Zeitung Heute : Wer platzt zuerst – Daum oder der Prozess?

Der Tagesspiegel

Von Helmut Schümann, Koblenz

Christoph Daum hatte gestern kurz vor der Mittagspause dann noch eine Frage. Ob er denn nun, wollte er in aller Höflichkeit und Sachlichkeit vom Gericht wissen, seinen Assistenten Robert Koch zur heutigen Sitzung einfliegen lassen solle oder nicht. Der Robert Koch nämlich leitet in Istanbul während Daums Abwesenheit das Training von Besiktas und sitzt ansonsten auf gepackten Koffern, weil die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Koblenz ihn als Zeugen gegen Daum hören möchte. Der Vorsitzende Richter Ulrich Christoffel aber sah sich außer Stande, die an sich ja hilfsbereite Frage zu beantworten, weil Daums Anwälte in der Frühe einen heftigen Befangenheitsantrag gegen das Gericht gestellt hatten, ihm demzufolge bis zur Entscheidung darüber die Hände gebunden waren. Und als Christoffel also hilflos, aber wortreich um die Sache herumredete, erbat sich Daum Klarheit: „Bitte nur Ja oder Nein!“

Aber Klarheit, die ist in diesem Prozess wohl nicht mehr zu haben. Seit nun fast einem halben Jahr steht der ehemalige Trainer von Bayer Leverkusen wegen Kokainmissbrauchs unter Anklage. Ein gewaltiger Aufwand für einen Mann, der nicht vorbestraft ist, der geständig ist und gegen den die Staatsanwaltschaft bislang nicht mehr vorzubringen hatte, als dass es sich bei ihm um einen Gelegenheitskokser handele. Es sind in diesen sechs Monaten zahlreiche Zeugen gehört worden, unter anderem auch Rainer Calmund, der Manager von Bayer Leverkusen, und allesamt hatten sie nicht mehr zur Sache beizutragen, als dass sie bestätigen konnten, dass es Gerüchte über Daum gegeben habe und sie davon gehört hätten. Und es sind in diesen sechs Monaten der mitangeklagte K., nach Lage der Dinge ein großspuriger Kleindealer und Lieferant von Daum, in Untersuchungshaft gehalten worden und der Mitangeklagte W., nach Lage der Dinge nichts weiter als ein Wichtigtuer, als Großgangster dargestellt worden. Und es ist vom Oberlandesgericht gemahnt worden, doch bitte endlich den Prozess zu einem Ende zu führen, auch unter dem Aspekt der Verhältnismäßigkeit. Vergeblich.

Grobe Unhöflichkeit

Es gab an diesem 23. Verhandlungstag schon in der Frühe zwei Szenen, die deutlich machen, wie verfahren die Situation ist, wie verhärtet die Fronten zwischen Staatsanwaltschaft und Gericht auf der einen Seite und Verteidigern auf der anderen sind. Es waren nämlich bei Sitzungsbeginn um neun Uhr kein Verteidiger und nur die Angeklagten K. und W. anwesend. Ein Umstand, den Unwissende zunächst als grobe Unhöflichkeit einordneten und der von der beisitzenden Richterin Beikler rüde kommentiert wurde: „Da gibt es eine Gesetzeslücke. Wir haben keine Möglichkeit, gegen Verteidiger Ordnungsstrafen zu verhängen.“ Und als der Angeklagte W. auf dem Flur vom beisitzenden Richter Hagenmeier zu erfahren hoffte, warum es nicht losgehe, bekam er zu hören: „Da sehen Sie mal, was Sie für Verteidiger haben“, eine Äußerung, die später zu einem weiteren Befangenheitsantrag führte. Der umso berechtigter erscheint, als dass das Gericht den Verspätungsgrund wohl kannte. Die zwei Anwälte saßen zur Stunde als Pflichtverteidiger im gleichen Gebäude in einem anderen Prozess.

