Zeitung Heute : „Wer kann das bezahlen?“

Drei Kroaten, fünf Meinungen – und ein Land, das entdeckt werden will.

Alida Bremer
Alida Bremer hat an der Universität Saarbrücken in Vergleichender Literaturwissenschaft promoviert. Sie veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur kroatischen Literatur und literarische Übersetzungen. Sie ist Kuratorin des Festivals „Kroatien Kreativ 2013“. Ihr erster Roman „Olivas Garten“ erscheint im August im Eichborn Verlag. Hier trägt sie das wichtigste Requisit in ihrer Geburtsstadt Split: die Sonnenbrille.Foto: Promo/Ali el Baya
Alida Bremer hat an der Universität Saarbrücken in Vergleichender Literaturwissenschaft promoviert. Sie veröffentlichte zahlreiche...

In Kroatien warten auf den Reisenden nicht nur über tausend Inseln und Inselchen, sondern auch die Wälder Istriens voller Trüffeln, die man über frische Nudeln reibt, die Rezepte für wilden Spargel, den man im Frühjahr bei Ausflügen pflückt, oder für gefüllte Tintenfische (mit Reis, pršut, Knoblauch und Petersilie), hausgemachte Schnäpse und Kräuterliköre, die Landschaften aus den „Winnetou“-Filmen sowie eine ganze Reihe atemberaubend schöner Städte wie Dubrovnik, Zadar, Rovinj, Trogir, Hvar, Korcula oder meine Geburtsstadt Split.

Zugegeben, meine Geburtsstadt ist weniger gepflegt als Dubrovnik, anstelle des polierten Steins verzieren hier und da Graffiti die historischen Ruinen, und zwischen antiken Säulen trocknet die Unterwäsche. Bei sportlichen Siegen – die Kroaten sind die Sportnation schlechthin! – hupen Fähren und Kreuzfahrtschiffe, die sich gelegentlich vor Freude dröhnend im Kreis drehen. Das Motto meiner Stadt lautet „Wer kann das bezahlen?“ – man muss es lustvoll aussprechen und die Worte mit einer Handbewegung begleiten, die den blauen Himmel, die Möwen und die Palmen umfasst.

Doch sobald jemand in der Runde diesen alten Spruch bemüht, bricht ein Streit über all das aus, was nicht gut funktioniert – in der Stadt, im Land und in der Welt. Man vergleicht dabei Kroatien gerne mit Deutschland oder Amerika, da Bescheidenheit kaum zu den Tugenden der Bewohner von Split zählt. Eher die Selbstkritik: Die bekannteste kritisch-satirische Zeitung des Landes, die legendäre „Feral Tribune“ stammte aus Split. Zum kritischen Geist zählt auch die jüngste Erfahrung, dass man einen populistischen Bürgermeister nach vier Jahren abwählen kann, eine Erfahrung, die als ein Steinchen im Mosaik der europäischen Demokratien gesehen werden kann.

Mit diesen Demokratien steht es nicht allerorten zum Besten, und manch ein Kroate scherzt in den letzten Tagen, dass die Party namens EU vorbei sei, und wir nun zu einer After-Party erscheinen, bei der nur noch verkaterte Gastgeber und leere Teller und Gläser auf uns warten. Wieder andere witzeln darüber, dass sich die Europäer warm anziehen müssen: Sie haben ja keine Ahnung davon, dass mit uns noch jeder Staatenbund zugrunde gegangen ist – ob Österreich-Ungarn, das Königreich Jugoslawien oder das sozialistische Jugoslawien. Nicht umsonst hat Kurt Held ausgerechnet an der kroatischen Küste den Stoff für seinen Roman „Die rote Zora und ihre Bande“ gefunden!

