauungen und sein Drängen auf absolute Gehorsamkeit von Untergebenen wurden schon als Kind geprägt, als er nördlich von Harare auf eine strikt geführte ländliche Missionsschule der Jesuiten ging. Dann lernte er den Lehrerberuf an der südafrikanischen Universität für Schwarze, Fort Hare. Pflichtbewusst unterrichtete er nach seinem Diplom 1951 in Sambia und Ghana die Schulkinder – damals waren all diese Länder noch britische Kolonien. Auch das prägte übrigens Mugabe: die strikte Klassenteilung der Briten und die in Afrika empfundene Arroganz ihrer Oberschicht.

Zum afrikanischen Unabhängigkeitskämpfer wurde Mugabe erst im Alter von 36 Jahren. Er hatte in Ghana erlebt, wie das Land 1957 als erstes schwarzafrikanisches unter dem charismatischen Führer Kwamé Nkrumah die Unabhängigkeit von Großbritannien erhielt. Nkrumah wurde dadurch zum Helden Afrikas. Als 1960 fast jeden Monat ein Land nach dem anderen auf dem Kontinent die Unabhängigkeit erlangte, kehrte Mugabe in seine damals noch Süd-Rhodesien heißende Heimat zurück. Weil er lesen und schreiben konnte und schon ein wenig in der Welt herumgekommen war, wurde er zum Propaganda-Sekretär – erst der National-Demokratischen Partei und dann der Afrikanischen Volksunion von Simbabwe (ZAPU).

Er fand Gefallen an der Macht. Nach nur drei Jahren schloss Robert Mugabe sich Ndabaningi Sithole an, der gerade die Afrikanische Nationalunion von Simbabwe (ZANU) gebildet hatte und wurde ihr Generalsekretär. Doch schon ein Jahr später, 1964, verhafteten die Briten beide und steckten sie für zehn Jahre ins Gefängnis.

Kurz nach der Freilassung putschte Mugabe in der Bewegung und entmachtete Sithole. Fortan duldete er niemanden mehr, der in irgendeiner Form seine Allmacht in Frage stellte. Auch dies sah er in den afrikanischen Ländern der damaligen Zeit, wo sich Diktatoren an die Macht putschten und diese blutig zu behaupten versuchten. Seit dieser Zeit weiß er, wie wichtig es ist, die Armee hinter sich zu haben.

Als nach weißer Minderheitsherrschaft, bewaffnetem schwarzen Befreiungskampf und den Lancaster- House-Verhandlungen mit Großbritannien Simbabwe 1980 unabhängig wurde, erwies sich Robert Mugabe als sehr guter Premierminister. Durch den Niedergang im sozialistisch orientierten Nachbarland Mosambik, wo er von 1974 bis 1980 gelebt hatte, wusste er, dass er eine andere Richtung einschlagen musste. Und er hatte verstanden, dass er die Weißen dafür brauchen würde, weil die die Wirtschaft beherrschten.

Sein Kurs des friedlichen Miteinanders der Rassen war für die Welt und vor allem für das damals noch unter der Apartheid leidende Südafrika ein Modell für eine bessere Zukunft. Mugabe wurde zum Leitstern Afrikas.

Das verdarb ihn dann wohl endgültig, er lebte in einer Art Größenwahn, der ihn nie an sich zweifeln ließ.

IST MUGABE EIN RASSIST?

Mugabe ist das, was ihm nützt. Solange sich Simbabwe entwickelte, betonte er die Zusammenarbeit aller ethnischen Gruppen und Rassen. Als er aber seine Macht durch den charismatischen ZANU-Führer Joshua Nkomo zwei Jahre nach der Unabhängigkeit gefährdet fühlte, entmachtete er ihn und ließ seine Armee etwa 20000 Angehörige der Ndbele, zu denen Nkomo gehörte, umbringen. Als um die Jahrtausendwende durch seine immer chaotischer werdenden Eingriffe in die Wirtschaft des Landes, Simbabwe in den Niedergang abrutschte, machte er die Weißen dafür verantwortlich und ließ deren Farmen besetzen und enteignen.