Wenn es gerade hieß, dass Staatsanwaltschaft und Gericht auf der einen Seite sitzen und Verteidiger auf der anderen, dann nennt das schon einen großen Teil des Problems. Es ist nämlich an Äußerungen und Handlungen nicht mehr recht auszumachen, was denn nun Staatsanwaltschaft ist und was Gericht. Denn die Gemeinsamkeiten und gleichlaufenden Denkstrukturen sind nicht nur am geschlossenen Auf- und Abmarsch vor und nach den Verhandlungen und im unisono vorgetragenen Kopfschütteln über Verteidigeranträge zu sehen. Sie werden auch im Detail deutlich, etwa wenn, wie in der vergangenen Woche, die Verteidigerin Schell vom beisitzenden Richter Hagenmeier persönlich attackiert wird: „Sie sind hier fehl am Platze!“ Oder wenn das Gericht erst nach wochenlangem Zögern der Anhörung von Gutachtern zustimmt, die die große Diskrepanz von zwei Haaranalysen von Christoph Daum klären sollen. Und sie tritt zutage in der bisherigen Weigerung, den Zeugen R. vorzuladen. R. wurde von der Staatsanwaltschaft eigentlich als Hauptbelastungszeuge aufgebaut. Nach bisherigem Kenntnisstand und Ermittlungsergebnissen aber muss man wohl sagen: aufgebauscht.

Am Montag nun hat das Gericht den Schwarzen Peter in dieser Sache recht kindisch zurückgegeben und begründet, es könne den R. ja nicht vorladen, weil schließlich erst über den Befangenheitsantrag entschieden werden müsse. Den K. brachte diese Äußerung dann mit einiger Logik auf die Palme: „Aber den hätten sie doch längst laden können!“

So geht es hin und her, geht es um Streitereien der Juristen und um Verzögerung, aber es geht eher nicht mehr um die vermeintliche Strafe des Christoph Daum. Der saß auch am Montag wieder brav auf seinem Platz, und wird auch weiter brav dort sitzen und mitschreiben und irgendwann wieder einmal platzen. So wie vergangene Woche, als die Zeugin Hoffmann auf Insistieren des beisitzenden Richters Hagenmeier berichtete, sie habe gehört, dass die jetzige Lebensgefährtin Daums früher mal als Prostituierte gearbeitet habe. Was in jedem Fall ein triftiger Grund für Daums Erregung ist, weil, selbst wenn es stimmt, es weder strafbar noch verwerflich ist und schon gar nicht erhellend im Sinne der Anklage.

Grund zum Genuss

Mitgenommen aber sieht er aus, der einst so vitale Trainer, eingefallen sind die Gesichtszüge, wenn er auch am Montag eigentlich Grund zum Genuss haben konnte. Der vorgetragene Befangenheitsantrag war nämlich durchaus stringent und hatte große Logik. Er bezog sich auf die Stellungnahmen des Gerichts zu zwei Befangenheitsanträgen aus der vorigen Woche, in denen der Richter und seine zwei Beisitzer in wesentlichen Punkten Sachverhalte falsch wiedergaben – zum Beispiel die Attacke gegen die Verteidigerin Schell – oder sich auf ihr „Erinnerungsbild“ beriefen. „Für den Fall“, formulierten die Verteidiger „dass sich jedoch die Richter in allen maßgeblichen Punkten nicht äußern und/oder erinnern könnten, so stellt sich die weitere Frage, ob die abgelehnten Richter überhaupt in der Lage sind zutreffend der Hauptverhandlung zu folgen…“ Paragraph 338, Ziffer 5 Strafprozessordnung regelt einen solchen Fall und fordert, dass die Hauptverhandlung in Anwesenheit der Richter stattzufinden hat. „Darunter versteht der Gesetzgeber“, merkten die Verteidiger in ihrem Antrag mit gehöriger Süffisanz an, „aufmerksame Richter, die der Hauptverhandlung folgen und die wesentlichen Tatsachen erfassen.“ Man kann sich denken, dass dem Antrag nicht stattgegeben wird.

In den obligatorischen Pausen dieses antragsreichen Verhandlungstages stand Daums Anwalt Ralph Maier auf dem Gang und erläuterte, dass sie auch nicht wirklich damit rechnen. „Wir gehen davon aus. Und es ist offensichtlich, dass hier kein fairer Prozess mehr zu erwarten ist. Es kann hier nur noch darum gehen, den Prozess platzen zu lassen, um an einem anderen Ort eine Neuauflage zu erwirken.“ Es stellte sich dann die Frage, ob denn diese Art der destruktiven Verhandlungsführung nicht letztlich das Stimmungsbild gegen den Mandanten, also gegen Christoph Daum, negativ beeinflusse. Man sei doch schon am Ende angekommen, sagte Ralph Maier. Schlechter gehe doch gar nicht mehr. Und Daum nickte dazu. Der hat beobachten können, wie Staatsanwälte und Gericht auf das Verlesen des Befangenheitsantrages reagierten: sehr amüsiert. Es werden wohl noch viele Anträge verlesen werden.

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