Zeitung Heute : Wer ist schlauer – er oder ich?

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Früher dachte ich immer, ein neugeborenes Kind sei wie ein originalverpackter Computer mit einer leeren Festplatte. Vor Noahs Geburt fand ich die Idee faszinierend, dass ich als Erste etwas auf dieser Festplatte speichern würde. Wie richtig der Computer-Vergleich war, dämmerte mir recht bald, nachdem mein Sohn auf die Welt gekommen war. Ich hatte angefangen, die Festplatte voll zu schreiben, und wie ich das schon von echten Rechnern kannte, fragte ich mich bald, ob auch dieser neue Computer vielleicht viel schlauer war als ich.

Es ist einer der größten Irrtümer über das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen, dass Kinder dumm sind und Erwachsene schlau. Natürlich, am Anfang geraten Neugeborene in helle Verzweiflung, wenn die Mutter den Raum verlässt; sie wissen nicht, dass sie zurückkommt. Babys haben keine Ahnung, dass es wehtut, wenn sie einen Finger in den Türspalt halten und mit der anderen Hand die Tür zuschlagen. Sie sehen das unglückliche Ende nicht voraus, wenn sie versuchen, eine Treppe kopfüber herunterzukrabbeln. Nach unseren Maßstäben sind Babys unwissend.

Frisch geborene Kinder, nur ein paar Tage alt, sehen oft aus wie Hundertjährige, schrumpelig und weise, sie schauen in die Welt wie Dinosaurier (auch genauso traurig: Sie können noch nicht lächeln). Sie sprechen nicht, verstehen nicht – genau deshalb haben sie wahrscheinlich ein Gespür für Dinge, die wir längst nicht mehr wahrnehmen.

Als Noah noch ganz klein war, war das so: Er schlief in seinem Stubenwagen, und sobald wir sagten „der ist aber lieb heute“, fing er an zu schreien. Unterhielten wir uns mal nicht über ihn (was in der Anfangszeit selten vorkam), wurde er schrecklich unruhig. Wechselten wir die Windeln und sagten: Er hat lange nicht auf die Kommode gepinkelt, hörten wir ein leises „Pling“, und es tropfte hellgelb vom Wickeltisch. Hatten wir unangenehmen Besuch, wurde unser Kind ganz still und guckte forschend, bis der Besuch weg war. Und dann war da dieser Blick, bis auf den Grund der Seele. Minutenlang konnte Noah mich so anschauen, ich fühlte mich verstanden und enttarnt zugleich.

Vielleicht liegt es an diesen Babyaugen, dass junge Mütter so anfällig für alles Esoterische sind – und wie ich glauben, dass Kinder, die noch nicht sprechen, allwissend sind. Ich vermute, dass Noah schon lange das Problem der Sockelarbeitslosigkeit gelöst hat, dass er die Relativitätstheorie beherrscht und weiß, wo Gott wohnt. Wahrscheinlich versucht er, uns mit seinem aufgeregten „Dada, deidei, didi“ die Antwort auf die letzten philosophischen Fragen zu geben, aber wir verstehen ihn nicht. Noch tragischer ist, dass sein Wissen verloren gehen wird, sobald er reden kann; ein gemeiner Trick der Natur, um uns anzutreiben, damit wir immer weiterlaufen, wie ein Hamster im Laufrad. Wir Erwachsenen werden glauben, dass unser Kind Verstand entwickelt. Es wird werden wie wir, genauso dumm.

Bei Noah ist es jetzt soweit, das jedenfalls behauptet sein Vater, denn Noah sagt „Papapapapa“. Er macht das zwar schon seit Wochen, aber mein Mann glaubt, dass das „Papapapapa“ auf einmal ganz artikuliert klingt. Ich finde nicht, dass „Papapapapa“ ein Wort ist, und versuche nach wie vor, das Rennen um das erste Wort zu gewinnen. Ich übe den ganzen Tag mit Noah: „Sag mal: Mama.“ Noah sträubt sich noch und antwortet nur gelegentlich mit „Papapapapa“. Wahrscheinlich weiß er, dass er für sein erstes Wort einen hohen Preis zahlen muss.

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