Zeitung Heute : Wer ist Rudolph Giuliani?

Matthias B. Krause[New York]

GIULIANI WILL IN DEN USA FÜR DAS PRÄSIDENTENAMT KANDIDIEREN. WAS FÜR EIN REPUBLIKANER IST ER?

Wäre das Feld der Bewerber bei den Konservativen nicht so schwach, würden die Republikaner wohl keinen Gedanken daran verschwenden, den ehemaligen New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani zu ihrem Präsidentschaftskandidaten zu machen. Er befürwortet das Recht auf Abtreibung, die Homo-Ehe und zieht gegen die Waffenlobby zu Felde. Giuliani gehört zum liberalen Flügel der Partei – mit einer Ausnahme. Geht es um den Kampf gegen den Terrorismus, dann überholt ihn niemand von rechts. Wenn er sagt, die Frage laute nicht, ob die USA wieder angegriffen würden, sondern nur wann, klingt er wie Vizepräsident Dick Cheney in seinen besten Tagen.

Giuliani hat den Terror selbst miterlebt. Während Präsident George W. Bush in Florida aus Kinderbüchern las und Cheney sich im Bunker versteckte, hastete er am Morgen des 11. September 2001 zum World Trade Center. Zwei Stunden, nachdem die Flugzeuge die Türme getroffen hatten, war er auf Sendung und beruhigte die Bevölkerung. Giuliani griff sich eine Atemmaske und brüllte Befehle, er gab der Stadt, dem Land, was sie in diesen Stunden am meisten brauchten: Führung, Ruhe, Zuversicht. Am Abend jenes Tages proklamierte er vor den rauchenden Trümmern: „New York ist immer noch hier. Wir haben enorme Verluste erlitten und wir werden sie fürchterlich beklagen, aber New York ist auch morgen noch hier. Es ist hier für die Ewigkeit.“ Am Ende war Giuliani nicht länger ein Bürgermeister einer großen Stadt mit einer durchwachsenen Bilanz. Er war eine Legende, wie das „New York Magazine“ schreibt.

Die Monate und Jahre nach 9/11 nutzte er, um seine Basis in der Partei zu verbreitern. Ursprünglich war Giuliani ein Außenseiter, doch jetzt ließ er sich auf Wahlveranstaltungen im ganzen Land blicken. Wann immer ein Parteikollege ein bisschen Glanz und Kompetenz im Kampf gegen den Terrorismus brauchte, stellte Rudy Giuliani beides gerne für ein paar Stunden zur Verfügung. Heute kann er auf ein großes Netz von Parteifreunde zurückgreifen. Das wird ihm helfen, um gegen die gut eingespielte Wahlkampfmaschine von Herausforderer John McCain bestehen zu können. Gleichzeitig hat er Ansätze einer Kurskorrektur unternommen. Er will bei der religiösen Rechten, die eine entscheidende Rolle bei der Inthronisierung Bushs spielte, besser ankommen. Zwar hat Giuliani seine früheren Aussagen zur Abtreibung und zu den Rechten von Schwulen nicht zurückgenommen. Als er aber gefragt wurde, wie sein Wunschkandidat für den Obersten Gerichtshof aussehen müsse, antwortete er: Es müsse ein strikter „Constructionist“ sein, einer, der die Verfassung wörtlich auslegt, nicht selbst interpretiert. In dieser Denkschule haben Abtreibung und Homo-Ehe keinen Platz. Versuchen, ihn in dieser Frage wirklich festzunageln, ist Giuliani allerdings bisher ausgewichen.

WAS WÜRDE ER ANDERS MACHEN ALS GEORGE W. BUSH?

Die Wahrnehmung ist in der Politik oft wichtiger als der Inhalt, und niemand profitiert davon zurzeit so sehr wie Giuliani. Obwohl er in der Frage, wie die USA weiter im Irak vorgehen sollen, praktisch auf einer Linie mit McCain und Bush liegt, sind es die anderen beiden, die öffentlich unter Druck stehen. Besonders McCain, dem Senator aus Arizona, schadet seine Standfestigkeit – anders ist kaum zu erklären, dass er in den Umfragen klar hinter Giuliani liegt. Während McCain sich beinahe täglich erklären muss und seine Worte durch die Bilder aus dem Irak konterkariert werden, kann sich sein Herausforderer zurückhalten.

Giuliani gehörte von Beginn an zu den Unterstützern des Irakkriegs, und er denkt gar nicht daran, seine Meinung zu ändern. Dass in dem Land keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, stört ihn wenig. Er sieht den Krieg als wichtigen Teil einer größeren Strategie gegen den Terrorismus.

Als Giuliani im vergangenen Jahr für die Republikaner in Kalifornien Wahlkampf machte, kanzelte er die Demokraten so ab, dass es dem rechten Flügel seiner Partei eine Freude war: Sie verstünden schlicht und einfach nicht die Gefahr, die von den Terroristen ausgehe. Auch die Aufstockung der amerikanischen Truppen im Irak trägt Giuliani mit. Seit einigen Wochen hat er seiner Argumentation allerdings eine kleine Nuance hinzugefügt: Man müsse sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass auch das nichts helfen werde – um dann gleich wieder eine Verbindung zum schwierigen Kampf gegen den Terror herzustellen. Er glaubt, dass sich dieser Kampf über Jahrzehnte hinziehen wird und dass es bald an der Zeit sein könne, die Aufmerksamkeit auf andere Gebiete jenseits des Irak zu richten.

Neben der Frage der inneren Sicherheit und der Terrorbekämpfung ist Giulianis politisches Programm derzeit so dünn, dass es auf ein halbes Blatt Papier passt. Seine Internetseite referiert nur altbekannte Positionen und verweist auf seine Errungenschaften als Bürgermeister. Wie er die auf das ganze Land übertragen will, lässt er offen: Von innovativen Ideen zu drängenden Themen wie dem Klimaschutz keine Spur.

WIE BELASTBAR IST GIULIANI?

Egal, wie schlecht es dem Land gehen mag, die Gesundheit von Präsident Bush ist prächtig: Gewicht gehalten, Herz gestärkt, Meilen geradelt und früh zu Bett gegangen. Solche medizinischen Bulletins verbreitet das Weiße Haus regelmäßig. Das ist einer der schrägen Bräuche der amerikanischen Politik, hinter dem die Idee steckt, nur ein physisch gesunder Kandidat könne den harten Job im Oval Office schaffen. Giuliani, der im Mai 63 Jahre alt wird, gab in der Vergangenheit nicht immer das Bild eines kerngesunden Powerplayers ab. Seine Wahlkampagne um einen Senatssitz im Jahr 2000 musste er abbrechen und Hillary Clinton kampflos das Feld überlassen, nachdem die Ärzte bei ihm Prostatakrebs prognostizierten. Während sich damals die Gazetten genüsslich über Berichte zu seiner zeitweiligen Impotenz hermachten, gilt er heute als vollständig geheilt. Und im Kontrast zu McCain wirkt ohnehin jeder kerngesund. Der dann 72-Jährige wäre der älteste Präsident in der Geschichte der USA, sollte er 2008 gewählt werden.

WIE STEHEN GIULIANIS CHANCEN?

Keiner der wichtigsten politischen Beobachter hätte vor einem Jahr darauf gewettet, dass Giuliani eine ernsthafte Chance haben könnte, die Nominierung seiner Partei zu gewinnen. Zurzeit sehen ihn die Umfragen jedoch als den führenden Kandidaten im Feld der Republikaner – mit bis zu 19 Prozentpunkten vor McCain und weit vor dem ehemaligen Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney. Es gibt nicht wenige, die sagen, dieses überraschende Hoch resultiere daraus, dass das Land Giuliani nur als „America’s Mayor“ kenne, als die heroische 9/11-Version, nicht aber seine wahre politische Persönlichkeit.

Die ist alles andere als angenehm. Da gibt es den Giuliani, der Angst und Schrecken unter seinen Mitarbeitern verbreitete. Der die Kriminalstatistik schönte, indem er Verbrecher und Obdachlose mit Bussen über die Stadtgrenze bringen ließ. Der fast 100 Klagen gegen Rathausangestellte anstrengte, von denen er 90 Prozent verlor, was die Stadt viele Millionen Dollar kostete. „Der?“, fragte auch das „New York Magazine“ – und verwendete viele Seiten darauf, genüsslich die zahlreichen Verfehlungen des ehemaligen Rathauschefs auszubreiten. Zum Beispiel die Sache mit seinen Ex-Frauen. Die Ehe mit seiner ersten ließ er nach 14 Jahren annullieren. So lange brauchte er, um herauszufinden, dass sie eine Cousine zweiten Grades war. Seiner zweiten Frau Donna Hanover teilte er per Pressekonferenz mit, dass er sich scheiden lassen werde. In seinem offiziellen Lebenslauf liest man davon nichts, dort taucht nur seine dritte Ehefrau Judith Nathan auf.

Nach dem Ende seiner politischen Karriere in New York gründete Giuliani mehrere Beratungsfirmen, spezialisiert auf Kriminalitätsbekämpfung und Terrorabwehr. Mit 58 Mitarbeitern setzt er hunderte Millionen Dollar pro Jahr um. Er hat auch kein Problem damit, gleichzeitig die Regierung und Firmen, die ihr Anti- Terror-Technik anbieten, zu beraten. Von der „New York Times“ auf diesen Interessenkonflikt angesprochen, antwortete er: „Ich bin nun mal kein Klavierspieler.“ Nun deckte die Zeitung auf, dass eine von Giulianis Firmen auch eine staatliche venezulanische Ölfirma berät – und damit Präsident Hugo Chavez, einen der ärgsten Widersacher Amerikas. Um solchen Berichten Einhalt zu gebieten, trennte sich Giuliani vor kurzem zumindest von einem Teil seines Imperiums.

Vielleicht gelingt es Rudolph Giuliani ja, seine politische Botschaft ganz auf den 11. September 2001 zu fokussieren. Das Ereignis gebe ihm „eine Art Heiligenschein, der alles Positive ein bisschen positiver aussehen lässt und alles Negative etwas weniger negativ“, bemerkt das „New York Magazine“. Sollten die Republikaner Giuliani tatsächlich nominieren, wären seine Chancen, es bis ins Weiße Haus zu schaffen, gar nicht mal so schlecht. Gegen Hillary Clinton oder Barack Obama käme ihm seine vergleichsweise liberale Haltung zugute, er dürfte auch Wähler der Demokraten auf seine Seite ziehen. Außerdem könnte Giuliani seine Erfahrungen als exzellenter Krisenmanager voll ausspielen – und die kann Amerika nach dem Ende von Bushs Amtszeit ganz gut gebrauchen.

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