Zeitung Heute : Wer nicht hören will

In der Bevölkerung herrscht Panik. Der Serienkiller droht mit Todesschüssen auf Kinder. Viele trauen sich nicht mehr auf die Straße. Fernsehstationen berichten inzwischen rund um die Uhr. Und Psychologen glauben, dass die Berichte den Täter nur weiter antreiben.

Friedemann Diederichs[Washington]

Von Friedemann Diederichs,

Washington

Das Fahrradfahren haben die Eltern der fünfjährigen Melanie aus Fairfax im US-Bundesstaat Virginia ihr schon an dem Tag verboten, als die Kugel des Heckenschützen einen 13 Jahre alten Jungen auf dem Weg zur Schule niederstreckte und lebensgefährlich verwundete. Melanie, die ihre Freizeit nun hinter geschlossenen Vorhängen und vor dem Fernseher verbringt, stellt dennoch immer wieder eine Frage: „Mami, wird es weh tun, wenn ich getroffen werde?"

Auf der benachbarten Dickerson-Farm verrotten die Kürbisse. Die meisten traditionellen „Halloween"-Umzüge der Kinder, bei denen sie in teilweise schauerlichen Kostümen von Haus zu Haus ziehen und wo ausgehöhlte und mit Kerzen beleuchtete Kürbisköpfe die Grusel-Kulisse bilden, fallen in diesem Jahr im Raum Washington aus. „Halloween" findet stattdessen im realen Leben statt, Angst und Schrecken müssen nicht gespielt werden: Menschen, die im Zickzack-Kurs über Supermarkt-Parkplätze rennen. Tankstellen, an denen undurchsichtige Plastikplanen dem Attentäter den Fangschuss auf Kunden an der Zapfsäule unmöglich machen sollen. Kinderspielplätze, auf denen Friedhofsstille herrscht.

Seit der Todesschütze auf insgesamt zwei Zetteln, an den letzten beiden Tatorten hinterlassen, warnte, „Eure Kinder sind nirgendwo mehr sicher, zu keiner Zeit", haben Hysterie und auch die Behandlung der Todesspur des „Snipers" in den Medien eine neue Dimension erreicht. Während in den betroffenen Vororten und Satellitenstädten Washingtons Eltern in hitzigen Schulversammlungen diskutieren, ob die Kinder nicht besser zu Hause bleiben sollten, und die Bilder der trauernden Angehörigen des mit einem Bauchschuss getöteten 35-jährigen Busfahrers Conrad Johnson nicht aus der Erinnerung weichen wollen, erlebt der von der Blutspur nur indirekt betroffene Rest der Nation eine neue Form des Real-TV, das für die lange Zeit unter Zuschauerschwund leidenden Nachrichtensender neue Rekorde bei den Einschaltquoten bedeutet.

„Diese Geschichte geht uns schließlich alle an," verteidigte jetzt eine CNN-Sprecherin die Rund-um-die Uhr-Berichterstattung, die andere Themen wie einen möglichen Irak-Krieg oder das Tauziehen um eine UN-Resolution längst völlig in den Schatten gestellt hat. In Diskussionsrunden spekulieren derweil selbst ernannte und tatsächliche Experten – von Psychologen bis hin zu pensionierten Kriminalisten – auf allen Nachrichtenkanälen über mögliche Motive und die nächsten Schritte des Killers und der Polizei, deren Taktik in den letzten 48 Stunden mehr und mehr auf Kritik stößt.

Nicht nur, dass der Scharfschütze bisher offenbar keine Fehler gemacht hat und die Ermittler deshalb mit weitgehend leeren Händen dastehen, von einer Tarotkarte und den hinterlassenen Zetteln einmal abgesehen. Ein Fahndungsflugzeug, dass das Verteidigungsministerium letzte Woche zur Verfügung gestellt hatte, konnte nach den letzten beiden Anschlägen kein Fluchtfahrzeug ermitteln. Zwei Verhaftungen entpuppten sich als falsche Spuren. Und auch die Kommunikationsversuche der Behörden mit dem offenbar redebereiten Täter, dem es möglicherweise um die Erpressung einer Summe von zehn Millionen US-Dollar geht, brachten bisher keine Fortschritte – im Gegenteil: In seinem letzten Brief soll der „Sniper", so berichteten US-Medien, die Polizei beschuldigen, schon fünf Menschen hätten sterben müssen, weil die Beamten seine insgesamt sechs Anrufe nicht entgegengenommen hätten.

Vorwürfe gibt es aber auch gegen die TV-Sendeanstalten: „Die ganzen Spekulationen über die nächsten Schritte der Polizei und des Täters führen doch nur dazu, dass dem Killer geholfen wird und er neue Ideen bekommt“, bemängelte jetzt US-Medienkritiker Tom Rosenstiel. Dem pflichtet auch Howard Kurtz von der „Washington Post“ bei: „Wir stehen kurz davor, jene Linie zu übertreten, hinter der uns die Menschen als Teil des Problems ansehen." Zumindest zwei Indizien sprechen dafür, dass der Scharfschütze tatsächlich auf die Berichterstattung reagiert: Kurz nachdem Polizeichef Charles Moose die Schulen für sicher erklärt hatte, nahm der „Sniper" einen Schüler ins Visier. Und nachdem Experten in Talkshows immer wieder darüber sinniert hatten, warum er nicht am Wochenende zuschlage, wählte er erstmals einen Samstag für einen Mord.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar