Zeitung Heute : Wer ist schuld am Tod der Junkie-Frau?

Anja Joos war 16, als sie Heroin probierte. Sie war 43, als sie von Jugendlichen erschlagen wurde. Rekonstruktion eines Lebens am Rand

Tanja Stelzer[Amsterdam]

Am Ende begann sie, wieder ein Mensch zu werden. Endlich hatte sie Geld, H. erinnert sich an einen Tag, an dem sie acht oder neun Euro in der Tasche hatte. Er hatte fünf, die legten sie zusammen, das reichte für ein Päckchen. Anja war gut drauf. Ein Stempel besiegelte, dass man sie nicht nach Deutschland zurückschicken würde, in die verhasste Heimat. Sie hatte Vorsätze: Sie wollte gut essen. „Lass uns diesen Winter überleben“, sagte H. zu ihr. Sie antwortete ein wenig vermessen: „Ich will 60 werden!“

Ein paar Tage später, am 7.Oktober, meldete dpa: „Vier Verkäufer eines Lebensmittel-Supermarkts in Amsterdam sind von der Polizei festgenommen worden, weil sie eine mutmaßliche Ladendiebin geschlagen und getreten haben sollen. Die Frau sei kurz danach gestorben, teilte eine Polizeisprecherin mit.“ An den folgenden Tagen wurden in Amsterdam Kerzen entzündet, ein Gedenkstein wurde aufgestellt und gestohlen, die Zeitungen berichteten über die gestiegene Zahl der Ladendiebstähle. H. zog in Anjas Wohnung. S. sah das Bild ihrer Freundin im Fernsehen. Gerson Gilhuis betete. Tantchen sammelte in einer Plastiktüte Zeitungsartikel für Anjas Eltern.

Der Friedhof Sint Barbara liegt im Nordwesten der Stadt, zwischen Bahngleisen, der Autobahn und einem Campingplatz. Es gibt noch keinen Stein mit einer Inschrift, aber wo Anja Joos liegt, ist leicht am ungewöhnlichen Grabschmuck zu erkennen: ein Wecker, dessen Zeiger auf zwanzig vor acht still stehen, eine Schneekugel mit Madonna, ein zerbrochener Bilderrahmen mit einem Hundefoto, das ist Rambo. Die Junkies haben gegeben, was ihnen wertvoll genug für eine letzte Würdigung erschien, aber doch so wertlos, dass es sich nicht mehr in Drogen umsetzen ließ.

Anja Ingrid Joos, geboren am 30.April 1960 in Stuttgart, erschlagen am 6.Oktober 2003 in Amsterdam. Dazwischen liegt ein typisches Junkie-Leben. Anja Joos’ Weg sind viele gegangen, nur hat kaum jemand so lange durchgehalten wie sie. Durch ihr gewaltsames Ende ist Anja Joos so etwas wie eine Prominente geworden. Ihren Namen kennt nun, nach ihrem Tod, jeder in Amsterdam. Sie und ihre Freundin S. waren sozusagen die dienstältesten deutschen Junkies der Stadt.

Es ist Samstagmittag. S. sitzt in rosa Pullover und schwarzer Unterhose in ihrer abgedunkelten Erdgeschoss-Wohnung vor einem Tablett mit Tabakkrümeln, daneben ein Glas, den Weißwein in der Pappverpackung zu ihren Füßen. Manchmal ist S. schwer zu verstehen. Sie spricht eine Mischung aus Deutsch und Niederländisch.

Als sie sich kennen lernten, 1978 am Essener Hauptbahnhof, war Anja 18 und trug die blondierten Haare wie David Bowie. Anja und S. gingen gemeinsam klauen. Von ihren Kunden hatten sie Bestelllisten: Walkmen, Rasierapparate, Schmuck. Die Kunden waren meist Türken, die ihren Tag in der Spielothek verbrachten, aber auch Laden- und Cafébesitzer. S. hatte einen Seemannssack voller Zigarettenstangen. Wenn man acht Stangen am Tag verkaufte, brachte das 100 Mark, „davon konnte man zwei Schuss kaufen“.

