Zeitung Heute : Wer ist Zinédine Zidane?

Er wird als Held verehrt – und von Frankreichs Politikern gerne vereinnahmt. Dabei will er nur ein Fußballer sein, dessen Genie die Welt verzückt

Armin Lehmann

ZINEDINE ZIDANE KÖNNTE FRANKREICH HEUTE ABEND ZUM ZWEITEN MAL ZUM WELTMEISTERTITEL SCHIESSEN. WIE WICHTIG IST ZIDANE FÜR SEIN LAND?

„Zizou, président!“ Dieser Schlachtruf seiner Anhänger sagt schon einiges aus über Zidanes Bedeutung. Eigentlich stammt der Spruch von 1998, als Zizou, die weiße Katze, wie sie Zidane nennen, Frankreich zum ersten Mal zum Titel führte. Damals gab es noch andere Bezeichnungen für das Genie: „Zidane, Herr der Welt“, „Zidane, Kopf und Beine Frankreichs“. Jacques Chirac, Frankreichs Staatspräsident, wollte nach dem Titelgewinn Zidanes Hand gar nicht mehr loslassen. Bei der Siegesfeier auf der Bühne an den Champs-Elysées musste Chirac Zidane dann sogar fast zwingen, ein paar Worte zum Volk zu sprechen. Leise und zurückhaltend dankte Zidane der Mannschaft, das war’s. Präsident, Herr der Welt, alles schön und gut. Nur Zidane will nichts von dem sein, und niemals würde er freiwillig eine solche Bezeichnung zulassen.

Damals wurde viel hineinanalysiert in den Erfolg der 98er Elf, in einer Redewendung hieß es: „Black, Blanc, Beur“, was frei übersetzt in etwa „Schwarz-Weiß-Kaffeebraun“ heißt. „Beur“ bezeichnet dabei die maghrebinischen oder nordafrikanischen Einwanderer. All diese Hautfarben waren in der Mannschaft vertreten, repräsentierten die Volksgruppen Frankreichs. Hinzu kam, dass die meisten Spieler aus den armen Vororten stammten. Wie auch Zidane. „Black, Blanc, Beur“ sollte den angeblichen Siegeszug der französischen Integrationspolitik beschreiben. Aber selbst wenn Zidane heute mit Frankreich erneut Weltmeister werden sollte, ist die Überfrachtung seiner Person mit politischer Bedeutung so falsch wie damals, „eine Illusion“, wie es der Politologe Andreas Merx ausdrückt. Zidane ist auf dem Platz eine Führungsperson, außerhalb ist er ein Schweiger, der sich für Kinder und Jugendliche engagiert. Sieben Jahre nach dem Titelgewinn zeigten die wochenlangen Krawalle in den Vorstädten Frankreichs im Herbst 2005, dass der Fußball keine gesellschaftlichen Probleme lösen kann. Als Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy die Jugendlichen als „Gesindel“ bezeichnete, äußerte sich Zidane nicht, dafür aber sein Freund Lilian Thuram. „Wenn Sarkozy meint, diese Jugendlichen sind Gesindel, dann bin ich auch Gesindel“, sagte Thuram, der selbst aus einer Banlieue, einer Vorstadtsiedlung stammt. Thuram wird nach der WM wohl in die Politik gehen, im Hohen Rat für Integrationsfragen ist er schon Mitglied. Zidane dagegen wird man nicht verantwortlich machen können, falls Staatspräsident Jacques Chirac, durch einen zweiten WM-Titel dieser alternden Mannschaft angespornt, seinen eigenen Renteneintritt hinauszögern und für eine dritte Amtszeit kandidieren will. Zidane ist wichtig für Frankreich, aber nur als Fußballer, der mit dem Titel 1998 Fußball erst als Volkssportart in Frankreich etabliert hat. Als politische Integrationsfigur taugt er nicht.

WAS MACHT IHN ALS FUSSBALLER SO BESONDERS?

Zunächst einmal hat er als Fußballer unglaubliche Geschichten geliefert. Diese Geschichten sind Legenden. Es gibt so viele, dass man sie kaum aufzählen kann. Deshalb ein paar zur Auswahl: Bei seinem Debüt in der Nationalmannschaft im August 1994 steht es 0:2 gegen Tschechien, Zidane wird eingewechselt und schießt zwei Tore. Im WM-Finale 1998 gegen Brasilien erzielt Zidane zwei Tore, ausgerechnet mit dem Kopf, und sagt: „Niemand hat damit gerechnet, wie ich die Tore mache. Ich auch nicht.“ Frankreich gewinnt 3:0. Im Halbfinale der EM 2000 steht es 1:1, es läuft die 117. Minute, und der Schiedsrichter gibt einen umstrittenen Handelfmeter. Es kommt zu Tumulten zwischen den Spielern, nur Zidane steht abseits und wartet. Dann schießt er Frankreich ins Finale. Der Fußballer Zidane hat ganz spezifische Stärken. Er schießt nicht nur entscheidende Tore, sondern kann ein Team führen. Er weiß instinktiv, worauf es ankommt, er kann, wie man sagt, ein Spiel lesen. Zidane kann nicht nur perfekt mit dem Ball umgehen, er steht auch immer dort, wo ihn der Gegner nicht haben will. Sein Stellungsspiel ist so genial wie seine Ballbehandlung. Es ist schwierig, Zidane vom Ball zu trennen, er schirmt ihn geschickt ab und kann sich trotz seines bärigen Körpers schnell drehen und Haken schlagen. Im Viertelfinale gegen Brasilien narrte der 34-Jährige gleich drei Gegner, es war eine der spektakulärsten Szenen Zidanes bei dieser WM. Wenn Zidane eine Schwäche hat, dann höchstens die, dass er zu häufig die Kontrolle verliert. Schon als Jugendlicher sah er oft die Gelbe oder Rote Karte – das ist bis heute so.

