Zeitung Heute : Wer nicht lesen will, kann hören „Ich verstehe nichts vom Buchmarkt“

Die meisten der 400 deutschen Hörbuchverlage sind jung, doch ihr Wachstum ist beachtlich

Eva Köster

Otto Sander hat es getan, Rufus Beck auch – und außer ihnen zahlreiche prominente deutsche Schauspieler und Autoren: Sie haben Hörbücher besprochen. Und die Zahl ihrer Zuhörer steigt.

„Der Überfluss des Visuellen bewegt die Menschen dazu, sich wieder dem Akustischen zuzuwenden“, sagt Heike Völker-Sieber vom Münchner Hörverlag das Phänomen: „Sie fühlen sich ans Vorlesen von früher erinnert“. Der Hörverlag ist nach Informationen des „Börsenblatts des Deutschen Buchhandels“ Marktführer der noch jungen Branche, und die Äußerungen der Pressesprecherin kommen nicht von Ungefähr: Mit etwa 800 Neuerscheinungen pro Jahr und einem für 2002 geschätzten Umsatz von rund 45 Millionen Euro wächst der Audiobuchmarkt wie kaum eine andere Sparte des Buchhandels in Deutschland. Bis zu 400 Klein- und Kleinstverlage produzieren Hörspiele, Features und Lesungen, häufig in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio und den Rundfunkanstalten der ARD. Das senkt Produktionskosten und steigert den Bekanntheitsgrad. Zahlreiche Buchverlage investieren inzwischen in eigene Hörbuch-Labels. So gründete der Aufbau-Verlag 1999 den DAV (Deutscher Audio Verlag), zum Eichborn-Verlag gehört seit 2001 der Hörbuch-Ableger Lido. Als ein Pionier der Branche feiert der Hörverlag „Steinbach Sprechende Bücher“ im nächsten Jahr sein 25jähriges Jubiläum.

Das Programm der Audio-Sparte reicht von gelesenen Klassikern der Weltliteratur bis zu außergewöhnlichen Hörspiel-Interpretationen noch unbekannter Autoren. Auch im Genre „Feature“, der dramatisierten Form des Hörbuches, sind in den letzten Jahren mehr Produktionen in die Verkaufslisten aufgenommen worden. Aus Original-Tondokumenten vom Funkverkehr der Flugzeuge und Telefonaten aus dem World Trade Center sowie Augenzeugenberichten und Erzählungen zweier „Spiegel“-Reporter entstand beispielsweise ein zeitgeschichtliches Dokument zum 11. September 2001.

Nur zwei bis drei Prozent ihres Umsatzes macht eine durchschnittliche Buchhandlung mit den Hörbuchproduktionen. Doch die Steigerungen liegen im zweistelligen Bereich. Um so erstaunlicher sei es, dass sich die Verlage mit Angaben zum Umsatz zurückhielten, wundert sich Anja zum Hingst vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Die Branchenzahlen des Audiomarktes beruhen daher auf Schätzungen.

Wie die Märchen-Kassette gab es auch Hörspiele schon viel früher. So adaptierte Orson Welles bereits 1938 den Roman „The War of the Worlds“ von H. G. Wells als Hörspiel für das Radio und versetzte Millionen von Amerikanern in Aufruhr. Welles Radio-Fiktion existiert noch heute – als Hörbuch. Geändert haben sich allerdings die Rahmenbedingungen. Seit Mitte der 90er Jahre interessiere sich ein sehr viel größeres Publikum für diesen Markt, sagt Heike Völker-Sieber. Gezielte Werbekampagnen verhelfen dem einstigen Nischenprodukt seitdem zu höherer Popularität. Hierzu eignet sich insbesondere der Markt für Kinder, zählen Sonderausgaben wie John R. Tolkiens „Herr der Ringe“, Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ oder Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Bände doch zu den Verkaufsschlagern der vergangenen Jahre. Auf dem Audiomarkt für Erwachsene reüssieren vor allem Titel aus dem Bereich Belletristik.

„Der neueste Trend, das Sachhörbuch, kommt aus den USA“, dem Mutterland des Hörbuchs, weiß Claudia Gehre, Programmleiterin bei Lido. „Double your time“ heißt hier die Devise. Unterwegs im Auto, im Zug oder beim Joggen interessiert sich eine junge, flexible Zielgruppe vor allem für „Self-help“- und „How-to“-Titel oder dokumentarische Features. Insbesondere Management-Literatur liegt derzeit hoch im Kurs.