Als es dagegen Proteste in der westlichen Welt gab, wehrte er diese kaltschnäuzig ab: „Wir sind ein afrikanisches Land. Der Rest der Welt soll zur Hölle fahren. Wenn wir wissen, dass wir Recht haben, dann reicht das.“ Damit machte er sich wiederum bei vielen afrikanischen Staaten Freunde, weil sie in ihm den mutigen Kämpfer für Afrika gegen die alten Kolonialmächte sahen und noch immer sehen. Das ist auch der Grund, warum so wenig Kritik aus Afrika, aber auch aus anderen Entwicklungsländern kommt.

Mugabe interessiert das Leben seiner Landsleute recht wenig, nur das Durchsetzen seiner eigenen Vorstellungen ist ihm wichtig. Er und seine Familie sind durch und durch korrupt. Staatsgelder werden entwendet, das Land ist heruntergewirtschaftet und die Bevölkerung hungert. Wer an Mugabes Seite steht, wird mit lukrativen Posten oder Farmen belohnt. Wer sich gegen ihn stellt, so seine Maxime, gehört bestraft und sogar vernichtet. Dabei spielt Rassenzugehörigkeit keine Rolle. Das haben die 300000 schwarzen Farmarbeiter erlebt, die auf den Höfen weißer Grundbesitzer gearbeitet hatten und genauso wie diese verjagt wurden. Das erlebt die oppositionelle Bewegung für Demokratischen Wandel. Und das erlebt gegenwärtig die arme städtische Bevölkerung, deren Hütten niedergewalzt und die aufs Land gejagt wird. Angeblich, damit dem Schwarzhandel Einhalt geboten würde, tatsächlich, weil sie bei den Wahlen Ende März nicht seine ZANU-Partei gewählt hatte.

WAS ODER WER KÖNNTE IHM GEFÄHRLICH WERDEN?

Robert Mugabe hat es vermocht, durch sofortige Entsendung der Armee bei Demonstrationen und Verhaftungen von Aktivisten und mit Arbeitslosigkeit, Entbehrung und Hunger die Masse des Volkes so zu schwächen, dass sie für Widerstandsaktionen kaum noch mobilisierbar ist. Die oppositionelle Bewegung für Demokratischen Wandel hat sich nicht als eine ernst zu nehmende Kraft erwiesen. Die afrikanischen Staaten weigern sich offen, gegen Mugabes Politik Stellung zu nehmen. Und die Armeeführung ist vom Präsidenten über Jahrzehnte hinweg so bevorzugt worden, dass sie voll hinter ihm steht.

Somit kann ihm momentan eigentlich kaum etwas gefährlich werden. Anders sieht es vielleicht aus, wenn er die Misshandlung seiner Landsleute massiv vorantreibt oder selbst zu sorglos vorgeht. Es könnte dazu führen, dass es entweder zu Hungerrevolten kommt, die auch die Sicherheitskräfte mit brutaler Gewalt nicht mehr stoppen könnten. Oder dass die engsten Vertrauten Mugabes in der Partei- und Staatsführung aufgrund seiner Wahnsinns-Politik um ihre eigene politische Zukunft nach dem Ableben des Präsidenten fürchten – und ihn deshalb sicherheitshalber gemeinsam entmachten. Es gibt zunehmenden Widerstand in der ZANU-Partei gegen den Kurs Mugabes. Aber nachdem er eine Dissidentengruppe vor einem halben Jahr aus deren Ämtern jagte, überlegen es sich andere sehr genau, ob sie es wagen, sich gegen ihn zu stellen.

Wer auf eine „biologische Lösung“ hofft, sollte bedenken, dass Mugabes Mutter Bona 100 Jahre alt wurde.

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