Anja ging wohl damals schon auf den Strich, aber da ist sich S. nicht sicher. Später jedenfalls, in Amsterdam, mietete Anja eines jener Schaufenster, in denen sich die Frauen feilbieten. Wenn Anja Kundschaft hatte, zog sie den Vorhang zu. 100 Gulden kostete die Miete für den Kasten am Tag, sagt S. 1000 konnte man verdienen. Als sich Anja den Kasten nicht mehr leisten konnte, ging sie hinter dem Hauptbahnhof „de hoer spelen“, wie man auf Niederländisch sagt: die Hure spielen. Die charmante Formulierung übertüncht, was dieser Arbeitsplatzwechsel wirklich bedeutete: den Abstieg auf den harten Straßenstrich.

Auf dem Weg zum Drogenpastorat kommt man an vielen jener Glaskästen vorbei. Die Frauen arbeiten auch am Sonntagmittag, aber nur wenige Vorhänge sind zugezogen. In einer Seitengasse das Schild „Thaimassage“, gegenüber ein Gewölbe, das für verschiedene Zwecke vermietet wird. Sonntags um 16 Uhr wird daraus eine Kirche. Der Pastor Gerson Gilhuis – 32 Jahre, Jeans, grauer Strickpullover, Schmollmund, feine Silberfäden im schwarzen Haar – rückt Paravents zurecht, holt das Kreuz aus dem Metallschrank. Ein Helfer rollt einen Altar in die Mitte, zwei andere beschmieren Rosinenbrötchen mit Butter. „Den Gottesdienst machen wir auf unsere eigene Weise“, sagt Gerson Gilhuis. Wer will, kann Kaffee trinken, Tabak rauchen, schlafen. Einzige Bedingung: keine Drogen.

Anja kam jede Woche zum Gottesdienst, mit ihren zwei Hunden, dem Schäferhund Alfa und dem Mischling Rambo, die sie „meine Kinder“ nannte. Sie saß ganz hinten in der Mitte. Die Hunde stromerten herum; als Anja das letzte Mal hier war, einen Tag vor ihrem Tod, warf der Schäferhund die Altarkerze um. Sie hat jetzt einen Riss.

Gerson Gilhuis kannte Anja gerade mal zwei Jahre, aber er weiß viel über sie. Der Pastor kümmerte sich um die Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis, und während sie auf den Fluren irgendwelcher Behörden saßen und warteten, begann sie zu reden. „Es gab ein Band des Vertrauens zwischen uns.“

Anja wuchs in Düsseldorf auf, „gut situierte Verhältnisse, sie hatte eine gute Erziehung“, sagt Gerson Gilhuis. Sie war zwölf, als sie in den Papieren ihrer Eltern kramte und ihre Geburtsurkunde fand. Der Mann, den sie für ihren Vater gehalten hatte, war in Wirklichkeit ihr Stiefvater. Anja begann Marihuana zu rauchen, brach in Lachen aus, wenn sie ihre Mutter sah. Als sie 15 war, kam es zum Bruch. Anja lief weg, vielleicht wurde sie auch rausgeworfen. Jedenfalls gab es ein Jahr lang keinen Kontakt zwischen Tochter und Eltern. Anja ging ins Internat. Als sie in den Sommerferien nach Hause zurückkommen wollte, ließ man sie nicht mehr ins Haus.

„Wissen Sie, sie war so klein“

Sie war 16, als sie zum ersten Mal Heroin nahm. Ihr Freund hatte es ihr gegeben; er war Junkie und acht Jahre älter als sie. Dass sie abhängig war, merkte sie, als sie Fieber bekam und Schmerzen im Leib. Ein Dealer erklärte ihr, das sei die Sucht. Dann deutete er auf ihre Lederstiefel und sagte: Meiner Freundin würden die auch gefallen. Anja hat ihre Stiefel verkauft. Ob sie später jemals ernsthaft versucht hat, von den Drogen wegzukommen, vermag Gerson Gilhuis nicht zu sagen.

Sie redeten nicht wirklich über Religion, „man durfte keinen Druck auf sie ausüben, sonst hat sie sich verschlossen“. Dennoch glaubt der Pastor, „dass Anja ihr Leben lang im weitesten Sinne religiös war“. Am Gottesdienst, bei dem viel diskutiert wird, habe sie sich rege beteiligt. Ihre Hunde, sagte sie einmal während einer dieser Diskussionen, seien ein Stück vom Königreich Gottes. Und Tantchen natürlich.

Tantchen wohnt gegenüber der Heineken-Brauerei auf einem Hausboot mit zwei Papageien, fünf Katzen und drei Hunden. Das Boot ist bis unter die Decke voll gestopft mit Büchern, Gesellschaftsspielen, Zeitungen, Nippes, der Geruch der Tiere raubt einem den Atem. H. hatte gesagt, Tantchen sei der einzige Mensch gewesen, für den Anja Liebe empfunden habe. „Das kann schon sein“, sagt die alte Frau. Sie trägt Dutt und Faltenrock und spricht mit Zärtlichkeit von Anja, dem „Mädchen“, „wissen Sie, sie war so klein“.

Die beiden haben sich in einem kleinen Park kennen gelernt, vor dem immer der Drogenbus parkt. Dort holte sich Anja jeden Tag um die Mittagszeit ihr Methadon. Es ersetzte nicht die anderen Drogen, Anja nahm weiter Kokain und Heroin. Das Methadon verringerte lediglich die Nebenwirkungen, machte die Sucht erträglicher. Und es war eine Einnahmequelle: Normalerweise musste Anja das Methadon unter Aufsicht einnehmen; fürs Wochenende gaben die Ärzte ihr im Voraus eine Ration mit nach Hause. Die Hälfte davon verkaufte sie weiter.

Tantchen ging mit ihren Hunden spazieren, Anja bat sie um Geld, und Tantchen hatte immer etwas übrig. Bald kam Anja sie auf dem Boot besuchen, Tantchen gab ihr zu essen. Erst redeten sie nur über die Hunde, und irgendwann begann Anja über die Welt der Drogen zu sprechen, mit der Tantchen eigentlich nichts zu tun haben wollte, „aber es berührte mich, dass ein Mensch so viel Unglück hat im Leben und dabei so froh sein kann“. Anja liebte alle schönen Dinge, pflückte Blumen im Park und brachte sie aufs Boot. „Sie war absolut nicht schlecht“, sagt Tantchen.

Anjas letzter Freund hieß Ben. Vor acht Jahren hatte es mit ihnen angefangen, Anja war 35 und sehr verliebt. Ein großer, blonder Holländer. Tantchen hat ihn nur ein paarmal gesehen, „aber er war nicht mein Typ“. Ben war ohnehin ständig im Gefängnis. Wenn er draußen war, hat er Anja geschlagen, das erzählt jedenfalls S., die hinzufügt, Anja habe „auf Machotypen gestanden“. Aber darüber sprach Anja nicht mit Tantchen, so wie sie mit ihr nicht über ihre Aidskrankheit sprach, sie sagte nur: „Ich werde nicht wirklich alt werden.“ Am Schluss habe Anja vielleicht 40 Kilo gewogen, schätzt Tantchen. Und diesen schwachen Menschen hätten sie noch geprügelt und getreten, als er schon am Boden lag.

Die Sozialarbeiterin Ingeborg Schlusemann begleitete Anja zum kostenlosen HIV-Screening für Prostituierte und war dabei, als die Ärzte ihr die Diagnose eröffneten. „Anja reagierte hysterisch.“ Ihr fehlen die Worte, um die Szene weiter auszumalen. Anja war 23, vielleicht 24. Sie lebte seit vier Jahren in Amsterdam, abwechselnd auf der Straße, im Hotel, im Obdachlosenheim oder bei ihrem Freund Dick, der später an einer Überdosis starb („das war noch die Generation, als Junkies an einer Überdosis starben und nicht an Aids“, sagt S.) Anja und Dick haben sich gestritten und geliebt, so war es zwischen Anja und den Männern. Für Dick ging sie auf den Strich. Die Sozialarbeiterin sagt, Anja habe davon geträumt, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Mit der Diagnose „HIV-positiv“ war der Traum zerstört und damit auch der Ansporn, von den Drogen wegzukommen. Zuvor, erinnert sich Ingeborg Schlusemann, hatte Anja wie die meisten Junkies immer wieder gesagt: „Am Montag hör’ ich auf.“ Vom Tag der Diagnose an gab es keinen Montag mehr.

Ingeborg Schlusemann arbeitet bei Amoc, einer Hilfsorganisation für drogensüchtige Deutsche in Amsterdam. „Anja war sehr anhänglich. Sie wollte immer, dass ich ihre Freundin oder ihre Mutter bin.“ Das konnte und wollte die Sozialarbeiterin nicht sein, aber sie hat dafür gesorgt, dass Anja vor etwa zehn Jahren legalisiert wurde. Sie bekam eine Aufenthaltsgenehmigung und damit Sozialunterstützung, sie musste nicht mehr anschaffen gehen. Und sie konnte sich im Krankenhaus behandeln lassen. Die Krankheit brach zwar aus, aber sie ließ sich eindämmen; die Medikamente schlugen an.

Etwa 700 deutsche Junkies gibt es in Amsterdam. Für S. hat die Stadt ihren Zauber längst verloren: „Überall steht die Polizei, im Park darf man nicht mehr sein Bier trinken, und eine wie Anja wird erschlagen.“ Es gebe Streitereien unter den verschiedenen Nationalitäten, das Klima in der Szene sei härter geworden, das liege am Kokain. Ingeborg Schlusemann sagt: „Es verursacht eine größere Gier.“ Und die Gier macht aggressiv. Anja konnte „schnell böse werden, wenn ihr was nicht gefiel“.

Es war gegen 20 Uhr 30 am 6.Oktober, als Anja Joos den Supermarkt Dirk van den Broek am Marie Heinekenplein verließ. Sie hatte Futter für Alfa und Rambo gekauft, in der Hand hielt sie eine Plastiktüte mit einer Dose Bier darin. Im Supermarkt waren junge, vorwiegend marokkanische Hilfsarbeiter damit beschäftigt, die Regale aufzufüllen. Die Plastiktüte weckte ihren Verdacht. Zwei oder drei der Jugendlichen – genau konnte die Staatsanwaltschaft das noch nicht rekonstruieren – verfolgten Anja Joos bis vor die Tür und beschuldigten sie, das Bier gestohlen zu haben. Sie zeigte ihnen den Kassenbon vom Getränkemarkt gegenüber: Sie hatte ihr Bier bezahlt; später wurde das von einem Überwachungsvideo des Getränkemarkts belegt. Einer der Supermarkt-Mitarbeiter entschuldigte sich, doch dann begann ein Wortgefecht: Die Hilfsarbeiter – inzwischen waren sie zu zehnt – nannten Anja „schmierige Hure" und „deutsche Sau“. Anja wehrte sich mit den Worten „Scheiß Marokkaner“ und warf mit einem herumstehenden Stuhl nach ihnen, traf aber nicht. Einer der Jugendlichen stieß Anja zu Boden, zwei andere begannen auf sie einzutreten. Sie rappelte sich hoch. Ihre Peiniger verfolgten sie durch die Daniël Stalpertstraat. Auf dem Gerard-Douplein, 200 Meter vom Supermarkt entfernt, blieb Anja Joos liegen. Die Jugendlichen gingen zurück zum Supermarkt, jubelnd und lachend. Es gelang Anja, sich aufzusetzen. Auf einem Stuhl vor einer Bar wartete sie auf den Krankenwagen. Als er vor dem Krankenhaus Onze Lieve Vrouwe vorfuhr, war sie schon tot.

„Die Jugendlichen, das sind Vulkane“

Der Prozess gegen die zehn Beschuldigten soll Mitte Januar beginnen. Inzwischen aber hat sich das Land längst auf die Suche nach den Schuldigen gemacht. Für manche sind es die marokkanischen Jugendlichen (obwohl der Hauptverdächtige ein Tunesier ist). Die Verteidiger haben schon angedeutet, welche Strategie sie im Prozess verfolgen werden: Sie werden den sozialen Druck herausstellen, unter dem ausländische Jugendliche in den Niederlanden stehen. Und sie sagen: Wäre Anja Joos nicht so krank gewesen, wäre sie an den Verletzungen nicht gestorben. Für manche ist Anja Joos selbst schuld an ihrem Tod. Pastor Gerson Gilhuis sorgt sich, „dass wir die Schuld von einer Randgruppe zu einer anderen schieben“.

