• Wer jetzt nicht an Netzen strickt, könnte durch den Rost fallen Kontakte sind nicht umsonst – in jeder Hinsicht. Beispiele aus Berlin

Zeitung Heute : Wer jetzt nicht an Netzen strickt, könnte durch den Rost fallen Kontakte sind nicht umsonst – in jeder Hinsicht. Beispiele aus Berlin

Tina Kramhöller
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Netzwerker aus Leidenschaft. Alexander Wolf bringt für einen Monatsbeitrag von 74 Euro Unternehmer in seinem Deutschlandclub...

Die Krise ist da. Irgendwo da draußen in den Straßen Berlins. Alexander Wolf hat sie aber noch nicht gesehen, deshalb bleibt er vorerst gelassen. Sein Motto: „Wer gute Kontakte hat, braucht die Krise nicht zu fürchten“, denn der könne schneller an Informationen und Aufträge kommen. Wolf hat Kontakte – zu Botschaften, Banken, Institutionen und zu den Berliner Unternehmern. In seinem neu gegründeten Netzwerk, dem Deutschlandclub, will er ihnen die Angst vor der Krise nehmen. Gemeinsam ist man stark, allein nicht, so lautet die Devise.

Jeden Mittwoch von neun bis zehn Uhr versammeln sich deshalb die Mitglieder des Deutschlandclubs im Ludwig-Erhard-Haus um den großen Tisch von Initiator Alexander Wolf. Vor ein paar Wochen noch waren es 8, mittlerweile kommen um die 40. Sie wollen Kontakte machen, neue Aufträge generieren. Sie nehmen sich einen Teil ihrer kostbaren Zeit zum Netzwerken. Vielleicht war die Zeit dafür nie so reif wie jetzt.

Sechzig Minuten gibt ihnen dafür die Netzwerk-Initiative, die klar auf den geschäftlichen Nutzen ausgerichtet ist. „Denn momentan kann es sich kein Unternehmer leisten, auf einem Stehempfang erst drei Stunden übers Wetter zu reden“, sagt Wolf. Die Mitglieder gehen deshalb offensiv damit um, dass sie sich in diesen harten Zeiten primär treffen, um Geschäfte zu machen – und das bitte möglichst ohne Umschweife. So fanden bei einem der ersten Treffen vor wenigen Wochen einige Unternehmer schnell zueinander. „Der eine erzählte, dass er eine Beleuchtungsfirma hat,“ erzählt Wolf. „Der andere, ein Zahnarzt, wollte vielleicht ein Lichtkonzept in seiner Praxis umsetzen.“ Und der dritte war gerade auf der Suche nach einem neuen Zahnarzt. Und vielleicht wird aus der ersten Kontaktanbahnung demnächst mehr.

Der Lichtexperte am Tisch war Andreas Boehlke, Netzwerker aus Leidenschaft. Er ist nicht nur dem Deutschlandclub beigetreten, sondern tummelt sich seit Jahren auch in anderen Berliner Netzwerken – etwa im Berlin Capital Club, im Wirtschaftskreis Mitte, in der Interessengemeinschaft Friedrichstraße. „Für mich ist es wichtig, Menschen kennenzulernen“, sagt der Unternehmer. „Und Netzwerke helfen dabei, sich und seine Leistungen bekannt zu machen.“ Bei dem ersten Treffen sei es vor allem wichtig, locker zu bleiben, möglichst unbedarft an die Sache heranzugehen, „und dann seine Wünsche und Angebote auf den Punkt zu bringen“.

Die Suche nach dem richtigen Netzwerk ist jedoch nicht immer sofort von Erfolg gekrönt. Oft braucht es ein paar Anläufe, bis es passt. Unternehmer sollten sich vorher überlegen was sie suchen, etwa Auftraggeber oder Kooperationspartner, und sich möglicherweise auch verschiedene Netzwerke ansehen. Denn Netzwerken kostet auch Geld: 888 Euro jährlich verlangt beispielsweise der Deutschlandclub, die Mitgliedschaft im Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) kostet 317 Euro jährlich, die im Bundesverband der Frau in Business und Management (BFBM) liegt bei 200 Euro im Jahr. Hilfe bei der Auswahl findet man etwa unter www.berliner-netzwerkführer.de. Das Portal gibt einen Überblick über die Clubs und Bündnisse der Stadt, geordnet nach Kategorien.

Doch wer sich in vielen Netzwerken tummelt, hat nicht zwangsläufig Erfolg damit. Wichtig ist nicht die Anzahl der Kontakte, sondern deren Qualität. Und die entwickelt sich oft erst nach einer Zeit der Bekanntschaft, weiß auch Sylvia Hartung. Die Unternehmensberaterin ist Vorsitzende der Berliner Regionalgruppe des Bundesverbandes der Frau in Business und Management (BFBM). Besonders jetzt sei es wichtig, die bestehenden guten Kontakte verstärkt zu pflegen. Sie wundert sich deshalb über die Mitglieder, die in diesen Tagen die Netzwerktreffen sausen lassen. „Besonders im Bereich Dienstleistungen und Beratung stoppen die Unternehmen gerade die Aufträge“, sagt Hartung. „Und wenn noch was läuft, dann über Kontakte.“ Dabei ginge es aber vor allem um Kontinuität. Wer bisher kein Interesse am Vernetzen hatte, solle in Zeiten der Not nicht damit anfangen. „Die Damen unseres Netzwerkes, die heute erfolgreich zusammenarbeiten, kennen sich schon seit Jahren“, gibt sie zu bedenken. Kurzfristig bringe das nichts.

Ein Rettungsnetz ohne moralische Verpflichtung könnten deshalb Institutionen wie die IHK und Handwerkskammer Berlin sein. Sie haben erkannt, dass ihre Mitgliedsunternehmen in konjunkturell schweren Zeiten noch mehr gemeinsame Unterstützung brauchen, um weitgehend unbeschadet und bestenfalls gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Um die vielen Informationen und Serviceangebote Berlins zu bündeln, haben sie deshalb gemeinsam mit dem Senat und der Arbeitsagentur das Bündnis www.berlin-trotzt- der-krise.de gegründet. Das Portal vernetzt alle Bündnispartner und dient als Navigator durch die Angebote. Am zentralen Servicetelefon können die Unternehmer ihr Problem schildern und sich dann beispielsweise zum Thema Kurzarbeit oder Weiterbildungsförderung während der Kurzarbeit beraten lassen. Tina Kramhöller

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