Andere sagen, dass wir zu lange auf die Aufnahme in die EU gewartet haben und jetzt auch ohne sie auskommen würden. Während man in einem der unzähligen Cafés in der Sonne seinen Cappuccino trinkt, kann man häufig den Seufzer hören: Drei Kroaten, fünf Meinungen! Nur in einer Sache ist man sich einig: dass man immer schon ein Teil Europas war, worauf nicht nur die Kathedralen, Museen und Burgen verweisen, sondern eben jene widerspenstige Vergangenheit, die von Überlebensstrategien, Irrwegen und Höhenflügen eines kleinen Völkchens zeugt.

In Kroatien wird viel geschimpft, nichts ist gut genug, und jedes Glas ist halb leer und nicht halb voll. Darauf aufmerksam gemacht, dass vor allem der ausgeprägte Sinn für Freizeit, Familienleben und Freundschaften sowie die Vorliebe für gutes Essen und noch bessere Weine das Leben in diesem Land angenehm machen, zucken die Gesprächspartner mit den Schultern, rücken ihre Sonnenbrillen zurecht und geben zu, dass sie sich kaum vorstellen können, anderswo zu leben. Und im nächsten Satz fragen sie: „Du, sag mal, wie ist es so in Deutschland, ich könnte mich auch dort um eine Stelle bewerben, hier läuft alles schlecht, oder was denkst du?“ Aber bereits nach einer kurzen Beschreibung des deutschen Klimas rufen sie „Hör bloß auf, wie hältst du es da aus?!“

Von Zagreb sind es nur zwei Stunden bis zu den nächstgelegenen Stränden, und ein Freund, der mir ausführlich erklärt hat, wie unfähig alle Verantwortlichen in Kroatien seien, gab am Ende zu, dass man sich im Juli und August in Zagreb nicht blicken lassen darf. Denn dann wäre es offensichtlich, dass man kein Ferienhaus am Meer habe. Zum Glück haben beinahe alle Kroaten jemanden an der Küste.

Aber noch weniger kann man sich in Zagreb in der Öffentlichkeit zeigen, wenn man kein perfektes Äußeres vorzeigen kann. In Kroatien wird lieber nicht gegessen, als ohne schicke Kleider auszugehen, was manch eine Diät ersetzen mag. Die Bedeutung des Aussehens scheint immer schon eine große Rolle gespielt zu haben. Männer in der ganzen Welt tragen Krawatten – ein Kleidungsstück, das aus der Uniform der kroatischen Soldaten aus dem Dreißigjährigen Krieg übernommen wurde. Dazu dichtete Ivan Slamnig ironisch: „Was haben die Kroaten der Welt gegeben?, / fragte ich mich matt. / Ertrinke, in der Fischsuppe, Krabat, / erhänge dich an deiner Krawatt’.“

Dass es nicht immer unbedingt leicht war, in Kroatien zu leben, zeigt die Geschichte der kroatischen Migration. Man kann überall in der Welt Kroaten dabei antreffen, wie sie ihre Volkslieder singen und ihre Fahnen schwenken, auch wenn sie sonst kein Wort Kroatisch mehr können und eigentlich Meister der Anpassung sind. So sind von den etwa 400 000 Menschen kroatischer Herkunft in Deutschland keine Probleme bei der Integration bekannt. Boris Maruna, der in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts aus einem langjährigen Exil zurückkehrte und seinem Land das Gedicht „Es war leichter dich aus der Ferne zu lieben“ widmete, wurde unter seinen Landsleuten mit dem Gedicht „Die Kroaten gehen mir auf den Wecker“ berühmt.

Darin erklärte er, warum ihn die Kroaten nerven – übrigens ein guter Tipp, woran der Leser sie leicht erkennen kann: „Erstens, sie kennen sich alle untereinander. / Zweitens, sie hinterlassen Müll. / Drittens, sie liegen einem in den Ohren / Mit der Revolution und mit den Frauen. / Der Rauch ihrer Zigaretten füllt die Bars / Im Dreieck zwischen München, / Vancouver und den Docks von Sidney …“

Aber der Leser kann sie auch in ihrem Land besuchen und sich davon überzeugen, dass dessen Schönheit wirklich niemand bezahlen kann. Alida Bremer

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