ZIDANE HÖRTE IM AUGUST 2004 ALS NATIONALSPIELER AUF, KEHRTE ABER ZURÜCK. WARUM TAT ER DAS?

Wenn man Zidane Böses wollte, könnte man sagen: aus Eitelkeit oder weil er nicht lassen konnte von der Droge Fußball. Vermutlich läge man mit dieser Theorie falsch. Sein bisheriges Verhalten als Spieler war viel zu untadelig und bescheiden. Er selbst hat angeblich zwei Erklärungen geliefert, die recht merkwürdig erscheinen. Die erste Erklärung ist wohl eher Kolportage: In einem Traum soll Zidane eine Stimme gehört haben, die ihm zur Rückkehr riet. Zidane lieferte jedenfalls, und das ist verbürgt, noch eine andere Erklärung: „Mein Bruder hat gesagt: Spiel wieder.“ Nicht auszuschließen ist, dass Zidane nur helfen wollte. Schließlich war Frankreich in Gefahr, die WM-Qualifikation zu verpassen. Allerdings wurde sein Entschluss begleitet von einer heftigen Medienkampagne gegen Trainer Raymond Domenech, der mit der von ihm verjüngten Mannschaft keinen Erfolg hatte. Bis Zidane zurückkam. Selbst wenn Frankreich heute Weltmeister werden sollte, Zidane und Domenech werden keine Freunde mehr. Denn der Nationaltrainer hatte nie darum gebeten, dass die „Alten“ um Zidane helfen sollten. Zidane kam ja nicht allein zurück, er fragte erst seinen Freund Lilian Thuram. Als der Verteidiger einwilligte, überredeten beide noch Claude Makelele und streiften sich das blaue Trikot über – trotz Domenech. Der durfte sich nicht einmal wehren, sonst hätte wohl die große Mehrheit in Frankreich seinen Rücktritt gefordert.

Übrigens gibt es noch eine letzte, scheinbar banale Erklärung für Zidanes Comeback, er hat sie gerade wiederholt: „Ich will noch einmal Weltmeister werden.“

AUSSERHALB DES SPIELFELDS GILT ZIDANE ALS INTROVERTIERT, AUF DEM PLATZ IST ER DIE ZENTRALE FIGUR. WIE PASST DAS ZUSAMMEN?

Es passt sehr gut zusammen. Fußball ist nun mal Zidanes Leben seit er 14 ist. In diesem Alter wurde er aufgenommen vom Fußball-Internat des AS Cannes. Zidane wollte eigentlich Postbote werden, aber weil seine Füße mit dem Ball sprechen konnten, wurde sein Beruf Fußballer. Diesen Beruf übt er diszipliniert, professionell und voller Leidenschaft aus. Er würde sich im normalen Leben selbst niemals in den Vordergrund spielen, aber auf dem Fußballplatz will er mit seinem Können und seiner Berufung die ganze Mannschaft mitreißen. Er ist das, was man einen geborenen Führungsspieler nennt.

Zidane ist aber auch ein Familienmensch. Schon im Internat haben ihm nach eigener Aussage seine Eltern und die vier Geschwister, davon drei Brüder, sehr gefehlt. Früh lernte Zidane auch seine heutige Ehefrau Véronique kennen, mit der er mittlerweile vier Kinder hat. Bis heute sind die Familie, die Brüder und seine Frau, Zidanes wichtigste Weggefährten außerhalb des Fußballs. Immer wieder hat er betont, dass er aufhört, um vor allem mehr Zeit für die Familie zu haben. Ohne das Okay seiner Frau wäre er auch niemals in die Nationalelf zurückgekehrt. Der Wunsch Zidanes, für die Familie und seine vier Kinder da zu sein, ist auch eine Antwort auf die Frage, wie wichtig er sich als Figur für Frankreich sieht: unwichtig. Deshalb wird er vielleicht sogar in Madrid bleiben. Seine Frau ist spanischstämmig, und in Madrid, sagt Zidane, fühle er sich sehr wohl. Er wird dann nicht mehr für die „Königlichen“ von Real spielen, die auch er zu den „Galaktischen“ machte. Er würde aber gern etwas für die Kinder- und Jugendabteilung von Real Madrid tun.

Sagt Zinédine Zidane, der Bescheidene.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben