Zeitung Heute : Wer ist Stanislaw Tillich ?

Matthias Schlegel

STANISLAW TILLICH SOLL ES IN SACHSEN RICHTEN. WARUM IST DIE WAHL GERADE AUF IHN GEFALLEN?

Der noch amtierende Ministerpräsident Georg Milbradt selbst soll am vergangenen Sonntagabend, als sich führende CDU-Leute in seinem Haus in Dresden zu einer Krisensitzung zusammenfanden, Stanislaw Tillich vorgeschlagen haben. Am Ende war es dann tatsächlich der 49-jährige Finanzminister der von den drei möglichen Kandidaten für Milbradts Nachfolge übrig blieb: Thomas de Maizière, Kanzleramtschef in Berlin und vorher universal verwendbarer Spitzenpolitiker in Sachsen, hatte sich offenbar schon vor längerer Zeit entschieden, rechte Hand von Angela Merkel zu bleiben, obwohl seine Familie noch immer in Dresden wohnt. Zudem hatte der westdeutsche de Maizière früh erspürt, dass die Stimmung in der sächsischen CDU nicht gerade für ihn sprach. Nach Biedenkopf und Milbradt sehnten sich die Sachsen nun nach einem Einheimischen, der nicht nur in der Stimmmelodie, sondern vor allem in der mentalen Anmutung landsmannschaftliche Vertrautheit ausstrahlt.

Der andere in Frage kommende Sachse, Kultusminister Steffen Flath hatte während der heftigen politischen Turbulenzen um Milbradt die Lust am ganz großen Aufstieg verloren. Er wollte sich und seiner Familie diese Art von Stress ersparen. Flath wird immerhin mit dem Vorsitz der CDU-Landtagsfraktion abgefunden, wenn Ende Mai das sächsische Unions-Urgestein Fritz Hähle diesen Posten freigibt.

Es kann auch sein, dass Flath für Milbradt ohnehin nur zweite Wahl war. Denn womöglich hat der Regierungschef dem bodenständigen Erzgebirgler nicht verziehen, dass der sich einst von Kurt Biedenkopf ermuntern ließ, auf dem Glauchauer Landesparteitag im September 2001 mit Milbradt um das Amt des Spitzenkandidaten zu konkurrieren. Tillich dagegen hatte damals Biedenkopfs Ansinnen abgelehnt und sich zu dem in der Partei umstrittenen Milbradt loyal gezeigt. Zum Dank machte ihn Milbradt nach der Wahl zum Chef seiner Dresdner Staatskanzlei.

Loyalität ist überhaupt eine der hervorstechendsten Eigenschaften Tillichs. Gelegentlich mag sie ins Fragwürdige abgleiten. So wird in der CDU kolportiert, als in den vergangenen Wochen einige Christdemokraten überlegt hätten, wie man Milbradt ohne Gesichtsverlust zum Rücktritt bewegen könne, sei Tillich gleich zum Regierungschef gelaufen, um ihm das zu petzen. Einige glauben, dass Milbradt sich nun bei Tillich für so viel Treue bedankt.

Weil er sich zu keiner Zeit an den Hahnenkämpfen in der sächsischen CDU beteiligte, blieb Tillich stets unversehrt und schonte seine Kräfte. Die Kehrseite dessen: Er sei „zurückhaltend bis zur Unkenntlichkeit“, bescheinigte ihm eine Zeitung. Weder als Europaabgeordneter noch als sächsischer Bundes- und Europaminister, Staatskanzleichef, Umwelt- oder zuletzt Finanzminister ist er aufgefallen – nicht mit politischer Kreativität, nicht mit Provokationen, Skandalen oder Streitereien. „Der Mann für alle Fälle“, „Der weiße Ritter“, „Der smarte Sorbe“, wie jüngst Schlagzeilen über ihn lauteten, ist am Ende zum Erfolg gekommen, weil jedermanns Liebling stets der geringste Widerstand entgegengesetzt wird.



WAS UNTERSCHEIDET TILLICH VON SEINEM AMTSVORGÄNGER MILBRADT?

Das Alter, der Charakter, die Umgangsformen, die Herkunft – eigentlich alles. Die einzige Parallele liegt im politischen Grundanliegen, die wirtschaftliche Prosperität des Freistaates weiterhin zu befördern und die strikte Konsolidierung des sächsischen Haushalts fortzuführen. Wie einst Milbradt wird auch Tillich aus dem Finanzministerium ins höchste Regierungsamt wechseln. Doch im Gegensatz zu Milbradt ist Tillich kein zahlenverliebter Finanzfreak. Als Finanzminister war er Nachfolger des 2007 über die Krise der Sachsen LB gestolperten Horst Metz. Für Milbradt war das eine bequeme Option – und zudem die Chance, Tillich als einen der möglichen „Kronprinzen“ zu platzieren.

Tillich geht auf die Leute zu, strahlt immer offenherzige Freundlichkeit aus, ist kommunikativ – das Kontrastprogramm zum zuletzt verschlossenen, griesgrämigen, oft halsstarrigen Milbradt. Der Diplomingenieur für Konstruktion und Getriebetechnik sei „geerdet“, sagen seine Vertrauten. 1987 in die Ost-CDU eingetreten, erlebte Tillich den politischen Umbruch als Angestellter beim damaligen Rat des Kreises Kamenz. Im März 1990 rückt er für seine Partei in die erste frei gewählte Volkskammer, wird nach der Wiedervereinigung Beobachter beim Europaparlament, ab 1994 Europaabgeordneter, ehe ihn Kurt Biedenkopf 1999 ins sächsische Kabinett holt.



