Zeitung Heute : Wer ist Thomas Enders?

Bernd Hops

WIE IST THOMAS ENDERS AN DIE SPITZE DER EADS GEKOMMEN?

Enders hat nicht den direkten Weg genommen. Volkswirtschaft hat er nur im Nebenfach studiert. Und Manager deutscher Unternehmen haben selten ihren Hauptabschluss in Geschichte und Politik gemacht. Die Jobbesetzung machen vor allem Juristen und Betriebswirte unter sich aus. Dass die Chancen auf eine Wirtschaftskarriere mit seiner Fächerkombination gering waren, war Enders bewusst. Etwas neidisch guckte er auf Studienkollegen in den USA, die eine wesentlich offenere Kultur in den Unternehmen pflegen und wo Geisteswissenschaftler auf jeden Posten gelangen können. Seine ersten Posten deuteten auch eher auf eine Karriere in Politik oder Forschung. Dass er nach der Arbeit als Assistent im Bundestag, als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Adenauer-Stiftung, bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sowie zwischenzeitlich in London beim International Institute for Strategic Studies schließlich beim Planungsstab des Verteidigungsministeriums in Bonn landete, war noch nachvollziehbar. Zumal er auch nach dem Wehrdienst den Kontakt zur Bundeswehr gehalten hatte. Er ist Major der Reserve, was ihm den Spitznamen „Major Tom“ einbrachte, und leidenschaftlicher Fallschirmspringer. Bis heute hat er mehr als 1000 Sprünge absolviert. Seine Frau bekam als Hochzeitsgeschenk einen Fallschirmspringerkurs.

Als sich Ende 1991 die Chance bot, in die Wirtschaft zu gehen, griff Enders sofort zu und wechselte zu MBB beziehungsweise DASA, der Luftfahrtsparte des Daimler-Konzerns. Dort wollte man einen Experten, der eine eigene Sicht auf die Entwicklung der Rüstung hatte, um unabhängiger von den Einschätzungen der Militärs zu werden. Und wo er schon einmal in einem Unternehmen war, nutzte er die Möglichkeiten zum Aufstieg.

„Er ist sehr hart gegen sich selbst, analysiert messerscharf, hat aber auch einen guten Humor“, erzählt ein Mitarbeiter. Ein anderer sagt, dass Enders auf viele kalt wirke wegen seiner gradlinigen, vernünftigen Art. „Das ist er aber nicht.“ Enders wühlt sich durch Akten und hat ein Gefühl für Zahlen. Außerdem ist er ein Freund offener, manchmal harscher Worte. Er spricht aus, wenn etwas schief gelaufen ist, verträgt aber Kritik auch gut, wenn sie mit überzeugenden Argumenten gestützt wird. „Enders ist ein Chef, der aus eigenen Fehlern lernt und den Grund nicht bei anderen sucht“, heißt es im Umfeld. „Und dem Unternehmen tut es gut, wenn einer sagt, was Sache ist.“

1995 wurde Enders zum Leiter des Büros des Dasa-Vorstandschefs, danach Direktor für Unternehmensentwicklung und Technologie. Als im Jahr 2000 die EADS aus der Fusion von Dasa und der französischen Aérospatiale-Matra entstand, rückte Enders in den Vorstand des Gemeinschaftsunternehmens auf und verantwortete dort den Rüstungsbereich, den er strategisch voran brachte. Als dann 2005 die alte Doppelspitze bei EADS ersetzt werden musste, war Enders die erste Wahl für die deutsche Seite, während Noël Forgeard als Chef des Flugzeugbauers Airbus, dem größten EADS-Bereich, von französischer Seite als gesetzt galt. Die schwere Krise, in die der Konzern durch die Probleme beim ambitionierten Superjumbo A380 geraten ist, führte zum Rücktritt Forgeards, während Enders Position nie in Gefahr geriet.

Trotz der steilen Karriere ist Enders kein abgehobener Manager geworden. Er wird von vielen weiterhin als bodenständig empfunden. Freunde sagen, Enders sei strebsam, aber kein Karrierist – die idealtypische Verkörperung der protestantischen Arbeitsethik. „Sein Haus ist keine Vorstandsvilla“, heißt es außerdem. Und im EADS-Gästekasino in München setzte er – kaum auf dem Chefposten angekommen – durch, dass die Menüliste geändert wurde. „Bis dahin gab es nur Mahlzeiten mit schönen Namen und kaum etwas auf dem Teller“, erzählt ein Mitarbeiter. Enders brachte Linsensuppe und Leberkäse zurück auf den Speiseplan. Wenn er außerdem die Wahl hat zwischen einem Wein oder einem Bier, dann entscheidet er sich meist für das Bier. „Mit Kunst und Kultur kann man ihn jagen“, erzählt ein Weggefährte. Spaß habe er an Geschichte und an Sport.

Für großen Pomp hat Enders kaum Verständnis. Als Forgeard im vergangenen Sommer zurücktrat, wurde am französischen Airbus-Standort Toulouse ein luxuriöses Büro frei. Seitdem gibt es – auf Wunsch von Enders – ein schönes Besprechungszimmer für alle mehr.

WELCHE ROLLE SPIELT ER IM KAMPF UM STANDORTE IN DEUTSCHLAND?

Viele Etiketten werden Enders angeheftet: „Atlantiker“, „Europäer“, „Patriot“. Enders weiß, dass die Vertretung deutscher Interessen für ihn als Teil der Doppelspitze seine „natürliche Aufgabe“ ist. Darin sieht er auch den Sinn des geteilten Chefpostens: Schwierige nationale Themen, die in dem sorgsam machtpolitisch austarierten Unternehmen auftauchen, können sofort auf höchster Ebene gelöst werden. Ein Ziel dominiert für Enders allerdings über alle anderen Dinge: Er will die Firma voran bringen. Dafür legt er sich mit allen an. Als der britische Verteidigungsminister mit dem Entzug von Rüstungsaufträgen drohte, sollten die dortigen Airbus-Werke vom Sparprogramm „Power 8“ zu stark betroffen sein, wies Enders ihn scharf zurecht. Als Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) eine ähnliche Drohung aussprach, machte Enders ihm ebenfalls klar, dass solch eine Drohung nichts zur Lösung der Probleme beiträgt. Am 20. Februar sollen die Details zu „Power 8“ feststehen. „Enders würde nie die patriotische Karte ziehen, wenn dies für die Unternehmensentwicklung schädlich wäre“, erklärt ein Freund. Er sei auf eine völlig unsentimentale Art sehr patriotisch.

WIE POLITISCH IST ENDERS?

„Er ist für politische Diskussionen immer offen“, sagt ein langjähriger Wegbegleiter über Enders. Die historische Einordnung ist ihm sehr wichtig. Deshalb ist für Enders der Job an der EADS-Spitze mehr als ein lukrativer Arbeitsplatz. „Er will fortführen, was andere vor Jahrzehnten angefangen haben.“ EADS ist die Verkörperung eines Europas der Kooperation. Persönlich steht Enders den Christdemokraten nahe. In seiner Jugend war er links orientiert. Doch als er Ende der 70er Jahre zum Bund ging und Fallschirmjäger wurde, wurde er dafür angegiftet. „Das hat ihn schwer enttäuscht“, erzählt ein Freund. Während des Studiums war Enders beim CDU-nahen RCDS aktiv und wurde von der ebenfalls CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert. Durch seine Zeit im Bundestag und im Ministerium hat Enders in der Praxis gelernt, wie politische Prozesse ablaufen. Das kommt ihm bei der politisch aufgeladenen EADS zugute. Außerdem ist Enders Vorsitzender des Vereins Atlantik-Brücke, der sich für eine bessere Verständigung zwischen Deutschland und den USA sowie Kanada einsetzt.

WELCHE VISION HAT ER FÜR EADS?

Enders Wunsch ist es, dass EADS irgendwann nicht mehr als europäisches Unternehmen gesehen wird, sondern als globales. Er lehnt den nationalen Proporz bei der EADS eigentlich ab. „Wenn er die Möglichkeit sehen würde, ihn abzuschaffen, würde er sie sofort ergreifen“, ist man sich in seinem Umfeld sicher. Doch ihm als Realist ist klar, dass es noch lange nicht so weit ist. Dafür versucht er, das Unternehmen zu verbreitern. In seiner Zeit als Rüstungsvorstand holte er die spanische CASA mit in den Konzern. Außerdem sind ihm gute Beziehungen zu den USA wichtig, schließlich ist Nordamerika ein wichtiger Absatzmarkt für Personenflugzeuge – aber vor allem auch der mit Abstand größte Rüstungsmarkt der Welt. Alle EU-Länder geben zusammen nicht so viel Geld für Rüstung aus wie die Amerikaner. Enders versucht die EADS deshalb mit Hilfe von Kooperationen und wenig spektakulärer, aber zentraler Aufträge in den USA zu etablieren. Darüber hinaus hat EADS – vor allem durch die Tochter Airbus – Russland, China und Indien im Blick. Trotz seiner klaren Vorstellungen, wie es mit dem Konzern weitergehen sollte, klebt Enders nicht an seinem Posten. „Als er Vorstand wurde, wusste er schon, dass man in dieser Position oft bei großen Fehlern bleiben, bei der kleinsten Kleinigkeit aber zum Abgang gezwungen sein kann“, erzählen Freunde. „Da ist er absolut stoisch. Würde er morgen fliegen, würde man von ihm garantiert kein böses Wort hören.“

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