Zeitung Heute : Wer ist Sigmund Freud?

Bas Kast

WIE ENTDECKTE FREUD DIE PSYCHOANALYSE?

Sigmund Freud sagte später bescheiden, nicht er, sondern sein Freund und Kollege Josef Breuer habe die Psychoanalyse entdeckt. Und tatsächlich: Die ursprüngliche Idee geht auf eine Patientin zurück, die der Arzt Breuer in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts behandelt hatte: Anna O. (was ein Pseudonym war, eigentlich hieß die Frau Bertha Pappenheim). Anna O., eine Frau Anfang 20, pflegte jede Nacht ihren Vater, der an Tuberkulose litt. Eines Nachts saß sie an seinem Bett, ihr rechter Arm über eine Stuhllehne gelegt – und döste halb weg. In diesem Zustand fing sie an zu halluzinieren, sah schwarze Schlagen, die aus den Wänden zum Vater krochen, um ihn zu töten. Währenddessen war ihr rechter Arm von der Lage eingeschlafen. Sie machte wohl Versuche, die Schlangen zu verjagen, aber der Arm war gelähmt. Sie erwachte, und von da an war alles anders.

Sie litt unter Ängsten, Lähmungen, Halluzinationen – sprach aber mit niemandem darüber, bis sie mit Breuer in Kontakt kam. Dieser beruhigte sie und holte die Erinnerung an das Ereignis zurück. In diesem Moment, so stellte der Arzt fest, linderten sich die Symptome, die Lähmungen verschwanden. Die „Redekur“, wie Anna O. die Behandlung nannte, wirkte. Als Freud davon hörte, war er elektrisiert. Er hatte Medizin studiert, er wollte das Gehirn verstehen, aber er ahnte schon, dass er mit den damaligen Techniken keinen großen Wurf landen konnte.

1885 war er von Wien nach Paris gereist, um dort dem Arzt Jean-Martin Charcot von der Nervenklinik Salpêtrière über die Schulter zu schauen. Charcot übte eine magische Anziehungskraft auf Freud aus (später nannte er einen seiner Söhne Jean- Martin). Der französische Arzt heilte als „hysterisch“ diagnostizierte Frauen mit Hypnose. Diese Frauen hatten zum Beispiel unerklärliche Sinnesausfälle oder Lähmungen – oft wegen eines Traumas. Charcot führte die Symptome aber nicht auf ein körperliches Trauma zurück, sondern auf ein psychisches, dem er mit Hypnose beikommen konnte. Freud kombinierte Charcots und Breuers Behandlungsmethoden, ergänzt um seine eigenen Ideen, wie die der „freien Assoziation“. Demnach ist es möglich, an verdrängte Erinnerungen im Unbewussten heranzukommen, indem man den Patienten über das reden lässt, was ihm gerade in den Sinn kommt. Damit war die Psychoanalyse geboren.

WARUM WURDE FREUD SO POPULÄR?

Freud nahm psychische Leiden ernst – und versuchte sie zu heilen. Vor allem aber brachte er ein Tabuthema ins Gespräch, über das man damals zu schweigen hatte: Sex. Die Sexualität bildet den Mittelpunkt seiner Theorie. Das ganze menschliche Treiben ist in Freuds Augen auf den Lustgewinn, auf die Befriedigung der Libido, zurückzuführen. Alle Neurosen des Menschen hängen seiner Meinung nach mit missglückter Sexualität zusammen. Die Psychoanalyse wuchs sich zu einer Befreiungsbewegung aus und nahm sogar quasireligiöse Züge an. Freuds Gedanken inspirierten auch die Kunst – von Salvador Dalís Surrealismus bis hin zu Alfred Hitchcocks Psychothrillern. Woody Allen nimmt ihn zwar gern auf die Schippe – aber auch er ist undenkbar ohne Freud.

WO IRRTE FREUD?

In den 50er Jahren kam es erstmals zu nennenswerter Kritik. Man entdeckte die ersten Psychopharmaka – nun gab es für psychische Leiden nicht mehr nur die Freud’sche Psychoanalyse. Die biologische Psychologie erlebte einen Aufschwung. Nach und nach wurde Freud demontiert. Viele seiner Ideen erwiesen sich als falsch. Freud hatte beispielsweise postuliert, jedes Kind durchlebe diverse Phasen: Von der Oralphase (Kind ist auf den Mund fixiert, nimmt alles über den Mund wahr) über die Anal- bis hin zur Ödipal-Genitalphase. Davon wird heute kaum noch gesprochen. So wichtig die Sexualität auch sein mag: Freuds Reduzierung alles menschlichen Handelns auf die Sexualität war übertrieben. Er ging davon aus, dass Träume immer verkappte Wünsche darstellen – auch das wird heute stark bezweifelt. Ebenso umstritten ist Freuds Interpretation vieler Trauminhalte als Sexsymbole (wer von einer Zigarre träumt, meint eigentlich einen Phallus).

Die Kritik reicht bis hin zum Kern von Freuds Theorie: Bis heute streiten sich die Geister darüber, ob und wie wirksam Worte heilen können. In vielen empirischen Studien schneidet die Psychoanalyse im Vergleich zu neueren Formen der Psychotherapie eher mager ab. Außerdem hat man rekonstruiert, dass Freuds Beschreibung einiger Fälle, etwa die von Anna O., schöner ausfielen, als sie in der Realität waren. Anna O. litt auch nach der Redekur noch unter vielen Krankheitssymptomen und war keinesfalls so geheilt, wie Freud es gern gehabt hätte.