„Sie hatte ein großes Maul“, erzählt H. „Ich habe zu ihr gesagt: Anja, wir sind alt, und die Leute sind heute aggressiver als früher. Die Jugendlichen hier, das sind Vulkane.“ Bevor Anja starb, war H. ihr Untermieter; er wohnte auf dem Dachboden. Jetzt ist er in Anjas Ein-Zimmer-Apartment gezogen. Die Fenster sind mit einem Yin- und Yang-Stoff verhängt, auf dem Boden liegen durchgescheuerte Perserteppiche, auf dem Tisch steht ein Teller mit einer improvisierten Mahlzeit aus Innereien, Tomaten und Kichererbsen, daneben Rasierspiegel, Deo, eine rot schimmernde Kokspfeife. Anja hat hier keine Spuren hinterlassen; die Stadt hat alle Möbel und persönlichen Habseligkeiten abholen lassen. Die Hunde kamen noch am Abend ihres Todes ins Tierheim. Nur im Briefkasten landen noch immer die Strafzettel wegen Drogenvergehen, Schwarzfahren, Erregung öffentlichen Ärgernisses. H. sagt, wie alle Junkies bezahlte Anja sie nie; wenn sie drei oder vier zusammen hatte, ging sie für einen Monat in den Knast.

In den letzten Jahren, erzählt H., lebte Anja nur noch fürs Koks, „sie hatte sich fallen gelassen“, sie begann, ihre Existenz auszulöschen. Sie nahm eine ganze Kugel auf einmal, das reicht H. für fünf, sechs Portionen. Wenn sie gekokst hatte, setzte sie sich in den Sessel und starrte stundenlang in den Fernseher. Wenn sie aufwachte und Geld hatte, ging sie Koks kaufen, egal um welche Uhrzeit, und alles begann von vorn. Ihre Augen waren schlecht geworden; die Kokskörnchen betrachtete sie mit einer Lupe.

H. ist Tunesier. Seine schwarzen Afro-Locken türmen sich über einer Halbglatze auf, unter dem schmalen Oberlippenbart fehlt links oben eine halbe Zahnreihe. H. lernte Anja im Methadonbus kennen, 1980 war das. Damals war sie viel zu schön, als dass er sich Hoffnungen hätte machen können, „sie war eine Bombe“, also hatte sie nie Schwierigkeiten, an Stoff zu kommen. Sie pendelte: kaufte Drogen in Amsterdam, verkaufte sie in Deutschland. Dann hörte sie, dass jemand sie verraten hatte. Sie konnte nicht mehr nach Deutschland zurück.

Als Anja noch hier wohnte, erzählt H., pappte eine Postkarte auf dem Kühlschrank mit dem Aufdruck: „Mama, Papa, ich komme zu Weihnachten.“ Nicht die Drogen hätten sie kaputt gemacht. „Kaputt gemacht hat sie nur eins: dass sie ihre Eltern nicht mehr sehen konnte.“

Anruf bei Anjas Eltern. Eine Frau hebt ab. „Guten Tag, sind Sie die Mutter von Anja Joos?“

„Wir haben damit gar nichts mehr zu tun, entschuldigen Sie.“ Sie legt auf.

Zweiter Versuch: „Ich möchte Ihnen etwas über Anja erzählen.“

„Habe ich mich nicht deutlich ausgedrückt? Gar nichts brauchen Sie mir zu erzählen, ich will davon nichts hören. Rufen Sie bitte nicht nochmal an.“

Nachdem Anja als 16-Jährige nicht mehr ins Haus ihrer Eltern eingelassen worden war, gab es noch einen Versuch, die Beziehung zu ihrer Mutter zu kitten. Mutter und Tochter begegneten sich im Gefängnis Köln-Ossendorf, wo Anja im Jahr 1979 drei Mal einsaß, da war sie 19. Aus der Gefängniskartei, Buchnummern 56/79, 166/79 und 609/79, erfährt man: Anja war nacheinander bei zwei verschiedenen Adressen in Essen gemeldet; in diesem Jahr hat sie ihren Freund gewechselt. In der Rubrik „erlernter Beruf“ findet sich der Eintrag: „ohne“.

Im Gefängnis kümmerte sich ein Familientherapeut um die junge Drogenabhängige. Er organisierte ein Treffen mit der Mutter, unter Aufsicht, doch „es war wohl keine herzliche Begegnung“, sagt der Drogenpastor Gerson Gilhuis. Später habe Anja immer wieder davon geredet, sie wolle noch einmal Kontakt mit ihren Eltern aufnehmen. Aber sie hatte keine Telefonnummer. Nach Anjas Tod brauchte das deutsche Generalkonsulat in Amsterdam eine Woche, um sie ausfindig zu machen.

Am 3.Dezember 1979 wurde Anja aus der Justizvollzugsanstalt entlassen. Vermutlich danach kam sie für einige Zeit in die geschlossene Psychiatrie. Von der Sucht hatte sie einen Waschzwang, und sie war nach Paragraf 64 des Strafgesetzbuchs verurteilt, das hieß: Aufenthalt in einer Entziehungsanstalt. Das übliche Verfahren: kalter Entzug. Die Methode ist recht grausam, wie sich Alfred Ferencz erinnert. Seit den 70er Jahren hat er in Essen als Drogenhelfer gearbeitet; er gehört zu den Pionieren der Drogenhilfe in Deutschland, ist Mitglied einer Advisory-Group beim Bundesministerium für Gesundheit. Ferencz, heute 59 und seit kurzem im Vorruhestand, muss auch Anja betreut haben, aber er kann sich ihr Bild nicht mehr ins Gedächtnis rufen. Wie man in der Psychiatrie mit den Junkies umging, weiß er dagegen noch gut. „Sie bekamen einfach keinen Stoff mehr, bloß Distraneurin oder Haloperidol zur Ruhigstellung. Dann hat man sie ins Bett gelegt, und da haben sie fünf Tage gezittert und geschwitzt.“ Danach waren sie clean, aber das reine Entgiften bringt nichts, „es geht um das Glück und die Geborgenheit, die man sich kauft. Nach dem Entzug kommt der graue Alltag.“

Der Stern auf dem Handgelenk

Damals in Essen, sagt Ferencz, erzählten sich die Junkies von Amsterdam, wo es billige Drogen gebe und die Gesellschaft freier mit Randgruppen umgehe als in Deutschland. Der Traum der Junkies: Morgens nicht mehr mit diesem Grippegefühl aufzuwachen, den Turkey mit Methadon auszuschalten. Methadon gab es nur in den Niederlanden.

Als sie Anja in Amsterdam wiedersah, jubelten sie. Es war, als hätten sie sich nach einem leidvollen Leben im Paradies getroffen. Auf S.’ rechtem Handgelenk zeichnet sich ein verwaschenes Tattoo ab, der Junkie-Stern. „Den haben wir uns damals alle machen lassen, als wir nach Amsterdam kamen. Wir waren stolz darauf, Junkies zu sein.“ Anja sei zu dieser Zeit ein Punk-Mädchen gewesen, sie habe sicher auch so einen Stern gehabt, aber so genau wisse sie das nicht mehr.

Über Anja befragt, antwortet S. oft: „Das weiß ich nicht“ oder „Darüber haben wir nicht geredet“. Ab und zu erweckt sie den Eindruck, als könne sie nicht unterscheiden zwischen ihrer eigenen Geschichte und der von Anja. In der Junkie-Welt funktionieren Freundschaften nach einem anderen Prinzip als anderswo, erklärt S. Man spricht darüber, wo man übernachten kann, wo die Bullen stehen. Vergangenheit, das ist der letzte Schuss; Zukunft, das ist der nächste Schuss. Der Drogenpastor sagt: „Sich 20 Jahre kennen und nichts voneinander wissen, das ist typisch für diese Welt. Man vertraut einander nicht, und jeder weiß, dass sein Leben nicht schön war. Weshalb sollte man darüber reden?“

Das Jahr 2003 begann schlecht für Anja. Sie hatte sich nicht rechtzeitig um die Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis gekümmert, fürchtete, man werde sie nach Deutschland zurückschicken. Ohne Aufenthaltserlaubnis gab es keine Sozialhilfe und keine Medikamente mehr. Ihr Körper war von Aids und HepatitisB gezeichnet. Sie kokste wie verrückt. „Sie hätte noch ein, maximal zwei Jahre durchgehalten“, schätzt H. Dann aber regelte der Pastor die Papierangelegenheiten. Anja bekam wieder Geld, sie konnte sich behandeln lassen, sie hatte wieder eine Zukunft, „ihr Optimismus war schon fast absurd“, sagt Gerson Gilhuis.

Was bleibt am Ende von Anja Joos? S. erinnert sich an Anjas Ruhrpottdialekt. H. sagt: „Du konntest dein Portemonnaie bei ihr liegen lassen, sie hätte es nicht angerührt. Für einen Süchtigen ist das absolut ungewöhnlich.“ Gerson Gilhuis findet: „Sie war unabhängig. Sie hatte einen großartigen Charakter.“ Tantchen sagt: „Alles um sie herum war kaputt, aber sie war froh.“

Bei ihrer Beerdigung spielten sie Lou Reeds Heroin-Song „It’s a perfect day“.

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