Zeitung Heute : Wer nabelt eigentlich uns Mütter ab?

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Illustration: Imke Trostbach

Nächste Woche wird Noah ein Jahr alt. Dann wird er kein Baby mehr sein, sondern ein Kleinkind. Was, schon vorbei?, fragte ich mich, als ich das hörte. Ich habe ja gerade mal begriffen, dass es ihn gibt.

Vor einem Jahr, als die Hebamme bei der Ankunft im Krankenhaus zu mir sagte: „Das Baby ist gleich da!“, guckte ich sie verständnislos an, über meinen dicken Bauch hinweg. Irgendwie hatte ich in der geistigen Umnachtung, in die mich die Schwangerschaftshormone gestürzt hatten, noch nicht recht begriffen, was mit mir geschah. Ein Baby? (Die Situation hatte das Irreale eines Traums; die Hebamme hätte mir genauso gut sagen können, ich würde gleich ein Auto zur Welt bringen.) Wenig später drückte sie meinem Mann eine überdimensionierte Schere in die Hand, und mit einem „Schnipp“ waren Noah und ich getrennt.

Mein Mann glaubt, dass die Väter nicht nur im Kreißsaal, sondern überhaupt im ganzen Leben fürs Abnabeln zuständig sind. Die Mütter sind der Zufluchtsort; die Aufgabe der Väter ist es, die Kinder in die Welt zu schicken. Ich fand zuerst, das sei doch eine ziemlich klassische Sicht der Dinge, und wehrte mich dagegen, unserem Sohn dieses traditionelle Rollenverständnis einzuimpfen. Aber die gesellschaftlichen Fortschritte sind mir inzwischen oft egal. Wenn mein Kind fiebert und mit tränenüberströmten Wangen „Mama“ jammert, stürze ich ans Gitterbett und denke: na gut, dieses eine Mal noch; die Welt ändern wir morgen.

Ob die Sache mit dem Abnabeln nun stimmt oder nicht – ich frage mich: Wer nabelt eigentlich uns Mütter ab? Endlos oft haben wir darüber diskutiert, wann ein Baby alt genug ist, um es in die Obhut anderer Menschen zu geben. Wenn wir erzählten, dass ich bald wieder arbeiten würde, schwiegen manche unserer Gesprächspartner, und ihr Schweigen klang wie: „Er ist noch so klein!“ oder „Ein Kind braucht seine Mutter, sonst niemanden!“ Kürzlich wurde ich gefragt: „Und was waren Sie von Beruf?“ – als sei es selbstverständlich, dass dieses Kapitel beendet sein müsste, ich habe ja ein Kind.

Ich habe mich für Beruf und Kind entschieden, aber jeder Schritt, mit dem ich ein Stück aus meinem alten in mein neues Leben hinübergerettet habe, war ein Wagnis. Noah das erste Mal mit seiner Tagesmutter alleine lassen, das erste Mal einen Termin hunderte Kilometer weit weg wahrnehmen, ohne die Möglichkeit, in einer halben Stunde zurück zu sein, das erste Mal erlauben, dass die Tagesmutter ihn im Auto mitnimmt… (Die erste Nacht in der Ferne steht noch aus.) Ich glaube, jedes dieser ersten Male hat mich mehr geschmerzt als meinen Sohn.

Irgendwo habe ich mal gehört, dass die Schwangerschaft – wenn man die Reife eines neugeborenen Menschen mit der anderer Säugetiere vergleicht – eigentlich erst zu Ende ist, wenn das Kind ein Jahr alt ist. Jetzt erst kann Noah das, was ihn als Mensch auszeichnet: Er lernt seine ersten Worte und den aufrechten Gang (außerdem hat er gerade entdeckt, dass man mit dem Finger in der Nase bohren kann).

Und ich? Werde auch langsam wieder ein unabhängiger Mensch. Im Auto sitze ich nicht mehr auf der Rückbank, um meinem Kind jederzeit ein verzücktes Lächeln entgegenzubringen. Ich sitze wieder am Steuer.

Der erste Geburtstag, heißt es, ist noch einmal ein Fest für die Mutter, bevor die Erinnerung an ihre Heldentat im Sackhüpfenund-Topfschlagen-Wahnsinn versinkt. Vielleicht ist der erste Kindergeburtstag ja auch eine Art Abnabelungs-Feier für die Mutter.

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