Zeitung Heute : „Wer nicht lesen kann, gilt als dumm“ Der Erziehungswissenschaftler

Nickel über Schrift und Sprache

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SVEN NICKEL (35)

gehört zum Vorstand des Bundesverbands für

Alphabetisierung und

ist Wissenschaftlicher

Mitarbeiter der

Universität Bremen.

Foto: R/D

Herr Nickel, betrifft das Phänomen Analphabetismus nur bestimmte Gesellschaftsschichten?

Das gibt es überall, aber es korreliert doch stark mit soziokultureller Benachteiligung. Wir bemerken, dass Menschen, die von Armut, von Unsicherheit, von schwierigen Lebenslagen betroffen sind, verstärkt in Kursen für Analphabeten auftauchen. Es gibt aber auch den selbstständigen Unternehmer dort.

Wie kommt es überhaupt dazu, dass Menschen zu Analphabeten werden?

Das ist ein Wechselspiel, es gibt nicht den einen Grund, sondern viele, vor allem familiäre und schulische Faktoren. Analphabeten kommen häufig aus Familien, in denen andere Sorgen vorrangig sind als Bildung. Bildung, Sprache, Schrift oder Schule haben dort einen geringen Stellenwert. Kommunikation ist eher negativ ausgerichtet, Sprache gibt es wenig. Es gibt in solchen Familien oft keine Bücher, keine Zeitung. Es gibt Kinder, die kommen in die Schule und haben nie zuvor ein Buch gesehen. Diese Kinder haben die Funktion von Schrift, die Bedeutung noch gar nicht erfasst.

Spätestens seit der Pisa-Studie ist bekannt, wie ungerecht das Schulsystem ist, weil es Unterschiede, die vom ersten Schultag an bestehen, noch verstärkt. Schule geht nicht genug auf den einzelnen Schüler ein.

Schadet das Fernsehen?

Wenn Eltern mit ihren Kindern fernsehen und sich darüber unterhalten, Sprache also anregen, kann das ein wunderbares Medium sein, um die Kommunikation zu fördern. Wenn Kinder vor dem Fernseher abgestellt werden, ist das nicht förderlich.

Was halten Sie davon, bereits Erstklässler mit Fremdsprachen zu konfrontieren. Ist das nicht widersprüchlich, wenn schon das Lesen und Schreiben zu einem Problem werden kann?

Generell spricht nichts dagegen. Es ist gut, wenn viele sprachliche Angebote schon recht früh gemacht werden. Weil es den Umgang mit Sprache fördert. Wenn jedoch Ausfüllen von Übungen und deren Korrektheit im Vordergrund stehen, kann es hinderlich sein, wenn Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung noch gar nicht so weit sind, dass sie auf Merkmale von Sprache achten.

Inwiefern müsste die Gesellschaft sich auf Analphabeten einstellen?

Wer hier nicht Lesen und Schreiben kann, gilt als dumm, und das ist erwiesenermaßen absolut falsch. Es wäre gut, wenn die Menschen begriffen, dass es Gründe und Ursachen für Analphabetismus gibt, die der Einzelne nicht beeinflussen konnte. Wir müssen bildungspolitisch und arbeitsmarktpolitisch viel überdenken. Man kann grundbildungsfreundlichere Arbeitsplätze einrichten. Es ist ein Unterschied, ob ich an meinem Arbeitsplatz Angst habe, gefeuert zu werden, wenn es rauskommt, oder ob ich offen damit umgehe und nach Feierabend an einem Kurs im Betrieb teilnehmen kann. Betriebswirtschaftlich ist das teurer, aber volkswirtschaftlich ist es günstiger, auf diesem Weg die Breitliteralisierung anzustreben, als sich auf die ersten Schuljahre zu stützen. Zudem sind erwachsene Lerner die ersten Lehrer ihrer Kinder und können viel beeinflussen. Auch Zeitungen könnten Angebote für Menschen schaffen, die nicht so gut lesen können – vielleicht in einer eigenen Rubrik.

Das Gespräch führte Stephanie Nannen.

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