Zeitung Heute : Wer ist Rudi Völler?

Stefan Hermanns Michael Rosentritt

WARUM IST ER SO POPULÄR?

Rudi Völler besitzt ziemlich viele schlechte Eigenschaften. Jemand, der ihn gut kennt, hat einmal behauptet, dass Völler im Grunde ein fauler Mensch sei, dass er zu Wutausbrüchen neige und auch noch geschieden ist. Dieser Jemand war Rudi Völler selbst, und man kann aus solchen Sätzen ablesen, dass ihm die eigene Beliebtheit immer ein Rätsel geblieben ist. Vielleicht, so hat er gesagt, mögen ihn die Menschen gerade deshalb, weil er nicht perfekt ist.

Völlers Popularität hat verschiedene Facetten. Eine ist die, dass er nie das Gefühl vermittelt hat, etwas Besseres sein zu wollen. Nach der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren hat er das Bundesverdienstkreuz bekommen, den Bambi und noch ein paar Ehrungen mehr, aber Völler – der Sohn eines Lagerverwalters und einer Näherin – hat immer glaubhaft versichert, dass ihm solche Ehrungen nichts bedeuteten. Noch heute besucht er in Hanau am zweiten Weihnachtstag den Stammtisch seines ersten Fußballvereins. So etwas mögen die Leute – wenn jemand nicht vergisst, wo er herkommt.

Angefangen hat die besondere Beziehung zwischen Völler und den deutschen Fußballfans bei der Europameisterschaft 1988. Völler spielte noch im Sturm, hatte aber schon ziemlich lange nicht mehr das Tor getroffen, was sich für einen Stürmer nicht besonders gut macht. Paul Breitner wetterte in seiner „Bild“-Kolumne ausdauernd gegen den erfolglosen Völler – die Folge war ein Solidarisierungseffekt. Damals fingen die Zuschauer in den Stadien an, seinen Vornamen ins Endlose zu dehnen. Im letzten Gruppenspiel dann, beim 2:0 gegen Spanien, erzielte Völler beide Tore.

Stürmer haben es immer einfacher, weil sie die Tore schießen, und die Menschen nun mal der Tore wegen ins Stadion gehen. Der einzige deutsche Fußballer, der es zu ähnlicher Popularität gebracht hat, ist Uwe Seeler. Auch er ein Stürmer.

In Rom ist Rudi Völler einmal der Mercedes geklaut worden. Nachdem die Diebe erfahren hatten, wessen Auto sie geknackt hatten, stellten sie es wieder vor Völlers Haustür. Frisch poliert.

WAS TREIBT IHN AN?

Es gibt Fußballtrainer, deren Lebenstraum es ist, Bundestrainer zu werden. Otto Rehhagel hat diesen Posten immer als Erfüllung seines beruflichen Schaffens gesehen, Ottmar Hitzfeld werden entsprechende Ambitionen nachgesagt. Rudi Völler aber ist Trainer der deutschen Nationalmannschaft geworden, weil gerade kein anderer da war.

Als er an einem Sonntag im Juli 2000 von Leverkusen nach Köln fuhr, um mit den Mächtigen des deutschen Fußballs die Besetzung des vakanten Bundestrainer- Jobs auszukungeln, war Völler noch Sportdirektor bei Bayer. Als er ein paar Stunden später zurückkehrte, war er zum Teamchef der Nationalmannschaft aufgestiegen. Völler hat die Geschichte oft genug erzählt: wie ihn plötzlich alle anschauten und wie er dann für zunächst zehn Monate den Posten bekam. Danach hätte Christoph Daum von ihm übernehmen sollen.

Völler hat immer den Eindruck erwecken können, dass er dieses Amt nicht brauche, ja, dass er seine eigene Lebensplanung dem Wohle des deutschen Fußballs geopfert habe. Mag sein, dass dies anfangs so gewesen ist, aber längst hat Rudi Völler Gefallen gefunden an seiner Aufgabe – mit allen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten wie etwa der dauernden Beobachtung durch die Medien und der ewigen Nörgelei. Gerade diese Herausforderung treibt Völler an. Niemand hat etwas von ihm und der Nationalmannschaft erwartet. Deshalb ist es für ihn um so schöner, wenn er das Gegenteil beweisen kann.

WAS KANN ER?

Völlers Qualitäten stehen in keinem Trainerzeugnis. Er hat gar keins. Wie auch Franz Beckenbauer nie eins hatte, der frühere deutsche Teamchef. Das ist nicht die einzige Parallele. Beckenbauers „Schau’n mer mal“ ist Völlers: „Verstehst schon, was ich meine.“ Es ist die Sprache, die kein Trainer-Lehrgang vermittelt, es ist eine, die aus dem Bauch kommt. Das gibt Vertrauen, wie selbstverständlich. Diese Art ist es, die vermittelt: der ist einfach gut, ohne akademischen Schein.

Völler hat fünf Jahre in Rom gespielt und gelebt, er hat eine Römerin geheiratet und bezeichnet sich selbst als Römer. Er liebt die italienische Lebensart. Deshalb trägt er Wildlederschuhe zum Anzug. Seine Mannschaft begreift er als eine große Familie, die nach italienischen Spielregeln läuft. Während Beckenbauer eher die Rolle des Vaters innehatte, der so tun durfte, als habe er alles im Griff, ist Völler mehr die italienische Mutter, die tatsächlich alles im Griff hat. Beckenbauer sah bei der WM 1990 gnädig darüber hinweg, dass Matthäus, Berthold und Klinsmann ihre Sonderrechte großzügig auslebten. Auch Völler lässt seinen Spielern heute lange Leine, aber wenn es sein muss, untersagt er seinem Kapitän Oliver Kahn das Golfen, zumindest für einen Tag.

Völler tut seinen Spielern manchmal weh. In der Öffentlichkeit aber schützt er jeden von ihnen. Er liebt flache Hierarchien und setzt auf persönliche Gespräche.Völler ist authentisch, oder, wie es Mittelfeldspieler Hamann ausdrückt: „Er weiß, was gefragt ist.“ Jedem einzelnen Spieler gibt Völler zu verstehen, dass er jederzeit anrufen oder an seine Tür klopfen könne, wenn er Fragen oder Sorgen hat – wie es in einer guten Familie üblich ist. Die Spieler vertrauen ihm. So ist es Völler gelungen, die deutsche Nationalelf zu reanimieren und ins WM-Finale zu führen, obwohl die Spieler längst nicht mehr die Qualität haben wie früher.

WAS WIRD AUS RUDI VÖLLER, WENN DAS TEAM VERSAGT?

Nachdem die rumänische Nationalmannschaft vor eineinhalb Monaten 5:1 gegen Deutschland gewonnen hatte, hat Nationaltrainer Anghel Iordanescu den Popularitätsschub genutzt und ist sofort in die Politik gewechselt. Völler würde wohl auch von vielen Menschen gewählt werden. Sollte die Nationalmannschaft bei der EM früh ausscheiden, würden das die Wenigsten Rudi Völler anlasten. Allerdings hat sich die Situation für ihn ein wenig geändert. Seit einigen Wochen gibt es einen Schattenbundestrainer, der ebenfalls großes Vertrauen genießt – Ottmar Hitzfeld.

Völler kennt so etwas aus dem Frühstadium seiner Amtszeit, als er quasi der Statthalter für Christoph Daum war. Aus der Notlösung von damals ist längst ein neuer Maßstab geworden. Der Geist des früheren Stürmers hat sich auf den Teamchef übertragen. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef der Bayern, hat einmal gesagt: „Völler lebt sein Leben als Fußballer in seiner neuen Rolle nach.“

Wenn es Diskussionen um Völler gäbe, würde er von sich aus das Amt niederlegen. Der 44-Jährige war nie unabhängiger als heute. Im deutschen Fußball – ob beim Verband, in der Liga oder bei einem Verein – könnte er so ziemlich jeden Posten haben. Sein Vertrag als Teamchef endet im Jahr 2006. Völler, der nie Trainer werden wollte, hat Gefallen an der Aufgabe gefunden. Wenn er manchmal über seinen Job redet, hört es sich jedenfalls so an, als wolle er jeden potenziellen Konkurrenten abschrecken.

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