Zeitung Heute : Wer ist Romano Prodi?

Andrea Dernbach

BEVOR ER POLITIKER WURDE, WAR PRODI EIN RENOMMIERTER ÖKONOM. WAS HAT IHN GEPRÄGT?

Ein tabellarischer Lebenslauf von ihm genügt und man wünscht sich, der Himmel möge einem den Herrn als Schutzengel vorbeischicken, wenn man kurz vor dem Offenbarungseid steht. Prodi ist nicht einfach ein Ökonom für den Hörsaal, er hat auch schon oft angepackt und sich dabei einen soliden Ruf als Mann für hoffnungslose Sanierungsfälle geschaffen. Den Staatskonzern Iri mit seinen mehr als 500 Einzelfirmen, den die Vetternwirtschaft der Politik so gut wie ruiniert hatte, rettete er Anfang der 80er Jahre durch massive Privatisierungen. Als Regierungschef drückte er zwischen 1996 und 1998 das Haushaltsdefizit von 6,7 auf 2,7 Prozent und machte das Land fit für den Euro. Jetzt warten Schulden aus fünf Jahren Berlusconi-Regierung auf einen Bändiger.

Ganz wesentlich ist Prodi durch seinen Glauben geprägt: durch jenen politischen, linken Katholizismus mit sozialem Gewissen, der in seiner Heimat Reggio Emilia von jeher praktisch auf einer Wellenlänge mit der kommunistischen und sozialistischen Konkurrenz lag und mit der starken bäuerlichen Genossenschaftsbewegung eng verbunden war. Prodis eigene Herkunft bietet amüsante Beispiele für die enge Verbindung von Katholizismus und Kommunismus in Reggio Emilia, wo er als achtes von neun Kindern einer Lehrerin und eines Ingenieurs aufwuchs. Prodis Eltern waren Mieter im Gebäude der kommunistischen Parteizentrale in der Region, einem Adelspalast, den sich der PCI (Partito Comunista Italiano) trotzig gekauft hatte – Kohabitation all’italiana. Aber in Reggio Emilia waren nicht nur die Schwarzen rot, auch die Roten waren oft ziemlich schwarz: Nilde Iotti zum Beispiel, die Lebensgefährtin des PCI-Patriarchen Palmiro Togliatti, strichen die Genossen in ihrer Heimat 1958 von der Regionalliste für die Parlamentswahl. Wer – als Frau – in wilder Ehe lebte, durfte nicht für die Partei im Abgeordnetenhaus sitzen.

Prodi gehörte, solange es die Democrazia cristiana gab, immer zu deren linken Flügel. Christdemokrat sein und ein Linksbündnis anführen – in Deutschland wäre das undenkbar, aber für einen wie Prodi und für viele seiner Landsleute ist es nur konsequent. Ganz sicher hat ihn seine Familie geprägt, Ehrgeiz oder vielleicht eine besondere Energie der Prodis: Fünf seiner sechs Brüder – es gibt noch zwei Schwestern – wurden wie er Universitätsprofessoren.

IM GEGENSATZ ZU SILVIO BERLUSCONI GILT ROMANO PRODI ZWAR ALS SERIÖS, ABER AUCH ALS LANGWEILIG. WIE SEHEN IHN DIE ITALIENER?

Eine Mortadella mit menschlichem Antlitz nennen sie den rundgesichtigen Mann aus Bologna, der Heimat der Riesenwurst. Ein Landpfarrer sei er, der jedes Bierzelt leer predigen könne. Brüsseler Journalisten erinnern sich schaudernd an die ermüdenden Auftritte, die ihnen Prodi in seinen fünf Jahren bis 2004 als EU-Kommissionspräsident zumutete. Und tatsächlich bietet Prodi seinen Spöttern noch bei fast jedem Auftritt eine gute Show. In den beiden großen Fernsehduellen mit Berlusconi vor der Wahl etwa ließ er die Zuschauer oft quälende Sekunden warten, bis er den Kampf mit den ersten Worten eines Satzes gewonnen hatte. Seinen pastoralen Tonfall, sein Lächeln konnte keine Provokation des Premiers erschüttern. Aber sie rissen auch keinen Wähler aus dem Fernsehsessel.

Trotzdem gewann „il professore“ beide Duelle deutlich gegen den quicken Verkäufer von gegenüber. Denn Prodi kann auch Pointen setzen. Berlusconis Feuerwerk von angeblichen Wachstumsziffern und Rentensteigerungen konterte er trocken: „Sie halten sich an Ihren Zahlen fest wie ein Betrunkener am Laternenpfahl.“ Und das Lamento des Premiers gegen die Kommunisten, die an allem schuld seien, stoppte er ungerührt mit der Frage: „Sagen Sie, diskutiere ich hier mit dem Mann, der dieses Land fünf Jahre lang regiert hat, oder waren Sie all die Zeit in der Opposition?“ Und seufzte: Berlusconi werde früher oder später noch Garibaldi für alles verantwortlich machen, was in seiner Amtszeit schief gelaufen sei.

Die Gags hätte er nicht gebraucht. Prodis Langweilertum hat nämlich Sex-Appeal. Vor zehn Jahren gewann er, damals noch so gut wie unbekannt, aus dem Stand die Wahlen. Jetzt gelang es ihm zweimal, in einem fast kahlen Fernsehstudio den TV-Magier Berlusconi völlig aus dem Konzept zu bringen – einfach weil er ihn zwang, sich an Regeln zu halten. Und das ist Berlusconi völlig wesensfremd.

Wahrscheinlich ist in fünf Jahren Berlusconismus die Sehnsucht vieler Italiener nach Langeweile größer geworden. Nach der Langeweile sauber gerechneter Haushalte, einer unabhängigen Justiz und einer Politik, in der Regeln gelten.

Ein anderer Spott über Prodi kommt von ihm selbst: Er sei ein Diesel, hat er über sich gesagt. Es dauere zwar, bis er anspringt, aber dann laufe ein Dieselmotor ausdauernd und anstandslos. Diese Qualitäten wird Prodi jetzt brauchen: Er muss ein Bündnis aus fast einem Dutzend Parteien zusammenhalten. Parteien, die wenig mehr gemeinsam haben als den Wunsch, Berlusconi loszuwerden. Die Mehrheit im Senat, der zweiten Kammer, ist knapp. Und das in einem Parlament, wo Heckenschießen gegen die eigenen Leute ein Traditionssport ist.

1998 SCHEITERTE PRODI SCHON EINMAL ALS MINISTERPRÄSIDENT. WAS HAT ER DARAUS GELERNT?

Der offizielle Anlass für Prodis Rücktritt war damals das Nein der Partei „Rifondazione comunista“ von Fausto Bertinotti zu seinen Haushaltsplänen. Doch in Wirklichkeit scheiterte er an seiner Einsamkeit. Prodi war schon damals das Aushängeschild der bunt zusammengewürfelten „Olivenbaum“-Koalition, deren Mitglieder ihre zum Teil kleinlichen Interessen und Eitelkeiten wichtiger nahmen als gutes Regieren und den Erfolg des Frontmanns. Eine eigene Hausmacht hatte er nicht, keine große oder wenigstens mittelgroße Partei, die er für sich hätte mobilisieren können. Das ist auch diesmal so, aber Prodi hat zu einem Trick gegriffen: Er hat sich vom Wahlvolk selbst wählen lassen. Bei Vorwahlen („primarie“) im Oktober 2005, die dem amerikanischen Vorbild nachempfunden waren, durften alle, die einen Euro zahlten und sich durch ihre Unterschrift unter das gemeinsame Wahlprogramm zu Mitte-links bekannten, für ihren Kandidaten votieren. Die Mobilisierung war enorm: Millionen gingen wählen und 74,1 Prozent (mehr als vier Millionen) der Stimmen machten Prodi zum haushohen Sieger. Damit ist seine Führung klar legitimiert und unbestreitbar – bisher.

DIE PARLAMENTSWAHL HAT GEZEIGT, DASS ITALIEN TIEF GESPALTEN IST. WAS WIRD PRODI ALS NEUER REGIERUNGSCHEF AUS ITALIEN MACHEN?

Die Spaltung Italiens ist nichts Neues, sie reicht tief und ist viel, viel älter als die Republik. Daran hat kürzlich Eugenio Scalfari erinnert, der große alte Mann des italienischen Journalismus: Die Anhänger der Welfen und der Staufer im Mittelalter, später Schwarze (Papsttreue) und Weiße, Monarchisten und Republikaner, Christdemokraten und Volksfront, Faschisten und Demokraten, Rechte und Linke – schon immer standen sich zwei Italien, „die zwei unversöhnlichen Hälften des italienischen Apfels“ (Scalfari), aufs feindseligste gegenüber. Für Prodi kommt es jetzt zunächst darauf an, was er aus dieser Neuauflage der alten Spaltung macht, die sich im Wahlergebnis vom 9. April spiegelt. Prodis „Unione“ bekam nur 24 755 Stimmen mehr als Berlusconis „Casa delle libertà“ (Haus der Freiheiten). Losregieren oder Berlusconis Flötentönen folgen, der nun „nationale Verantwortung“ von den Siegern verlangt und sogar von Großer Koalition – das Wort wird in Italien derzeit Deutsch und großgeschrieben – tönt? Prodi zeigt sich gewohnt ungerührt vom Werben der Gegenseite. Pietro Fassino und Massimo D’Alema, die Chefs der Linkspartei, der größten im Bündnis, scheinen anfällig und haben den großen Verführer Berlusconi schon hinter Prodis Rücken kontaktiert. Als Prodi sie zur Ordnung rief, taten sie ganz unschuldig. Aber D’Alema gab überraschend nach.

Was kommt, wenn die internen Probleme fürs Erste beigelegt sind, weiß Italien bisher nur aus einem vagen Programm, das auf den kleinsten gemeinsamen Nenner errechnet ist. Als sicher gilt, dass man Berlusconis Gesetze rückgängig machen wird, die die Justiz knebeln und Steuerhinterziehung prämieren. Die Sanierung des Haushalts ist praktisch Teil von Prodis DNA. Und er hat Italien „ein bisschen mehr Glück“ versprochen. Kleinstrentner und die vielen jungen Leute und Frauen in fast chinesischen Arbeitsverhältnissen, ungesichert und schlecht bezahlt, setzen auf ihn.

Wenn es hart auf hart kommt, mag Prodi, dessen Großvater noch Bauer war, sich an das erinnern, was Italiens Ölbauern über ihre empfindlichen, aber zähen Bäume wissen: L’ulivo non muore mai – der Olivenbaum stirbt niemals.

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