Zeitung Heute : Wer sich nicht schämt

Der Tagesspiegel

Der Zentralrat der Juden in Deutschland protestiert gegen die Kritik der FDP an Israel. Die Meldung ist kurz, die Bedeutung groß. Denn der Zentralrat der Juden hat immer Wert darauf gelegt, sich zwar politisch einzumischen, nicht aber Parteipolitik zu betreiben. Außerdem war die FDP bislang die Partei ihres unvergessenen Präsidenten Ignatz Bubis. Es ist dem Zentralrat also gewiss nicht leicht gefallen, seine Empörung öffentlich zu machen – umso mehr spiegelt es die Verzweiflung darüber wider, dass die unglaublichen Äußerungen von Jürgen Möllemann zunächst folgenlos blieben. Er hatte die palästinensischen Attentate gegen Zivilisten als Notwehrrecht dargestellt, mit der Begründung: „Ich würde mich auch wehren, und zwar mit Gewalt.“ Möllemann hat das vielleicht nicht einmal deswegen gesagt, weil er ein Feind der Israelis ist. Vielleicht wollte er auch nur seine persönlichen Beziehungen zu arabischen Staaten pflegen – man weiß nicht, was abstoßender wäre. Zu alldem hatte FDP-Chef Westerwelle zunächst geschwiegen, dann Möllemann verteidigt. Und doch ist nicht zu erwarten, dass der Protest der Juden die führenden Liberalen beschämt. Eher werden die wieder Auftrieb erhalten, die auch links und rechts von der FDP schwer an einem angeblichen Verbot leiden, das in Wirklichkeit nie bestanden hat: Israel zu kritisieren. Aber das ist nun wirklich nicht das Problem des Zentralrats. gdl

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