Zeitung Heute : Wer ist Thilo Sarrazin?

Ulrich Zawatka-Gerlach

WIE SPARSAM IST SARRAZIN?

Spontankäufe vermeiden, nichts auf Pump anschaffen, immer zehn Prozent weniger ausgeben als einnehmen, zu Aldi gehen und „last minute“ reisen – das sind Ratschläge, die Berlins Finanzsenator zu Beginn seiner Amtszeit gern verbreitete. Für Thilo Sarrazin gilt, privat und beruflich: Sparsamkeit ist kein Selbstzweck, aber ein wirksames Instrument, um aus vorhandenen Mitteln möglichst viel zu machen. Als er im Januar 2002 Finanzsenator wurde, stand sein Urteil schnell fest: Das Land Berlin lebt über seine Verhältnisse.

Gleich in den ersten zwei Haushaltsjahren setzte Sarrazin Einsparungen von fast 600 Millionen Euro durch. Das gesamte Sanierungsprogramm für die Hauptstadt, dass er bis zum Ende der Wahlperiode erkämpfte, wird langfristig mehr als zwei Milliarden Euro einsparen. In die laufenden Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und Linkspartei/PDS kam er mit neuen Giftlisten, um eine weitere Milliarde aus dem Etat zu kürzen. Damit kam er vorerst nicht durch, aber er hat einen langen Atem.

Da Sarrazin gern in Bildern denkt, nicht nur in Zahlen, vergleicht er die Haushaltskonsolidierung in Berlin mit der Belagerung einer mittelalterlichen Stadt. „Es bedarf mehrerer Angriffswellen, bis die Mauern erklommen sind. Die ersten, die die Festung erstürmen, bekommen besonders viel Pech und Schwefel ab.“ Ritter Sarrazin – seine Waffen sind, neben einem unerschöpflichen Fundus von Tabellen und Grafiken, ein britisch-schwarzer Humor, Arbeitswut, Hartnäckigkeit und 30 Jahre Berufserfahrung. Im Bundesfinanzministerium, beim Internationalen Währungsfonds in Washington, als Finanzstaatssekretär in Rheinland-Pfalz, als Chef der Treuhandliegenschafts GmbH und BahnManager. An der deutsch-deutschen Währungsunion 1990 war er federführend beteiligt. Was wären Sie denn gern, Herr Sarrazin, wenn Sie nicht Finanzsenator wären? „Chef eines erfolgreichen Unternehmens.“

WELCHES VERHÄLTNIS HAT ER ZU KLAUS WOWEREIT?

Ein grundsätzlich Gutes. Wowereit war, bevor er SPD-Fraktionschef und dann Regierender Bürgermeister wurde, selbst ein beinharter Haushaltspolitiker. Einer, der jeden Winkel im Landesetat ausfindig machte, in dem noch Geld gebunkert war. Die Vorgängerin Sarrazins, die saarländische SPD-Frau Christiane Krajewski, gab nach einem halben Jahr auf, weil Wowereit ihr ständig ins Ressort hineinregierte. Das klappt bei Sarrazin nicht. Da ist auch Wowereit inzwischen in der Rolle des Lernenden, der sich auf die Zahlenwerke des Finanzsenators weitgehend verlässt, auch wenn er dessen radikale Sparvorschläge nur teilweise für politisch umsetzbar hält.

Es ist jedenfalls ein Verhältnis auf Augenhöhe. Einer braucht den anderen und Sarrazin schätzt an Wowereit dessen „manchmal etwas zynischen Humor, seine brutale Direktheit und den raubtierähnlichen Instinkt“. Zurzeit aber ist der Finanzsenator mindestens irritiert und fühlt sich in den Koalitionsverhandlungen mit der PDS nicht mehr hinreichend unterstützt.

WIE SOZIALDEMOKRATISCH IST THILO SARRAZIN?

