Zeitung Heute : Wer sich verwählt

Beim vergangenen Mal führte das Lochsystem ins Chaos. Jetzt soll es eine Besserung geben: die Abstimmung per Computer

Robert Rimscha

Ende des Jahres 2000 wurde George W. Bush mit so knapper Mehrheit gewählt wie kein US-Präsident vor ihm. Entscheidend waren die Wahlmänner aus Florida, wo Bush mit wenigen hundert Stimmen Vorsprung gewann. Dutzende Gerichte mussten sich im November und Dezember mit dem Auszählungsmodus beschäftigen. Denn das Design der Wahlzettel hatte ganz Amerika in eine Krise gestürzt, über die die Welt nur lachte.

Im Landkreis West Palm Beach hatte sich die Wahlverwaltung für das „Schmetterlings-Design“ entschieden. Links oben auf dem Wahlschein stand der Name von George W. Bush, Republikaner. Darunter war Al Gore, Demokrat, aufgeführt. Im Palm Beach County wählte man, indem man Löcher in aufgemalte Kreise stanzte; die Plazierung der Löcher ermittelten dann die automatischen Lesegeräte.

Pat Buchanan von der Reform-Partei war auf halber Höhe zwischen Bush und Gore auf der rechten Seite eingeordnet. Buchanans Stanzloch lag zwischen Bushs und Gores. Alle Stanzlöcher bildeten eine gerade, vertikale Linie. Das war das Problem. Zwar hatten die Unglücklichen, die den Wahlzettel entwarfen, winzige Pfeilchen aufdrucken lassen, die die Zuordnung von Kandidat und Stanzloch klären sollten. Doch offenbar gab es Tausende, denen ein Fehler unterlief.

Wer für Gore stimmen wollte und das zweitoberste Stanzloch wählte, weil Gore doch der zweitoberste Name war, irrte. Und Buchanan freute sich, denn er bekam im Landkreis 3000 Stimmen, in Relation zur Einwohnerzahl das Zehnfache seines mageren Durchschnitts in Florida. Zahlreiche Wähler merkten offenbar direkt nach dem ersten Stanzen, dass sie einen Fehler gemacht hatten, und schlugen ein zweites Loch – diesmal bei Gore. 19 000 Stimmzettel wurden im Landkreis um West Palm Beach für ungültig erklärt, weil mehrere Kandidaten gewählt wurden. Jack Quinn, der Ex-Stabschef von Gore, meinte: „Wir sind davon überzeugt, dass es Zehntausende von Wählern gab, die mit der Absicht zur Wahl gingen, Gore zu wählen, deren Stimmen wir letztlich aber nicht haben.“ Es folgte ein wochenlanges Ringen um die Zulässigkeit von Nachzählungen per Hand. Waren ausgebeulte, hängende oder schwingende Stanzlöcher ein hinreichender Ausdruck des Wählerwillens? Amerika lernte neue Vokabeln. Ein nur ausgebeultes, aber noch fest im Wahlschein verankertes Stanzloch war ein „pregnant chad“.

Der oberste Gerichtshof entschied schlussendlich mit knapper Mehrheit für Bush. Weil einheitliche, vorab definierte Kriterien fehlten, wurden weitere Nachzählungen für unzulässig erklärt. Gore warf Bush vor, den wahren Wählerwillen zu missachten. Bush warf Gore vor, die angeblichen Stimmen so lange zählen zu wollen, bis das genehme Ergebnis herauskäme. Den Richterspruch aber akzeptierte der Demokrat.

Inzwischen haben viele Wahlkreise und ganze Einzelstaaten auf Computersysteme umgestellt. Doch ausgerechnet in Florida läuft hiergegen eine Klage. Denn laut Gesetz muss die Stimmabgabe nachprüfbar sein. Ein Computer aber könnte nur abermals dieselbe Liste der gespeicherten Ergebnisse ausdrucken. Korrekturmöglichkeiten gibt es daher nicht. Es klagt im Übrigen ein Kongressabgeordneter – einer der Demokraten.

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