Zeitung Heute : Wer nicht hören will, muss gehen

Der Tagesspiegel

Manchmal bringt Jeannette Hoyer eine Taschenlampe mit. Sie steht hintem Tresen und leuchtet diejenigen an, die laut reden. Denn es muss still sein. Klappt das nicht, ermahnt sie die Störenfriede, und wenn das nicht hilft, bittet sie sie, zu gehen und wiederzukommen, wenn das Hörspiel vorbei ist.

Jeden Montag um acht schiebt sie in der „Bar 23“ in Prenzlauer Berg ein Hörspiel in den Kassettenrekorder. „Um die Zeit kommt kaum jemand“, sagt sie und hatte die Idee, mit Hörspielen Besucher in die Bar zu locken. Das war vor vier Monaten. Meist bringt sie drei oder vier Kassetten mit, vor Beginn wird unter den Besuchern abgestimmt.

Heute wird Edgar Wallace gespielt, das „Gasthaus an der Themse“. Ein Krimi: Texte alten Stils, Gruselmusik. Es geht los mit einer Leiche. Eine Bande, genannt die „Flussratten“, soll ihr Unwesen treiben. Ein Inspektor mit einer schönen Stimme – das ist das akustische Pendant zum tiefen Blick des Fernsehhelden – soll den Fall lösen.

Es ist wirklich ruhig in der Bar. Die Hörgäste gucken hoch an die Decke, gucken an die Wand, gucken in die Luft. Manche sind nach vorne gebeugt, haben den Kopf auf die Hände gelegt, die Arme auf den Tisch gestützt. Wer in einem Sofa sitzt legt den Kopf an die Lehne. Eigentlich müssten allen jetzt die Ohren über die Augen wachsen.

„Es ist doch schön, Hörspiele mit jemandem zusammen zu hören“, sagt eine Besucherin. „Man muss nicht so viel reden und kann sein Gegenüber trotzdem gut angucken“, sagt ein Mann nebenan. Dagny und Malle sitzen an der Bar, die Ellbogen auf dem Tresen: Sie sind Hörspielfans, kommen regelmäßig. Zu Hause hören sie auch, und wenn sie ein Hörspiel schon gut kennen, verkaufen sie es auf dem Flohmarkt weiter. Hörspiele seien interessant, witzig und – gut zum Einschlafen!, sagt Dagny. Wirklich: Andere Gäste, allesamt Fans, bestätigen das. Auch im Café sei schon mal einer eingeschlafen.

„Zum Entspannen sind Hörspiele sehr gut“, sagt René Lippert. Er kommt jeden Montag, hört, trinkt zwei Caipirinha und geht wieder. In Frankfurt lebte er einmal in einer fernsehfreien WG, und damals seien er und seinen Mitbewohner auf Hörspiele gekommen. Man könne nämlich bei Hörspielen viel besser bügeln als beim Fernsehen, sagt er.

Erwin, ein Berlin-Besucher aus München, ist zum ersten Mal da. Er wippt mit dem Fuß hin und her, als die „Flussratten“ den Kommissar mit der schönen Stimme mit giftigem Gas in seiner Wohnung umbringen wollen. Denn der Kommissar hat eine Kronzeugin ausfindig gemacht, und die Flussratten wissen das. Erwin hat in der „zitty“ vom Hörspielcafé gelesen.

Die Blicke der Gäste sind in sich gekehrt. Sie sind auf einen Punkt an der Wand gerichtet, wo wenig genug zu sehen ist, um sich auf das Hören zu konzentrieren. Plötzlich Unruhe: Schüsse im Lautsprecher! Die Leute rücken auf ihren Stühlen vor, rücken zurück. Der Inspektor hat überlebt. Dagny und Malle lachen bei ungewöhnlichen Geräuschen oder wenn der Inspektor mal ein Wort komisch ausspricht.

Hörcafé-Erfinderin Jessica verteilt Gratis-Schokoküsse. Und pfeift eine Zwischenmelodie mit – mit einem Ton Vorsprung. Als Kind habe sie die „Hexe Schrumpeldei“ gehört, später die „Fünf Freunde“, „Ronja Räubertochter“. Irgendwann hatte sie dann plötzlich zweihundert Kassetten zu Hause. Und sie malt gern Comics. Shhhh!, sagt sie, wenn sich Dagny und Malle unterhalten.

Tipps werden an der Theke ausgetauscht. Die Stadtbibliothek Mitte habe viele Hörspiele, ebenso die Amerika-Gedenkbibliothek. Und bei Saturn soll es alle Stücke der „Drei Fragezeichen“ billig auf CD geben.

Die „Drei Fragezeichen“, eine Detektivserie aus den 70-ern, ist der Renner der Hörspielbar. Weil sie jeder aus seiner Kindheit kennt. Die rund 20 Stücke sind keine Kultur, aber Kult. Wer in die Hörspielbar kommt, soll sich entspannen können, nicht so viel nachdenken, lieber etwas Spaß haben.

Die „Flussratten“ sind enttarnt und besiegt, der Inspektor mit der schönen Stimme hat sich in die Kronzeugin verliebt, was er ihr mit schnalzender Zunge erklärt. Malle und Dagny lachen. Christian Domnitz

„Bar 23“, Lychener Straße 23 (U Eberswalder Straße), Hörspiele werden jeden Montag, 20 Uhr, aufgeführt.

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