Es war ein linker Vordenker der SPD, ein Kämpfer für den demokratischen Sozialismus, dessen Engagement und Visionen den (mit magna cum laudae) frisch promovierten Volkswirt Sarrazin beflügelte, 1973 Sozialdemokrat zu werden. Peter von Oertzen leitete damals die innerparteiliche Programmkommission, die das politische Konzept für die nächsten zehn Jahre absteckte. „So viel Wettbewerb wie möglich, so viel Planung wie nötig“ hieß einer der neuen Leitsätze. „Keine Partei wagte es damals, so weit in die Zukunft zu schauen“, begründet Sarrazin heute seinen Parteieintritt.

Manche linke Genossen halten ihn zwar für einen verkappten Wirtschaftsliberalen, doch genießt Berlins Finanzsenator eine parteiübergreifende Anerkennung und ist bei den Unternehmensverbänden ein gern gesehener Gast. Es stimmt auch nicht, dass Sarrazin den Sozialstaat wegsparen will. Er will einen starken Staat, der seine Kernaufgaben aber wirtschaftlich wahrnimmt und die richtigen Prioritäten setzt. „Wir haben kein Geld – das werden Sie von mir nicht hören“, hat er kürzlich gesagt. Es soll aber effektiv eingesetzt werden und nur denen zugute kommen, die es nötig haben.

Das ist jedenfalls nicht un-sozialdemokratisch gedacht. Er besucht auch gern jede SPD-Parteiveranstaltung, wenn er dort seine Powerpoint-Folien mitbringen und erklären darf. Das ist übrigens auch ein Grund, warum der frühere Bundesfinanzminister Hans Matthöfer, sozialdemokratisches Urgestein, zu Sarrazins Vorbildern gehört. 1981 wurde er Matthöfers Büroleiter. „Er hat mir den Umgang mit solchen Folien beigebracht, und wie man sie am besten strategisch einsetzt.“ Wenn Sarrazin ab und zu im Restaurant „Piccolo“ in der Reinhardtstraße sitzt, wo sich Sozialdemokraten gern zum Kungeln treffen, freut er sich über die alten Schwarzweiß-Bilder an den Wänden, die die Politprominenz der Bonner Republik zeigen. „Tolle Fotos!“

WAS HAT ER NOCH VOR?

Sarrazin, 61 Jahre alt, in Gera geboren und in Recklinghausen, am Rand des Ruhrgebiets aufgewachsen, wird für den Rest seines beruflichen Lebens keine hochfliegenden Pläne mehr haben. Als er 2002 vom Abgeordnetenhaus mit knapper Mehrheit ins Amt gewählt wurde (einige SPD-Frauen verweigerten ihm die Stimme, weil sie eine Senatorin wollten), prophezeite der Ex-Finanzsenator Peter Kurth (CDU): „Der hält kein Jahr durch.“ In der SPD-Fraktion, ganz zu schweigen von der Linkspartei, machte sich Sarrazin so manchen Genossen tatsächlich zum Feind. Doch seine sachkundige Beharrlichkeit – und der Sparerfolg natürlich – haben letztlich dazu geführt, dass er bis jetzt als unentbehrlich für Rot-Rot galt. Der Senator selbst hat in schwierigen Situationen parteiintern signalisiert: Ich lasse mich von niemandem hinauswerfen, ich gehe höchstens selbst.

Das könnte passieren, sollten SPD und PDS im Koalitionsvertrag, der jetzt ausgehandelt wird, die Haushaltskonsolidierung für weitgehend entbehrlich erklären. Dann wäre Sarrazin am falschen Platz. Bleibt er Finanzsenator, wird er in der neuen Wahlperiode unweigerlich das Pensionsalter erreichen – und danach vielleicht noch ein Buch schreiben? Eines über den Euro, „Chance oder Abenteuer“, hat er schon verfasst.

Vielleicht intensiviert er aber auch nur die Gartenarbeit in seinem Haus in Westend. Oder er geht seinem eigentlichen Hobby nach, der Lektüre britischer und amerikanischer Literatur, vom Krimi bis zur historischen Abhandlung. Musik hört er selten, die stört ihn beim Lesen. Doch vorerst ist davon auszugehen, dass er nicht sehnsuchtsvoll an die Rentenzeit denkt. Carpe diem, das ist sein Lebensmotto. „Wenn man jeden Tag zufrieden ist“, sagt Sarrazin, „kann das Leben kein Fehlschlag werden.“

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