Zeitung Heute : Wer ist Steven Spielberg?

Sebastian Handke

SPIELBERG IST DER ERFOLGREICHSTE REGISSEUR DER FILMGESCHICHTE. WAS IST SO WUNDERBAR AN IHM?

Als Kind verbrachte Spielberg seine gesamte Zeit vor dem Fernseher, wenn er nicht gerade hinter seiner Super-8-Kamera die Familie herumkommandierte. Als Erwachsener entwickelte er seine Geschichten aus dem von ihm gierig konsumierten TV-Stoff und adelte sie mit perfektionistischem Handwerk und ausgefeilter Illusionskunst. Spielberg revolutionierte das Kino, indem er einfache Handlungen, die aus B-Movies oder Samstagvormittagsserien stammen könnten, verband mit den Techniken des aufwendigen Hollywoodkinos. „Der weiße Hai“ wurde sein erster unerwarteter und überwältigender Welterfolg. Damals war Spielberg 28 Jahre alt. Danach entwickelte er einen Großerfolg nach dem anderen, als Regisseur ebenso wie als Produzent („Zurück in die Zukunft“, „Roger Rabbit“). 1994 gründet er das Medienunternehmen „Dreamworks“ und wurde zum mächtigsten Mann Hollywoods. Heute arbeitet er manchmal an bis zu dreißig Projekten gleichzeitig – in seiner Produktionsfirma „Amblin“ sieht man ihn dann in fliegendem Wechsel zwischen mehreren gefüllten Konferenzsälen hin und her eilen. Sein ungebrochenes Streben nach Geld, Macht und Geltung ist für Spielberg aber vor allem ein Streben nach künstlerischer Freiheit: Das auf etwa 2,7 Milliarden Dollar bezifferte Vermögen ermöglicht ihm die Realisierung riskanter Wunschprojekte wie seinen demnächst geplanten Film über das Olympia-Attentat von 1972. Spielberg ist aber nicht nur der erfolgreichste, sondern auch einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte. Kein anderer hat das kollektive Gedächtnis mit derart vielen Einfällen bereichert wie er, weshalb seine Verehrer in ihm den „Homer Amerikas“ sehen, der dem Kino seine Unschuld zurückgab. Für seine Kritiker dagegen ist er der Auslöser eines Trends, der Hollywood heute fester im Griff zu haben scheint als jemals zuvor: die Infantilisierung des Kinos.

DAS KIND IN IHM SEI IMMER NOCH DA, SAGEN VIELE ÜBER SPIELBERG. WELCHE ROLLE SPIELT SEINE KINDHEIT IN SEINER ARBEIT?

Viele große Filmemacher pflegen biografische Legenden von Schmerz und Hoffnung in ihrer Kindheit und wie sie auf das eigene Schaffen wirken. Spielberg wuchs wohlbehütet in einer amerikanischen Mittelstandsfamilie auf, doch das Trauma liegt unter der Oberfläche verborgen. Seine Eltern zerrieben sich in jahrelangem Ehekrieg. Als sich der Ingenieur Arnold und die Pianistin Leah Spielberg schließlich scheiden ließen, war Steven zwar schon siebzehn, doch der Streit der Eltern, dem er zu entkommen hoffte, indem er nasse Handtücher in den Türspalt stopfte, hatte längst Spuren hinterlassen. Das stetig wiederkehrende Motiv der unvollständigen oder gestörten Kernfamilie gipfelt in Spielbergs Adaption von Stanley Kubricks „A.I.“: Dem Roboterjungen „David“ pflanzt er eine kleinbürgerliche Muttersehnsucht von wahrhaft monströsen Dimensionen ein. Auch in seinem neuesten Film „Krieg der Welten“ wird es darum gehen, wie ein Vater seine Familie zusammenhält, am Vorabend der Menschheitsausrottung.

Spielberg war ein überaus ängstliches Kind. Immer wieder erzählt er von jener Nacht, als ihn sein Vater aus dem Schlaf holte und mit ihm schweigend in die Nacht heraus fuhr – eine Begebenheit, die den Jungen mit tiefem Horror erfüllte. Erlöst wurde er erst vom Zauber des Meteoritenhagels, zu dessen Besichtigung der Vater ihn entführt hatte. Was aus dem All kommt, seien es Lichterscheinungen, seien es Außerirdische, ist in Spielbergs Welt seither fast immer gutmütiger Natur. Das Erwachen des Kindes in der Nacht wurde zur Schlüsselszene des Spielberg-Kinos – etwa in der Fortsetzung seines Dino-Schockers „Vergessene Welt“, als draußen im Vorstadt-Gärtchen sich dräuend die Bestie reckt und der Junge drinnen das macht, was auch Spielberg einst tat: Er nimmt die Kamera und bannt die Angst, indem er sich auf die andere Seite der Linse begibt. Von Beginn an, sagt Spielberg, sei das Filmemachen für ihn Angsttherapie und Aufarbeitung seiner Traumata gewesen.

GIBT ES ETWAS FÜR IHN NEBEN DEM FILM?

Steven Spielberg ist ein Filmbesessener. Früher gab es daneben nichts, heute höchstens noch eins: seine Familie – ein Sohn aus erster Ehe mit der Schauspielerin Amy Irving, drei Töchter mit seiner jetzigen Frau Kate Capshaw sowie drei weitere Adoptivkinder. Film- und Familienunternehmen gehen allerdings fließend ineinander über. Spielberg hat sich von „Dreamworks“ zusichern lassen, das Werksgelände pünktlich zum familiären Abendessen verlassen zu dürfen – doch auch an der Familientafel führt er dann den väterlichen Vorsitz über ein gemeinsames Ritual des Geschichtenerzählens. Dabei wirft er eine Idee in die Runde, reicht sie dem Kind neben sich, welches ein paar Zeilen hinzufügt und sie dann zum nächsten weitergibt – so geht es reihum, bis Spielberg selbst das Flickwerk zu einem Crescendo führt, das mal traurig, mal komisch endet. Bislang ist wohl noch keine dieser Geschichten verfilmt worden. Doch Spielbergs sieben Kinder sind die wichtigste Prüfinstanz, wenn es um „Dreamworks“ nächste Träume geht. Denn nach wie vor produziert Spielberg vor allem für die 13- bis 29-Jährigen, mit denen er seine Vorlieben teilt: Filme, Fernsehen, Computerspiele und Fast Food.

WAS WILL SPIELBERG BEWIRKEN?

Wie eine Viehherde, sagte der junge Spielberg einmal, wolle er sein Publikum vor sich her treiben mit einem elektrischen Stock – er ist ein Manipulator wie vor ihm nur Alfred Hitchcock. Ob es ein Lastwagen war, ein weißer Hai, eine Riesenechse oder ein Poltergeist, Spielberg wollte nur eins: dem Publikum, das ihm in der Dunkelheit des Kinosaals ausgeliefert ist, einen ordentlichen Schrecken einjagen. Die 60er Jahre, Vietnam und Watergate, Mode, Drogen, Beatles – all das, was andere Filmemacher seiner Generation tief prägte, rauschten vorbei an dem jungen Mann, der zu dieser Zeit fürs Fernsehen arbeitete und ganz versunken war in Objektiven, Blenden und Drehbüchern.

Das änderte sich, als 1985 sein Sohn Max zur Welt kam. Die neue Lebenssituation führt zum späten Bekenntnis zur bislang verdrängten jüdischen Identität – über ein Dutzend seiner Verwandten sind im Holocaust umgekommen. Mit dem Reingewinn des Filmes „Schindlers Liste“ gründete Spielberg die Shoah-Foundation, die mittlerweile 50 000 Lebensgeschichten von KZ-Überlebenden auf Video aufgezeichnet und in einer Datenbank archiviert hat. Diese Lebensaufgabe, nicht seine Filme, bezeichnet Spielberg als sein wichtigstes Werk. In der amerikanischen Öffentlichkeit zeigt sich Steven Spielberg als linker Patriot, der zu Clintons Zeiten im obersten Stockwerk des Weißen Hauses nächtigen durfte und sich später offen für den Präsidentschaftskandidaten John Kerry einsetzte. Doch er legt Wert darauf, politische Ansichten von seinen Filmen fernzuhalten. Auch „Schindlers Liste“ und der Kriegsfilm „Der Soldat James Ryan“ sind weniger historische oder politische Filme im engen Sinne als Moralgeschichten von Menschen, die sich in übermächtigen Situationen vor eine Entscheidung gestellt sehen: Wie bleibt man gut in einer Welt des Bösen? Spielberg hat sich zum Humanisten gewandelt, der in der US-Presse mit leisem Spott „Sankt Steven“ genannt wird. Die Lust am Schrecken hat er darüber allerdings nicht verloren.

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