Zeitung Heute : Wer ist Tony Blair?

Markus Hesselmann[London]

IN DER KOMMENDEN WOCHE WILL SICH DER BRITISCHE PREMIERMINISTER ZU SEINEM RÜCKTRITT ERKLÄREN. WAS BLEIBT VON ZEHN JAHREN BLAIR?

Krieg und Frieden. Tony Blair ist für die Briten vor allem der Mann, der das militärische Fiasko im Irak zu verantworten hat. Hinter den dauerhaft schlechten Nachrichten vom Golf verblassen die Erfolge der zehnjährigen Amtszeit Tony Blairs. Einer aktuellen Umfrage zufolge glauben 69 Prozent der Briten, dass Blair vor allem wegen des Iraks in Erinnerung bleiben wird. Dabei hat der Premier einiges vorzuweisen: sein Engagement als Friedensstifter in Nordirland zum Beispiel. Der britische Premier hat maßgeblich zur Einigung der protestantischen und katholischen Hardliner beigetragen. Wenn der protestantische Prediger Ian Paisley und Gerry Adams, Chef der Partei Sinn Fein, einst politischer Arm der Irisch Republikanischen Armee (IRA), sich am 8. Mai anlässlich der Regierungsbildung in Belfast feiern lassen, dann ist das auch Tony Blairs Verdienst.

Über die Jahre gelang es ihm, die linken Nationalisten von Sinn Fein, denen ihre militanten IRA-Genossen im Nacken saßen, immer wieder an den Verhandlungstisch zu bringen. Das brachte Blair allerdings auch Kritik ein. Sein langjähriger Wegbegleiter und früherer Nordirland-Minister Peter Mandelson, inzwischen EU-Kommissar, warf Blair unlängst sogar den Ausverkauf an Sinn Fein vor. Doch der Erfolg gibt Blair recht. In Nordirland konnte er seine Stärken ausspielen: Charme, Menschenkenntnis, persönliches Engagement.

Damit hat er nicht nur Frieden in Nordirland erreicht: Wohl nur einem charmanten Machiavellisten wie Blair konnte es gelingen, die Labour-Partei radikal auf Reform zu trimmen. Blair drängte den lähmenden Einfluss der Gewerkschaften zurück und machte die einstige stramme Arbeiterpartei für die Mittelschichten wählbar. Auch das bleibt von Blair – und der Ruf des Reformers könnte das Bild des Kriegstreibers auf längere Sicht sogar wieder überlagern. Tony Blair steht mit seinem Schatzkanzler und designierten Nachfolger Gordon Brown für eine Ära der wirtschaftlichen Erfolge mit einem anhaltenden Boom in London und geringer Arbeitslosigkeit im ganzen Land. Im Moment aber zählt nur der Irak. Selbst die lokalen und regionalen Wahlen in England, Schottland und Wales wurden jetzt von dem Thema bestimmt. Und so bleibt von Tony Blair auch noch in Erinnerung, dass er die einst unangefochtene Hochburg Schottland für Labour verloren hat.

WARUM MÖGEN IHN DIE BRITEN NICHT MEHR?

In einer Vitrine im schottischen Parlament in Edinburgh ist ein wichtiges Dokument der Ära Blair ausgestellt: der „Act of Scotland“. Mit diesem Gesetz gestand die Labour-Regierung schon bald nach ihrem Amtsantritt den Schotten mehr Autonomie zu. Das Parlament in Edinburgh wurde auf dieser Grundlage 1999 ins Leben gerufen. Über den persönlichen, einführenden Worten des Premiers ist auf dem Schriftstück ein Foto zu sehen: ein Porträt des Politikers als junger Mann. Tony Blair, braun gelockt, so gar nicht grau wie in diesen Tagen. Mit großen dunklen Augen blickt er in die Kamera, ganz „Bambi“, wie Blair in den ersten Jahren seiner Amtszeit genannt wurde.