WELCHE ROLLE SPIELEN DIE SORBEN IN SEINER POLITIK?

Beim diesjährigen traditionellen Osterreiten von seinem Heimatort Pancicy-Kukow (so heißt Panschwitz-Kuckau auf sorbisch) hinüber nach Crostwitz traf man den Minister in diesem Jahr nicht hoch zu Ross an – aus Sicherheitsgründen, wie man hörte. Doch in anderen Jahren ließ es sich der Katholike nicht nehmen, an diesem fest im sorbischen Brauchtum verankerten Verkündigungsritual teilzunehmen. Tillich ist Sorbe mit Leib und Seele, einer von rund 60 000 Angehörigen dieses westslawischen Volkes, das als nationale Minderheit in der Ober- und Niederlausitz, also in Nordostsachsen und Südostbrandenburg lebt. Wegen der Ähnlichkeiten der Sprachen fiel es ihm leicht, Tschechisch und Polnisch so gut zu lernen, dass er bei Treffen mit Leuten aus den Nachbarländern gelegentlich den Dolmetscher verbessert.

„Es erfüllt uns mit großer Freude und großem Stolz, dass einer von uns künftig Ministerpräsident von Sachsen sein wird“, sagt Helene Theurich, Vorsitzende des Stiftungsrates der „Stiftung für das sorbische Volk“. Und sie erhofft sich davon „eine große Imagewerbung“. Vielleicht sind die Erwartungen insgeheim noch etwas größer. Seit Monaten streitet die Stiftung mit dem Bund um ihren Haushalt. Die Stiftung möchte 2008 zur Finanzierung ihrer neun Institutionen und ihres Zuschusses für die Schulbuchproduktion 16,4 Millionen Euro haben. Der Bund soll sich wie üblich zur Hälfte beteiligen, will aber nur 7,6 statt 8,2 Millionen Euro geben. Sachsen habe seinen Viertelanteil bereits zugesagt und auch signalisiert, dass man die Interessen der Sorben beim Bund vertreten werde, sagt sie. Was sie nicht sagt, aber vielleicht hofft: Mit einem Sorben an der Spitze könnte solches Werben mit deutlich mehr Nachdruck vorgebracht werden. Gleichwohl wird Tillich vermeiden, durch allzu forderndes Auftreten gleich zu Anfang die ohnehin noch nicht sonderlich eng geknüpfte Bindung zum Bund zu gefährden.



WELCHE CHANCEN HAT TILLICH, DIE REGIERUNGSARBEIT IN SACHSEN UND DIE POSITION DER CDU ZU STABILISIEREN?

Riesenbrocken sind von dem Neuen aus dem Weg zu räumen. Als Finanzminister hatte er gemeinsam mit Milbradt im Dezember in Stuttgart den Notverkauf der angeschlagenen Sachsen LB an die Landesbank Baden-Württemberg unter Dach und Fach gebracht. Doch noch ist völlig unklar, ob Sachsen für die damals vereinbarte Ausfallbürgschaft in Höhe von 2,75 Milliarden Euro aufkommen muss. Sollten größere Beträge fällig werden, werden diese Brocken auch Tillich als Mitverhandler auf die Füße fallen.

Eine große Baustelle ist auch die Koalition von CDU und SPD. Unter Tillich wird sich entscheiden, ob das Bündnis wetterfest gemacht werden kann oder ob die Ruine abgerissen werden muss. War Milbradts Verhältnis zur SPD nahezu zerrüttet, ist Tillich beim Koalitionspartner wohlgelitten.

Eine erste Nagelprobe im eigenen Lager ist die notwendige Regierungsumbildung. Gesucht werden aus CDU-Reihen: ein Finanzminister (als Nachfolger von Tillich selbst), ein Kultusminister (als Nachfolger des künftigen Fraktionschefs Steffen Flath). Dazu könnte bald ein Wechsel im Sozial- und Gesundheitsressort anstehen, wenn Amtsinhaberin Helma Orosz am 8. Juni die Oberbürgermeisterwahl in Dresden gewinnen sollte. Und Innenminister Albrecht Buttolo ist seit seinem kläglichen Krisenmanagement bei der Sachsen-Sumpf-Affäre ein permanenter Wackelkandidat. Milbradt hat mit einigen umstrittenen Personalentscheidungen zuletzt viel Ärger ausgelöst, Tillich müsste gewarnt sein.

In der CDU, deren Landesvorsitz er auch übernehmen soll, wird er viel Rückendeckung bekommen. Nicht nur weil er der smarte Sorbe ist, sondern vor allem, weil sich die Basis nach Ruhe und Rückkehr zur Normalität sehnt. Gleichwohl, innerparteiliche Konflikte auszutragen, ist Tillich nicht fremd: Im Januar 2007 übernahm er den Vorsitz des zerrütteten CDU-Kreisverbandes Kamenz/Hoyerswerda. Der war von Henry Nitzsche ruiniert worden, jenem Rechtsausleger, der wegen fremdenfeindlicher und nationalistischer Parolen aus der Bundestagsfraktion ausgeschlossen wurde und die CDU verließ. Dutzende Mitglieder traten aus der Partei aus – entweder aus Protest gegen Nitzsche oder aus Protest wegen des Umgangs mit ihm. Da war Moderation gefragt – und das ist Tillichs Spezialgebiet.

Mitarbeit: Lars Rischke

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