WOMIT HAT FREUD RECHT BEHALTEN?

Freud hatte eine enorme Intuition – allerdings hat er es nie für nötig befunden, seine Ideen empirisch zu überprüfen. Er selbst behauptete einmal von sich, er sei gar kein Wissenschaftler, ja noch nicht einmal ein Denker. Er sei eher ein Entdecker, ein Abenteurer. Freud hatte wie wenige vor ihm die Macht des Unbewussten erkannt. „Wir sind nicht Herr im Haus“, sagte Freud. Nicht das bewusste Ich regiere, sondern unbewusste Kräfte beherrschten uns. Dieses Diktum wird von der heutigen Hirnforschung voll und ganz bestätigt. Allerdings sah Freud das Unbewusste als unheimlichen Ort, wo Triebe und Traumata ihr Unwesen treiben. Mittlerweile aber wird das Unbewusste nicht mehr als Feind, sondern als Freund gesehen. Vieles im Alltag – vom Autofahren bis hin zum Sprechen – wird von unbewussten Hirnprozessen übernommen.

Freud hatte die Psyche in drei Instanzen aufgespalten: Das Es, Ich und Über-Ich. Das Es bildet das geheime Reservoir angeborener und verdrängter Triebe. Gegenspieler des Es ist das Über-Ich, das dem Gewissen gleichkommt. Zwischen diesen beiden Kräften eingeklemmt liegt, wie bei einem Sandwich, das bewusste Ich; es hat die Funktion eines Vermittlers. Auch diese Idee geht in die richtige Richtung. Sie geht aus heutiger Sicht nur noch nicht weit genug. Die Psyche scheint vielmehr aus Dutzenden von Komponenten zu bestehen, die sich mit Hirnscannern einzeln beobachten lassen. Freud hat unzählige psychische Abwehrmechanismen postuliert, wie Projektion oder Verdrängung, die zum Großteil zu geläufigen Sprachbegriffen geworden sind. Viele dieser Psychomechanismen wurden nie wissenschaftlich bestätigt, in seltenen Fällen aber gibt es einige handfeste Belege. Eine Idee der Psychoanalyse ist zum Beispiel, dass extreme Homophobiker ihre in Wahrheit homoerotischen Neigungen verdrängen. Tatsächlich zeigte ein Versuch von US-Psychologen: Gerade Männer, die sich in Fragebögen heftig gegen Homosexualität äußern, werden beim Betrachten schwuler Sexszenen besonders stark erregt – wie zumindest die Messung mit einem Plethysmografen ergab, einem Gerät, das Änderungen der Penisgröße misst.

WAS FÜR EIN MENSCH WAR FREUD – UND WIE WAR SEIN LEBEN?

Freud war ein Pessimist. Er sah den Menschen als ein Tier, das wünscht. Er sah den Einzelnen in einem ständigen Konflikt – mit der Familie, der Gesellschaft und nicht zuletzt mit sich selbst. Aus Flucht davor gaben sich die Menschen Tagträumen oder der Liebe oder dem Rausch hin. Freud selbst hing Jahre lang an Kokain. Zeitlebens war er vom Ehrgeiz getrieben. Eigentlich war er ausgezogen, das menschliche Gehirn zu verstehen. Er fing als Naturforscher an, untersuchte das Nervensystem von Fischen unterm Mikroskop. Doch als er dann merkte, dass ihm auf diesem Feld keine große Entdeckung gelingen würde, widmete er sich der Seele.

Sigismund Schlomo Freud, wie er eigentlich hieß, hatte seinen jüdischen Vornamen nie verwendet: Er war Atheist. Den Rufnamen kürzte er schon als Student zu Sigmund ab. Als er mit 30 Martha Bernays, eine Frau aus gutem Hause, heiratete, konnte er nicht mehr nur seinen Forschungen nachgehen. Nun hatte er eine Familie zu ernähren, und so eröffnete er in Wien eine Praxis. Freuds Frau brachte in rascher Folge sechs Kinder zur Welt, und um für den Lebensunterhalt aufzukommen, konzentrierte sich Freud nur noch auf seine praktische Tätigkeit als Nervenarzt. Aus dieser Erfahrung heraus begann er, seine psychologische Theorie zu entwickeln. Noch lange plagten ihn finanzielle Schwierigkeiten. Freud war ein einfühlsamer Familienvater und ein Kettenraucher, der nicht ohne seine Havanna auskam. 1920 erkrankte er an Gaumenkrebs und musste sich wiederholt schweren Operationen unterziehen. Nach der Machtergreifung der Nazis wurden bei der Bücherverbrennung vom Mai 1933 auch Freuds Werke verbrannt. 1938 schließlich emigrierte er mit seiner Familie von Wien nach London. Seine Krankheit verschlimmerte sich. Am 23. September 1939 starb Freud: Er hatte von seinem Hausarzt eine starke Morphiuminjektion verlangt. Aus Freud war ein berühmter und hochverehrter Mann geworden.

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