Das Hörbuch ist aber viel mehr als nur die Audioform eines erfolgreichen Buches – wie im Fall von Dieter Bohlens „Nichts als die Wahrheit“. Der mit jährlich 25 Neuerscheinungen relativ kleine Kein & Aber-Verlag aus Zürich konnte mit seinen innovativen Text-Musik-Produktionen vor allem deutschsprachige Künstler als Sprecher gewinnen. So liest Harry Rowohlt „Pu der Bär", Senta Berger interpretiert ihre Lieblingsnovelle „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler, die in dieser Woche als CD erschienen ist. Otto Sander und Bruno Ganz lesen einen Briefwechsel von Gustave Flaubert und Ivan Turgenev. „Eine Freundschaft in Briefen“ heißt das Werk und ist ein seltener Beleg dafür, dass die starre Produktionsfolge von Buch und Hörbuch durchaus durchbrochen werden kann: Die Texte wurden eigens für das Projekt zusammengestellt. „Alles andere wäre uns zu simpel“, betont Alexandra Rosetti vom Kein & Aber-Verlag. Im Besonderen, Skurrilen sehen die Schweizer ihre Herausforderung. Die Booklets dieser Hörbücher sind aufwändig gestaltet und können bis zu 40 Seiten Text und Illustrationen umfassen.

Von der Idee bis zur Fertigstellung eines Hörbuches können Monate vergehen, und die eigentliche Studioarbeit ist – trotz der Sprecherausbildung der Schauspieler, die der Hörverlag voraussetzt – sehr zeitintensiv. Deshalb werden die Audiofassungen regelmäßig teurer als gedruckte Bücher, teilweise kosten sie das Doppelte. Die Verlage hoffen daher auf Massenproduktion bei den CDs. Noch haben viele Käufer eine Vorliebe für die gute alte Musikkassette: „Für uns kann die CD nicht schnell genug kommen, denn bei einer kompletten Umstellung auf CD würden sich die Produktionskosten halbieren“, sagt Heike Völker-Sieber und räumt ein: „Die Verlage hatten mit einem schnelleren Trend zur CD gerechnet“. Bis zu 30 Prozent Kassetten-Nutzer gibt es derzeit noch.

In den 60er Jahren bezeichnete der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan das Radio einmal als „heißes Medium“ mit großer Einflusskraft auf den Menschen und seine sinnliche Wahrnehmung. Für das Hörbuch dürfte dieser Satz wohl heute noch gelten – ob nun als Musikkassette oder CD.

Herr Reich-Ranicki, Aufzeichnungen für Hörbücher finden gewöhnlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Hat Ihnen die Arbeit an Ihrem Hörbuch „Mein Leben“ trotzdem Spaß gemacht?

Das ist ja keine neue Sache für mich, das habe ich schon oft im Leben gemacht. Ich habe dies oder jenes im Rundfunk gelesen. Das fand im Laufe der Jahre beinahe immer ohne Publikum statt. Das Hörbuch jetzt ohne Publikum herzustellen, war keineswegs schwierig. So ganz ohne Publikum ist es ja auch nicht: Ein paar Techniker und die Produzentin sind dabei. Das sind im Allgemeinen die strengsten Richter der Arbeit.

Nach welchen Kriterien wurden die Auszüge aus Ihrem Buch „Mein Leben“ für die Hörbuch-Version ausgewählt?

Das habe ich nicht gemacht. Ich habe gesehen, was die Leiterin der Redaktion ausgewählt hat und fand es sehr schön.

Kann man auf diesem Wege ein Buch noch einmal neu interpretieren?

Ja, das kann sein. Ich gebe mir Mühe, dass es diese Wirkung hat.

Kommt Ihrer Meinung nach nur der Autor selber für die Lesung der Hörbuchfassung in Frage?

Nein. Schauspieler können es auch.

Im Gegensatz zum herkömmlichen Buchmarkt wächst die Sparte Hörbuch. Ist das gut oder schlecht?

Mit dieser Frage beschäftige ich mich nicht. Natürlich ist es positiv, wenn immer mehr Hörbücher gekauft werden. Wenn aber das auf den Verkauf der gedruckten Bücher einen ungünstigen Einfluss hat, dann ist das wieder nicht erfreulich. Ich verstehe nichts vom Buchmarkt, das ist nicht mein Problem.

Sind Sie ein Fürsprecher des Hörbuches, frei nach dem Motto: lieber Hören als gar keine Literatur?

Ja, ich befürworte Hörbücher.

Das Gespräch führte Eva Köster.

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