Zeitung Heute : Wer ist Sabine Christiansen?

Joachim Huber

IN DER ANFANGSZEIT MUSSTE SABINE CHRISTIANSEN VIEL KRITIK EINSTECKEN. HEUTE IST IHRE SENDUNG EIN ERFOLG – VON NATÜRLICHKEIT ABER IST BEI DER MODERATORIN NICHT MEHR VIEL ZU SEHEN. WAS IST IHR PASSIERT?

Seit Januar 1998 moderiert Sabine Christiansen für die ARD „Sabine Christiansen“. Die Uraufführung hielten viele für eine Tragödie. Für die Moderatorin war es ein Déjà-vu. Bereits ihren Einstieg bei den „Tagesthemen“ 1987 hatte der „Spiegel“ zu einer wüsten Attacke genutzt: Er nannte sie „Die Sendung mit der Maus“. Christiansen reagierte darauf später mit einer Maus als Amulett – und sofort mit schierem Einsatz an sich selbst: In zehn Jahren „Tagesthemen“ hat Christiansen niemals gefehlt, in sieben Jahren „Sabine Christiansen“ auch nicht. „Man muss an sich selber arbeiten, dazu muss man bereit sein. Mir hat es geholfen, mich zurückzuziehen und mich voll auf meine Arbeit zu konzentrieren“, sagt sie. Gibt es zwei Sabine Christiansen, eine private und eine im Fernsehen? „Nein“, entgegnet die Moderatorin, „es gibt ein Stück weit eine Berufsöffentlichkeit, aber keine zwei Persönlichkeiten. Keiner ist doch der private Mensch, wenn er arbeitet.“ Trotzdem ist aus Sabine Christiansen die Sabine Christiansen der Talkshow „Sabine Christiansen“ geworden. Anzunehmen ist die Verwandlung eines Menschen in eine Fernsehpersönlichkeit. Der auf und ab schwellende Kritiker-Gesang hat die Journalistin, wie sie sagt, „vorsichtig und zurückhaltender gemacht, wie man öffentlich reagiert, wie man redet.“

WIE VIEL SABINE CHRISTIANSEN IST IN „SABINE CHRISTIANSEN“?

Sabine Christiansen spielt in der Talkshow drei Rollen: Gastgeberin, Moderatorin, Produzentin. Alle drei gehören beim Fernsehen zusammen. Das hat sie gelernt, und es hat sie geprägt. Im Supermarkt der Eltern musste sie „früh mit aushelfen, da lernt man, wie man ein guter Dienstleister wird“. Im Kern ist auch Journalismus Dienst am Kunden. Christiansen nennt Journalisten wie Dan Rather, einen jüngst verstorbenen Anchorman im US-Fernsehen, als Vorbilder: „Seine Art, komplizierte Zusammenhänge in klaren, einfachen Sätzen zu erklären, hat mich fasziniert.“ Aber sie sei niemandes Kopie, „das würde auch gar nicht funktionieren, man muss sich selber finden.“

Neben der Talkmasterin hat „Christiansen“ zwei wesentliche Designkriterien: die wichtigsten Politiker, das wichtigste Thema. Die Sendung in der „Kristallkugel“ am Breitscheidplatz in Berlin wird von einer großen Redaktion vorbereitet, deren Leiter Wolfgang Klein ist. Der ist ein politischer Journalist, der Fernsehen denken kann. Eine Sendung „Christiansen“ bedeutet eine Woche Anlauf. Von Freitag an, wenn Thema und Gäste feststehen, geht Christiansen in Klausur.

WO LIEGT IHRE LEIDENSCHAFT?

Gern wird geargwöhnt, Politiker würden sich mit „Sabine Christiansen“ des Fernsehens bemächtigen. Aber auch in der gegenteiligen These steckt Wahrheit: Das Fernsehen bemächtigt sich der Politiker. Was erlebt der Zuschauer bei „Sabine Christiansen“? Politikerinnen und Politiker aus der ersten Reihe, die sich in Grund und Boden reden. Warum greift sie nicht ein, steuert nicht die Runde, warum verzichtet sie auf die offensichtliche Nachfrage, warum bricht sie an der spannendsten Stelle die Diskussion ab? Christiansen sagt: „Ich lade niemanden ein, um ihn fertig zu machen. Das ist nicht mein Stil.“ Die ARD ist nicht „Phoenix“, im Ersten wird in Massenattraktivität gedacht. Das Publikum von „Sabine Christiansen“ zählt nach Millionen und nicht nach den Tausenden, vielleicht Zehntausenden, deren Daseinszweck die intensive Beschäftigung mit Politik ist.

ARD-Programmdirektor Günter Struve, einer der Erfinder ihres Talks, urteilt: „Durchschnittlich fünf Millionen Menschen kommen auf diese Weise jede Woche mit politischen Diskussionen in Berührung. Das ist ein Wert an sich, unabhängig davon, wie man den Wert der einzelnen Sendung einschätzt.“ So gesehen ist „Sabine Christiansen“ brillantes Fernsehen. Die Sendung ist der Soundtrack zur deutschen Politik. „Sabine Christiansen“ vermeidet die Überforderung ihres Publikums. „Wir bieten zugespitzte, pointierte Entscheidungshilfe an“, sagt sie.