Können diese Augen lügen? Sie können, davon sind viele Briten inzwischen überzeugt. Weil Blair mit den Amerikanern als Rechtfertigung für den Irakkrieg die Mär von Saddams Massenvernichtungswaffen verbreitete, wurde aus dem treuherzigen Jungen ein professioneller Lügner: Blair, the Liar. „From Bambi to Bliar“ – so überschreibt das angesehene Politik- und Wirtschaftsmagazin „Economist“ seinen politischen Nachruf auf Tony Blair. Aus dem Respekt für Blairs politisches Geschick wurde der Argwohn über den „Spin“, die zweifelhafte Kunst, Worte zu verdrehen, Nichtigkeiten aufzubauschen, unangenehme Wahrheiten zu verbrämen. Auch die Schotten haben es Blair am Ende nicht gedankt: Ein knappes Jahrzehnt nach dem „Act of Scotland“ haben sie die separatistische „Scottish National Party“ zur stärksten Partei im Parlament von Edinburgh gemacht. Sie wollen die Autonomie bis zur Unabhängigkeit vorantreiben. So hat sich der Premier das damals nicht vorgestellt.

WAS MACHT SEIN NACHFOLGER ANDERS?

Gordon Brown ist den meisten Briten auch nach zehn Jahren als Schatzkanzler und zweiter Mann hinter Tony Blair immer noch ein Rätsel. Wofür steht dieser Mann, außer für eine durchaus erfolgreiche Finanzpolitik? Weil dies selbst seinen Parteifreunden nicht klar ist, rumorte es zuletzt bei Labour. Die Genossen fordern eine offene Diskussion über Inhalte, und immer wieder gibt es Gerüchte um einen prominenten Gegenkandidaten für Blairs designierten Nachfolger. Außenpolitisch würde Brown auf jeden Fall etwas mehr Distanz zu den USA guttun, ein vorsichtiges Überdenken der „special relationship“, zumindest solange die Republikaner in Washington regieren.

Entwicklungsminister Hilary Benn, ein Mann mit Ambitionen auch im kommenden Kabinett Brown, testete das Terrain unlängst in New York. Bei einer Rede dort distanzierte er sich von dem Kampfbegriff „War on Terror“, den Präsident George W. Bush und seine neokonservativen Gefolgsleute verwenden, um den Irakkrieg, die dauerhafte Militärpräsenz am Golf oder das Gefangenenlager Guantanamo zu rechtfertigen. Offenbar scheint auch Tony Blair am Ende seiner Amtszeit diesen vorsichtigen Schwenk zu unterstützen. „Das war eine sehr gute Rede“, sagte Blair über Benn.

WAS HAT ER JETZT VOR?

Ob er nun Kasse machen wolle, fragte ein britischer Journalist den Premierminister kürzlich in der Downing Street Nummer 10. Es war Blairs letzte Pressekonferenz in seinem Amtssitz, bevor er sein Rücktrittsdatum in der kommenden Woche bekannt gibt. Blair ging auf die freche Frage nicht ein. Doch aus der Sicht vieler Briten würde es zu ihrem „Spin“-Premier passen, wenn er möglichst bald nach seinem Abgang eine große PR-Maschine in Gang wirft, um seine Regierungszeit gewinnbringend zu vermarkten: Memoiren, Vorträge, Beraterjobs – das ganze lukrative Programm.

Tony Blair repräsentiert wie Gerhard Schröder oder Bill Clinton eine Generation vergleichsweise junger Politiker, die nach dem Ende ihrer Amtszeit noch voll im Leben stehen und von einem Rückzug ins Private oder einem würdevollen Dasein als Elder Statesman nicht viel halten. Blair wird am heutigen Sonntag gerade einmal 54 Jahre alt. Anders als Schröder, der sich für nichts zu schade ist, solange es Geld bringt, dürfte Blair in seinem zweiten Leben aber auf eine Mission aus sein.

Um seinen ramponierten Ruf zu verbessern, so spekulierte die Zeitung „Daily Telegraph“ in dieser Woche, wolle sich Tony Blair als eine Art Botschafter des guten Willens in der Dritten Welt umtun. Außerdem habe er vor, das große Geld, das er unzweifelhaft mit seinen Vorträgen verdienen wird, vor allem für wohltätige Zwecke auszugeben.

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