Zeitung Heute : „Wer sich integrieren will, kann das auch“

Migranten und Unternehmensgründung – das ist ein Schwerpunktthema der „deGUT“. Die Zahl der Unternehmen wächst

In der aktuellen Debatte um die Integration von Migranten, liegt der Fokus auf denjenigen, die sich nicht integrieren wollen. Dabei gibt es zahlreiche Erfolgsgeschichten, die beispielgebend sind für eine gelungene soziale und ökonomische Integration. So haben vor Jahren schon ehemalige Gastarbeiter begonnen, sich selbstständig zu machen und auch außerhalb ihrer ethnischen Gemeinschaft einen gesamtwirtschaftlichen Beitrag zu leisten.

Das belegt nicht zuletzt auch eine OECD-Studie: Die Zahl der von Migranten gegründeten Unternehmen steigt seit 1998 stetig. In Deutschland liegt der Anteil der Selbstständigen mit ausländischen Wurzeln mittlerweile fast gleich auf mit dem der Deutschen. Ob Ich-AG oder andere Fördermaßnahmen, in Deutschland profitieren alle, egal welcher Herkunft. Und so gilt: Das Unternehmertum ausländischer Mitbürger trägt signifikant zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei. Ein nicht zu unterschätzender Beitrag für die Volkswirtschaft. Für das laufende Jahr erwartet der DIHK daher auch, dass Unternehmer ausländischer Herkunft hier rund 150 000 Arbeitsplätze schaffen. Dabei gründen die meisten im Handel und in der Gastronomie, aber auch in allen anderen Branchen.

Eine solche Gründerin ist Ayse Kisa, die sich 2004 gemeinsam mit ihrem Mann mit einer Visagistenschule selbstständig machte. „Ich wollte eigentlich in einen ‚Männerberuf' und Anwältin für Strafrecht werden“, erzählt die junge Türkin. Während des Studiums arbeitete sie nebenbei als Visagistin und lernte so ihren jetzigen Partner kennen, den Modefotografen Cihan Zaimoglu, der unter seinem Künstlernamen Chicocihan bekannt ist. „Er hat mich quasi noch tiefer reingezogen“, so Kisa. „Der Auslöser in der Branche zu bleiben war die Selbstständigkeit. Zwar fühlte ich mich nach meinem Jura-Studium in dieser Branche völlig unterfordert, aber das kreative Arbeiten hielt mich vom Schreibtisch fern.“

„Ich habe ein typisches südländisches Temperament“, sagt sie. „Man hat eine Idee und sie wird sofort umgesetzt.“ Für die Gründung ihrer ersten Schule hatte das junge Paar nicht genug Geld, also nahmen sie eine deutsche Geschäftspartnerin mit ins Boot. „Damals haben wir nichts geplant, einfach gemacht. Die Schule wurde im Fotostudio von Chicocihan eröffnet“, so Kisa. „Ein Jahr später trennten sich allerdings gerichtlich die Wege zwischen Chico und mir einerseits und unserer Partnerin andererseits.“ Und so machte sich Kisa auf die Suche nach einer Bank, die ihre Geschäftsidee unterstützen würde. „Ich recherchierte im Internet, aber für diese Branche sahen die Fördermöglichkeiten sehr schlecht aus, gefördert wurden nur Solar- und andere neue Energieprojekte“, erinnert sie sich. Trotzdem ging sie zur Sparkasse und hatte Glück.

„Ich saß über drei Monate an dem Businessplan mit allem, was dazu gehört. Hilfe konnte ich mir weder leisten, noch vertraute ich die Idee anderen an. Allerdings hatte ich einen helfenden Engel an meiner Seite, der mir ab und an die Richtung zeigte und von Anfang an in unser Konzept Vertrauen hatte: unsere Bankberaterin Frau Volger. Ich hatte wirklich das Glück, eine kompetente, lebenserfahrene Frau vor mir zu haben, die nicht nur Checklisten und Formulare abarbeitet, sondern auch den Menschen vor ihr sieht: Kann der das? Will der das wirklich?“

Am Ende haben Kisa und Zaimoglu überzeugt und die erwünschte Förderung erhalten. Heute betreiben sie eine der erfolgreichsten Visagistenschulen in Deutschland. „Ich komme aus einer richtig traditionellen türkischen Familie aus Mersin. Das bedeutet, dass wir keine Kopftücher tragen. Wir respektieren das Leben und die Ehrlichkeit. Liebe, Respekt und Gesundheit sind das höchste Gut, das du besitzen kannst. Nicht Geld. Diese Grundphilosophie trage ich auch ins Unternehmen: Ehrlichkeit und Respekt“, so Kisa. Auch wenn weder Bank noch Vermieter ihre nicht-deutsche Herkunft je als Hindernis gesehen haben, weiß sie um die Ressentiments gegen Türken. „Ich spüre von vielen eine subtile Missachtung. Vielleicht ist das der Grund, warum ich auch mit türkischen Schülern Deutsch spreche, fast nur deutsches Personal habe oder einen deutschen Steuerberater.“

Von solchen Ressentiments spürt Mato Cujic hingegen nichts. Der charmante Kroate kam 1970 als junger Mann nach Altenkirchen im Westerwald, um sich für eine Saison etwas Taschengeld zu verdienen. Dann aber entschied er sich, zu bleiben. „Ich wollte nach Berlin“, erzählt er. „Ich wollte etwas Eigenes aufbauen." Anfangs arbeitete er als Verkäufer und lernte Deutsch. Nebenbei putzte er für eine Reinigungsfirma in einer Druckerei und Buchbinderei. „Das war nicht ganz einfach“, so Cujic. „Aber ich habe meinen Job ordentlich gemacht und wurde dafür gelobt.“ Schritt für Schritt arbeitete er sich im Reinigungsunternehmen nach oben, nahm dort eine feste Stelle an und wurde mit technischen und kaufmännischen Schulungen gefördert. „Wer fleißig und ehrlich ist, kann es in diesem Land zu etwas bringen“, sagt er. Und so gründete er 1987 die Cujic Gebäudereinigung.

„Ich habe mich eingelesen, wie man eine Firma gründet. Und dann ging es los“, sagt Cujic. Da seine Frau und er gespart hatten, mussten sie für die Gründung selbst keinen Kredit aufnehmen. Dennoch ging er zur Bank, um die Lohnzahlungen seiner Mitarbeiter abzusichern.

„Ich hatte ein gutes Verhältnis zum Filialleiter unserer Bank, der uns in allem unterstützte", erinnert er sich. Mit seiner offenen, ehrlichen Art, schaffte es Cujic schnell einen treuen Kundenstamm zu akquirieren. Heute leitet er gemeinsam mit seinen beiden Kindern ein erfolgreiches Unternehmen. Das hat inzwischen 120 Mitarbeiter und sein erster Kunde ist nach 30 Jahren immer noch dabei. Und Cujics Fazit? „Wer sich sprachlich und ökonomisch integrieren will, kann das auch.“

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