Der CDU-Politiker Friedrich Merz flötete in der 250. Sendung im Juni 2003: „Diese Sendung bestimmt die politische Agenda mittlerweile mehr als der Deutsche Bundestag.“ So kam zur Beachtung die Bekanntheit und zur Bekanntheit der Adel der Bedeutung im öffentlichen Raum. Einige sind darüber mächtig erschrocken, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sprach tadelnd vom „Ersatzparlament“. Wenn Christiansen sagt, „ich kann Euch zuschauen, ich darf bei Euch sein, aber ich bin keine von Euch“, dann sucht sie eine Distanz zu den Politikern aufzubauen, deren Fehlen ihr zuweilen, auch in der ARD, vorgeworfen wird. In der Sendung wird das Problem der Ferne vom Fernsehvolk dadurch angegangen, dass im Studiorund hin und wieder ein Vertreter des Volks platziert wird mit dem Recht auf einen Betroffenheits-Seufzer am Rande der großen Show. Christiansen lebt und arbeitet so wenig in der Welt ihrer Zuschauer wie das Gros ihrer Gäste. Es ist aber nicht so, dass Kritik an ihr bei ihr nicht verfangen würde. „Man stumpft in 17 Jahren nicht ab. Fachlich fundierte Kritik hilft uns sogar, je persönlicher die Attacke wird, desto mehr schließen sich in unserer Redaktion die Reihen.“

WAS MACHT SIE BESSER ALS DIE ANDEREN MODERATORINNEN UND WIE KÖNNTE IHR DAS FÜR DIE ZUKUNFT HELFEN?

„Sabine Christiansen“ hat den perfekten Sendeplatz. Der vorauslaufende Krimi spült ihr rund 2,5 Millionen Zuschauer zu. Den gewaltigen Rest – das Duell Lafontaine gegen Merz am 28. August verfolgten 6,32 Millionen Zuschauer – holt sie sich bei den übrigen Programmen ab. Heißt: Die Menschen schalten „Sabine Christiansen“ aus freien Stücken ein. Das Fernsehen bietet hier Teilhabe und Exklusivität an. Information inklusive, Enttäuschung inklusive.

Die Talkmasterin Sandra Maischberger hat die Urangst aller Fernsehfrauen benannt: „Sie haben als Frau ein Verfallsdatum.“ Maischberger ist 39, Christiansen 47. Maischberger hat sich eine kleine Produktionsfirma aufgebaut, Sabine Christiansen hat mit dem Co-Gesellschafter und Co-Geschäftsführer Michael Heiks die Produktionsgesellschaft TV 21 hochgezogen, eine Prägestätte fürs Talkshow-Fernsehen aus Politik und Wirtschaft. Neben der Hausmarke wird für den MDR „Fakt ist ...!“ gefertigt, für N 24 „Studio Friedman“, für n-tv „Späth am Abend“. Der sehr gut dotierte Vertrag mit dem „Christiansen“-Sender NDR – die vertraglich festgelegte Umsatzrendite beträgt sieben Prozent, Moderation und Produktion der Talkshow sollen Christiansen an die 1,5 Millionen Euro pro Jahr einbringen – läuft bis Ende 2006, TV 21 besitzt eine Option für ein weiteres Jahr. Vielleicht denkt und handelt Christiansen in Zehn-Jahres-Plänen. Dann wäre mit „Christiansen“ 2008 Schluss. Nach Meinung der Moderatorin hat aber der Jugendwahn im Fernsehen nachgelassen. Und: „Im nächsten Jahr wird über die Verlängerung des Vertrages ab 2008 verhandelt. Wir würden uns freuen, wenn wir weitermachen könnten.“ Wie optimistisch in die Zukunft gedacht wird, unterstreicht die Tatsache, dass „Sabine Christiansen“ am Wahlabend, am 18. September, voraussichtlich in einem komplett neuen Studio produziert wird.

Michael Heiks sagt, es sei gelungen, Sabine Christiansen als Marke zu etablieren. Helmut Sendlmeyer, Chef der Werbeagentur McCann-Erickson Deutschland, hat das im „Manager Magazin“ bestätigt: „Christiansen gehört zu den ganz wenigen Menschen, die alle wesentlichen Kriterien für eine Markenpersönlichkeit erfüllen: Stabilität, Konstanz, Verlässlichkeit und der weitgehende Verzicht auf alle modischen Trends.“ Eine Marke muss eng geführt werden. Christiansen macht keinerlei Werbung, sie moderiert mal hochkarätige Business-Runden, sie engagiert sich in zwölf wohltätigen Organisationen, von der Stiftung „Children for tomorrow“ bis zu Unicef. In ihrer Villa in Berlin-Grunewald lädt sie Journalistinnen und Cheffrauen zu Soireen ein; Speis und Trank sind so perfekt wie das Ambiente im Schöner-Wohnen-Stil, aber, so berichten Teilnehmerinnen übereinstimmend, hier will nicht die Hausherrin glänzen, sondern der Maxime genügen: „Männer haben Netzwerke, Frauen nicht. Das muss sich ändern.“

Heute ist TV-Duell-Tag. Christiansen wird es moderieren im Paar mit Thomas Kausch von Sat 1 und im Team mit Peter Kloeppel von RTL und ZDF-Talkerin Maybrit Illner. Wenn vier Sender zeitgleich eine Veranstaltung übertragen, dann drücken die meisten Zuschauer die „1“ auf ihrer Fernbedienung. Und wenn die ARD gewinnt, liegt Sabine Christiansen wieder da, wo sie seit Jahren ist – vor der Konkurrenz. Prima inter pares. Die Kritiker heulen schon.

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