Zeitung Heute : Wer ist Wladimir Putin?

Claudia von Salzen

WAS HAT IHN GEPRÄGT?

So etwas hatte man selbst beim KGB noch nicht erlebt. Der Jugendliche, der an einem Sommertag das Gebäude des gefürchteten Geheimdienstes in Leningrad betrat, hatte nur eine Frage: „Wie werde ich KGB-Agent?“ Einen Hochschulabschluss brauche man dafür, am besten in Rechtswissenschaften, antworteten die KGB-Offiziere. Davon ließ der Junge sich nicht abschrecken. Drei Jahrzehnte später stand Wladimir Wladimirowitsch Putin an der Spitze des russischen Geheimdienstes, der sich nun FSB nannte. Knapp zwei Jahre danach war er Präsident.

Der junge „Wowa“ ist ein Aufsteiger, der es als Arbeiterkind bis an die angesehene juristische Fakultät in Leningrad geschafft hat – in der Sowjetunion war das ohne Beziehungen keine Kleinigkeit. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, in einer „Kommunalka“, einer Wohnung, die sich mehrere Familien teilten. Fließendes Wasser gab es nicht. „Ich bin ein Kind der Straße“, sagt Putin später. Dort müsse man stark sein, sich verteidigen. Auf der Straße gab es nur Gewinner oder Verlierer, Starke oder Schwache. Gefühle zu zeigen bedeutete, sich angreifbar zu machen. Kommt aus dieser Zeit jener undurchdringliche Blick, der Putin kalt wirken lässt?

Von allen Sportarten suchte sich der schmächtige Junge ausgerechnet den Kampfsport aus. Auch hier ging es darum, den Gegner zu besiegen, nicht nur mit Körperkraft, sondern vor allem mit taktischem Geschick. Es reichte ihm nicht, Judo zu lernen – er wollte perfekt sein. Perfektion erwartet er auch von anderen. Der Präsident, der seit seiner Zeit in Dresden fließend Deutsch spricht, korrigiert schon mal seinen Dolmetscher, wenn der nicht ganz korrekt übersetzt.

In seiner Autobiographie betont Putin, er habe sich beim KGB gegen die Hardliner aufgelehnt, die Dissidenten schikanierten. Doch als einen, der rebelliert, hat ihn keiner seiner Weggefährten geschildert. In diesem Staat im Staate kam er von Anfang an gut zurecht. Disziplin, Gehorsam, militärische Strukturen waren kein Problem für ihn. Sonst hätte er es kaum bis in die Auslandsaufklärung geschafft. Als „operativer Mitarbeiter“ sollte er in Leningrad westliche Ausländer für Spionage anwerben. Von der eigentümlichen Welt des Geheimdienstes aus verfolgte Putin den Beginn der Perestroika. In Dresden, wohin er 1985 zum lang ersehnten Auslandseinsatz versetzt wird, erlebt er den Fall der Mauer und den Zusammenbruch eines ganzen Systems.

WIE GROß IST SEINE MACHT WIRKLICH?

Der Premier, der 1999 in den Kreml einzog, war selbst politischen Insidern ein Rätsel. Er war keiner von denen, deren Gesicht man sich sofort einprägte, wenn man ihm in einer größeren Gruppe begegnete. Auftritte in der Öffentlichkeit musste er erst üben. Als er in einem seiner ersten Interviews als Präsident danach gefragt wurde, was er verändern will, antwortete er: Sage ich nicht. Die „Jelzin-Familie“, der Clan um den damals immer unberechenbarer werdenden Präsidenten, hatte Putin als Nachfolger ausgewählt, weil er ihnen loyal erschien. Noch so eine Marionette, dachte man in Moskau. Wer hätte gedacht, dass nur wenig später ein Personenkult um diesen Mann einsetzen würde?

Der Neue machte aus Jelzins Reich ein anderes Land. Die meisten Russen nahmen mit Erleichterung wahr, dass auf den geschwächten Jelzin ein Mann folgte, der Stabilität und einen starken Staat versprach. Putins Aufstieg ist eng mit dem Krieg in Tschetschenien verknüpft. In seiner Amtszeit als Premier zeichnete er sich durch markige Sprüche zu diesem Konflikt aus. An seinem ersten Tag als Präsident flog er in die Kaukasusrepublik – mitten im Krieg – und zeigte damit allen, dass er die Rebellen nicht fürchtete.

Der neue Präsident gab der Zentralregierung in Moskau mehr Macht. Die Gouverneure in den Provinzen sahen sich um ihren Einfluss gebracht. Im Kreml saß nun einer, der um jeden Preis die Kontrolle behalten wollte. „Gelenkte Demokratie“nannte er das. Was das bedeutete, bekamen die Medien zu spüren. Auch Jelzin hatte sich oft über kritische Berichte geärgert, aber nie versucht, die Pressefreiheit einzuschränken. Putins Toleranzgrenze ist niedriger.

Vertrauen brachte der Präsident vor allem denen entgegen, die er von früher kannte, die eine ähnliche Biographie hatten. Die meisten Posten gingen an Geheimdienstleute und Militärs. In Wirtschaftsfragen verließ er sich auf seine Petersburger Bekannten, die er als Vize von Bürgermeister Sobtschak kennen gelernt hatte. Und anfangs musste Putin es hinnehmen, dass Jelzins „Familie“ immer noch wichtige Posten besetzte. Mit taktischem Geschick hatte er jedoch ein Machtgefüge errichtet, in dem keine der drei konkurrierenden Gruppen zu stark werden konnte.

In den Schlüsselpositionen jedoch saßen stets die Geheimdienstler. Damit hat Putin seine Optionen selbst eingegrenzt. Denn was empfehlen solche Berater, wenn es um den Tschetschenien-Krieg geht? Wenn zu entscheiden ist, ob man Zugeständnisse an Geiselnehmer machen darf? Putin hat sich ein System aufgebaut, das seine Macht absichern soll – und ist doch in manchen Situationen ein Gefangener seiner eigenen Entscheidungen geworden.

WIE REAGIERT ER IN KRISEN?

Putin war noch nicht lange Präsident, als es zur Katastrophe kam: Die „Kursk“ sank, 118 Besatzungsmitglieder starben. Zumindest einige von ihnen hätten gerettet werden können, hätte der Staat schneller und beherzt reagiert und Hilfe von außen zugelassen. Das ganze Land war wie gelähmt. Und der Präsident? Fernsehbilder zeigten einen gut erholten Putin, der in seiner Urlaubsresidenz am Schwarzen Meer Gäste empfing – und lächelte. Kein Wort zur „Kursk“, tagelang. „Er war nicht fähig, Mitgefühl mit den eingeschlossenen Seeleuten und der trauernden Öffentlichkeit zu empfinden“, urteilt die Politologin Lilija Schewzowa. Hätte das in seinen Augen wie Schwäche ausgesehen? Im Umgang mit der Tragödie verfiel Putin in altbekannte, sowjetische Muster: so lange wie möglich ignorieren, so viel wie möglich verschweigen, nach Schuldigen suchen. Offenbar hatte er unterschätzt, wie das Unglück auf die Menschen in Russland wirkte. Sein hohes Ansehen war gefährdet. Erst nach einer Woche änderte er seinen Kurs und traf sich mit Angehörigen. Eine Geste, die Nähe zeigen sollte und doch zu spät kam.

Auch auf die nächste schwere Krise, das Geiseldrama im Moskauer Theater „Nord-Ost“, reagierte der Präsident lange mit Schweigen. Er entschied gegen Verhandlungen und für eine Stürmung des Gebäudes. 129 Geiseln starben. Es galt die sowjetische Maxime, wonach der Staat alles, das Leben des Einzelnen nichts sei. Angehörige und Medien erhoben schwere Vorwürfe. In einer Fernsehansprache wandte Putin sich dann direkt an die Familien und schlug neue Töne an: „Wir konnten nicht alle retten. Vergeben Sie uns.“

War das eine Wende in Putins Umgang mit Krisensituationen? Nach der Geiselnahme von Beslan geht er auf die Gefühle der schockierten Öffentlichkeit nicht ein. Wieder steht da ein wie versteinert wirkender Putin, verharrt unbeweglich vor einer holzvertäfelten Wand, neben der russischen Fahne, und blickt starr geradeaus. Nicht einmal eine Andeutung von Emotionen. Die Geiselnahme in Beslan war vielleicht die bisher schwierigste Situation in Putins Präsidentschaft. „Noch nie war er so angespannt wie jetzt“, sagt der Putin- Biograph Alexander Rahr. Der Präsident, der versprochen hat, das Leben der Geiseln zu schützen, steht vor den Trümmern des eigenen Krisenmanagements.

WOHIN WILL ER RUSSLAND BRINGEN?

Zweimal hat Putin die Welt überrascht. Nach dem 11. September stellte er sich mit unerwarteter Deutlichkeit an die Seite der USA. Dabei musste er sich auch gegen Hardliner im eigenen Land durchsetzen. Die zweite Überraschung gelang Putin, als er sich im vergangenen Jahr gemeinsam mit Deutschland und Frankreich vehement gegen einen Irakkrieg aussprach. War das ein zweiter Kurswechsel in seiner Politik, eine Abkehr von den USA? Die Beziehungen zu Washington waren zuvor merklich abgekühlt. Auch das ist einer der Gründe dafür, warum sich Putins Russland den Europäern näherte – mit der Unterstützung seines engsten Partners Deutschland.

Ist der russische Präsident also ein „Westler“, der sein Land ähnlich konsequent nach Europa geführt hat wie einst Peter der Große? Putin geht es aber nicht um eine Wertegemeinschaft mit Europa, sondern um eigene Interessen: In der Annäherung an Europa sieht der Präsident vor allem eine Stärkung seines Landes, das in der Weltpolitik wieder mitreden will. Spätestens mit der EU-Osterweiterung wird allerdings deutlich, wie anfällig diese Partnerschaft zwischen Brüssel und Moskau noch ist. Putin hält sich derweil alle Optionen offen, auf Europa festlegen will er sich nicht. Das hat er in den vergangenen zwei Jahren gezeigt, als er sich plötzlich den Gus-Staaten zuwandte und die Ukraine oder die Staaten in Zentralasien umwarb. Zugleich ist das ein Signal an die Europäer, sich des russischen Freundes nicht allzu sicher zu fühlen.

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